Gastbeitrag: Ein alter Bus ziert Ulms neue Mitte

Vor einigen Jahren verpasste sich die Stadt Ulm ein neues Innenstadtgesicht. Jetzt gibt es hier, in unmittelbarer Nähe zum historischen Rathaus, moderne Dienstleistungszentren, schicke Cafés und sogar eine Kunsthalle. Auch die städtischen Omnibusse und die der regionalen Linienanbieter haben in der „Neuen Mitte“ nun eine eigene Busspur bekommen.
Wer hier momentan auf seinen Bus wartet, der kann sich die Minuten auf eine sehr informative Art vertreiben – mit einem Bus. Oder noch besser: mit einem ganz besonderen Fahrzeug, nämlich mit dem ersten Linienbus der Stadt.

Das 30 PS starke Fahrzeug, genannt das „Wiblinger Auto“, fuhr im Jahr 1911 von der damaligen Stadtmitte in den Vorort Wiblingen und zurück. Nun ist er für kurze Zeit zurückgekehrt und der Hingucker der Ausstellung „Setra – eine Marke der Region“, die momentan im modernen Forum der Sparkasse Ulm und damit direkt neben der Haltstelle „Rathaus Ulm“ zu bewundern ist.  
Immer wenn ich dort vorbeikomme, sehe ich, wie Passanten hineinspazieren und das feine Stück bewundern, das mit 18 Sitz- und zehn Stehplätzen ausgestattet ist und normalerweise im Setra Kundencenter in Neu-Ulm beheimatet ist.
Doch seit einigen Tagen zieht die Leihgabe der Daimler AG ältere und jüngere Menschen an, die es sich mitunter gar nicht mehr vorstellen können, was Busfahren einst bedeutete. 45 Kilometer in der Stunde erreichte das Wiblinger Auto auf der geraden Strecke damals, die Passagiere saßen auf harten Bänken, die Holzräder hatten Vollgummibereifung. Und doch: der erste Kässbohrer-Omnibus war seiner Zeit weit voraus – und das allein schon im Aufbau. Anders als damals üblich, saß der Fahrer nicht im Freien, sondern bereits an seinem Fahrerplatz im Bus. Dies alles war die Errungenschaft des kongenialen Ulmer Wagnermeisters Karl Kässbohrer, von dem übrigens eine Holzbüste in der Ausstellung zu sehen ist. Auch wenn das historische Gefährt noch kein Setra war, war es ein Symbol für den Start des legendären Omnibusbaus in Ulm, der sich – wie wir heute wissen – zu einem wahren Höhenflug entwickelte.
Heute bilden die Busse mit selbsttragender Karosserie, die im Jahr 1951 ihre Geburtsstunde in der Ulmer Weststadt erlebten, noch immer das starke Rückgrat des regionalen Wirtschaftsraums. Die Marke Setra, die ihre Reise- und Überlandlinienbusse seit nunmehr bereits 20 Jahren im Neu-Ulmer Omnibuswerk der EvoBus GmbH fertigt, ist der zweitgrößte Arbeitgeber in Ulm, um Ulm und um Ulm herum.

Zur Serienreife hat die Setra-Busse übrigens Otto Kässbohrer gebracht, einer der Söhne von Karl Kässbohrer. Er rief 1950 das Entwicklungsprojekt „KKS“ ins Leben. Die drei Buchstaben standen für „Karl Kässbohrer selbsttragender Omnibus““. Es wurde mit dem Satz begründet: „Um von der Anlieferung von Omnibusfahrgestellen unabhängig zu sein und gleichzeitig den Omnibus als Personenbeförderungsmittel technisch zu verbessern, wird die Entwicklung eines selbsttragenden, fahrgestellosen Omnibusses in Angriff genommen.“  

Noch bis zum 25. Mai haben also wartende Fahrgäste oder zufällig vorbeikommende Passanten die Chance, nicht nur das blankpolierte Schmuckstück aus dem Jahr 1911 zu bestaunen, sondern an übersichtlich gestalteten Info-Wänden mehr über die Geschichte der Busse zu erfahren – von der ersten Baureihe 10 aus den 50er-Jahren über die Baureihen 100, 200, 300, 400 bis hin zur derzeit topaktuellen sechsten Baureihe, der Setra ComfortClass 500. Auch diese modernen und auf höchste Wirtschaftlichkeit getrimmten Luxusbusse, deren Serienfertigung erst vor einigen Wochen startete, sind ihrer Zeit wieder einmal weit voraus. Das kennt man ja nun schon in Ulm. Unter anderem erfüllen sie mit ihren umweltfreundlichen Euro VI-Motoren schon heute gesetzliche Vorgaben von morgen und übermorgen.  
Dies alles kann man also bei dem kurzen Rundgang durch die Sparkassen-Vorhalle hautnah erleben, und so mancher Besucher wird wohl mit ganz anderen Augen in den nächsten Bus einsteigen. Und sollte man bei all den Informationen rund um die erfolgreichen Ulmer Produkte und dem Schwelgen in der Vergangenheit seinen Anschluss verpassen, so ist das ganz bestimmt kein Beinbruch. Der nächste Bus kommt ganz bestimmt.

 

Anmerkung der Redaktion:
Ein topmoderner Setra ComfortClass 500 ist vor ein paar Wochen zu einer Reise um die Welt gestartet. Wer sehen will, was die Teilnehmer der Reise alles zu sehen bekommen, kann sich das auf unserem Tumblr-Fotoblog ansehen.

Über den Autor:
Stefan Loeffler ist freier dpa-Journalist und Texter. Er ist Inhaber des kawe8 Verlag, auf dem er auch seine eigenen Bücher veröffentlicht hat.


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