Arbeiten in der virtuellen Realität

Seit 5 Jahren bewege ich mich in den „unendlichen Weiten“ der virtuellen Welt. Allerdings nicht in einem Computerspiel, wie man auf den ersten Eindruck meinen könnte – vielmehr hilft die Virtualität, schneller Erkenntnisse über Fahrzeugmodelle zu gewinnen. Digital.  Wie kann man sich das vorstellen?  -Ähnlich wie an einem CT kann das Auto „tomographisch geschnitten“ werden, um einen besser Blick in das Innere zu bekommen. Flexible Leitungen werden simuliert, um Länge und Form zu überprüfen. Oder einzelne Bauteile ausgebaut, um einen Reparaturfall nachzustellen. All dies ist schon am frühen digitalen Entwicklungsmodell möglich, lange bevor ein Prototyp gebaut wird.

Beispielsweise kann schon am digitalen Modell überprüft werden, wie man im „wirklichen Leben“ an den Scheinwerfer herankommt und der Kunde so leicht in der Lage ist, Glühbirnen zu wechseln. Häufige Arbeiten in der Werkstatt wie zum Beispiel das Wechseln von Betriebsflüssigkeiten oder die Reparatur von Verschleißteilen sollen so schnell und kostengünstig wie möglich durchgeführt werden. Mit diesem Ziel setzen sich bei Global Service & Parts Mitarbeiter aus verschiedensten Berufsgruppen zusammen: Spezialisten aus dem Werkstattumfeld und der Reparaturtechnik, Ingenieure aus Forschung und Entwicklung und Informatiker wie ich, die ursprünglich aus der Programmierwelt in die Fahrzeugtechnik gekommen sind.

 

Jede „Partei“ verfolgt natürlich eigene Ziele: Ingenieure haben die Produktionskosten im Auge, der After Sales zielt auf die Minimierung von Standzeiten und Kosten in der Werkstatt. Gerade aber wegen der Total Cost of Ownership (auf Deutsch Fahrzeug-Gesamtkosten) und der Reduzierung von „LifeCycle Kosten“ (Kosten „Lebenszyklus“eines Fahrzeugs)  für den Kunden verfolgen alle Parteien gemeinsame Ziele.

Aber warum sollte eigentlich mit virtuellen Fahrzeugen gearbeitet werden?  Fortschritte in der Fahrzeugtechnik und die Änderungen von Marktanforderungen haben auf der einen Seite zu einer starken Variantenvielfalt geführt. Auf der anderen Seite werden Fahrzeugreihen immer stärker in  „Modulen“ gefertigt,  so dass beispielsweise komplette Motoren über mehrere Baureihen hinweg ihren Einsatz finden. Hinzu kommen neue Technologien und Gesetzesanforderungen, wie die Abgasnorm Euro6 oder emissionsfreie Antriebsaggregate wie Elektro- und Brennstoffzellenantriebe.

Die Schnittstelle von der realen Welt hin zur virtuellen Welt ermöglicht eine mehrseitige Projektion (genannt CAVE) oder eine Powerwall, wie sie meist in Virtual Reality- Zentren vorhanden sind. Hier wird mit Hilfe von 3D-Projektoren und einer 3D-Brille auf der Nase, ähnlich wie im Kino eine räumliche Tiefe erzeugt, so dass ein besserer Eindruck des Fahrzeugmodells entsteht. Ein Center mit solch einer Powerwall ist das Virtual Reality Service-Center (VRSC) bei Service & Parts in Esslingen Brühl. Es ist so gebaut, dass gleichzeitig ein LKW eingestellt werden kann, während man an der Powerwall schon an der nächsten Generation in digitaler Form arbeiten kann.

Das Tagesgeschäft bei uns im VRSC dreht sich rund um die Fahrzeugentwicklung, immer mit dem Fokus auf die wartungs- und servicerelevante Optimierung. Das Fahrzeug soll schon in der Entstehung in eine servicefreundliche Richtung beeinflusst werden. Die Wartung am Fahrzeug sollte für den Kunden so komfortabel wie möglich sein und die Reparatur in der Werkstatt schnell und kostengünstig durchgeführt werden.

Das Fahrzeug muss deshalb schon viele Jahre, bevor es auf die Straße kommt, auf „Herz und Nieren“ überprüft werden. Dabei machen wir digitale Service-Checks (virtuelle Untersuchungen), die die späteren echten Servicearbeiten am Fahrzeug schon vorwegnehmen.

Damit gehen wir dann in Gespräche mit Entwicklungsabteilungen und dem After Sales Bereich. Ermittelt wird dabei nicht nur die Machbarkeit und Zugänglichkeit bestimmter Bauteile, sondern auch eine erste Hochrechnung der benötigten Zeit für den Arbeitsablauf in der Werkstatt. Die Reparaturabläufe werden kontinuierlich während der gesamten Entwicklungszeit auf ihre Tauglichkeit überprüft.

Die Basis des virtuellen Fahrzeugs bilden Konstruktionsdaten, die von Entwicklungsabteilungen zur Verfügung gestellt werden. Tagtäglich arbeiten Ingenieure und Konstrukteure daran, das Produkt weiterzuentwickeln bis hin zur Serienreife. Dies führt dazu, dass sich der aktuelle Stand des Fahrzeugs in ständiger Veränderung befindet.

Das VRSC testet aber auch neue Innovationen und Technologien auf ihre mögliche Verwendung im After Sales. Beispielsweise kann für die Reparaturbeschreibung in der Werkstattliteratur ein virtuelles Fahrzeug zur Bilderstellung und Reparaturmethoden Findung hilfreich sein. Auf Basis von Untersuchungen und Reparaturkonzepten können animierte Film-Sequenzen produziert werden, die ein besseres Verständnis über den Reparaturablauf ermöglichen. In Kürze bekommt der Mechaniker in der Werkstatt einen sehr guten Eindruck der Einbausituation. Animierte Reparaturabläufe unterstützen so die Werkstatt-Literatur bei komplexen Arbeiten.

Auch darüber hinaus macht man sich bei uns im Center Gedanken, wie eine mit dem Computer erzeugte Animation dem Werkstattpersonal am besten zur Verfügung gestellt werden kann. Hierfür steht eine wirklich spannende Technologie in den Startlöchern: „Augmented-Reality“, zu Deutsch „erweiterte Realität“. Eine Technologie, die beispielsweise mit einer Brille die Wahrnehmung steigern und dem Mechaniker direkt Informationen in das Blickfeld einblenden kann. So kann mit beiden Händen am Fahrzeug gearbeitet werden.

Ich bin davon überzeugt, dass die „unendlichen Weiten“ der virtuellen Realität meinen Kolleginnen und Kollegen in der Entwicklung und im Service helfen können. Und das kommt „in echt“ wiederum unseren Kunden zu Gute!


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