Rallye Aïcha des Gazelles: Wüste vs. Fahrzeuge

Die Teilnahme bei einer Offroad-Wüstenrallye mit einem Transporter, genauer, mit einem Sprinter-Sonderaufbau mit verkürztem Radstand, vollwertigem Allrad und Rallye-Anpassungen, ist schon etwas Besonderes. Dies gilt umso mehr, weil ich eine von 8 Frauen sein durfte, die für Mercedes-Benz Vans an der einzigen Frauenrallye der Welt, der Rallye Aïcha des Gazelles, teilgenommen haben. Ausgewählt wurde ich hierfür bereits im letzten Jahr (2012), sodass dies meine zweite Teilnahme an dem einzigartigen Wettkampf werden sollte. Letztes Jahr noch in einem Vito im Crossover-Classement unterwegs, wurde die Herausforderung für mich dieses Jahr gesteigert, indem wir mit dem Sprinter in der richtigen Allrad-Klasse antraten.

Hoch motiviert und mit dem Ehrgeiz, meine Fähigkeiten als Navigatorin noch besser als im letzten Jahr unter Beweis zu stellen, trat ich mit meiner Fahrerin Lina Van de Mars die Reise nach Süd-Marokko an. Start der Rallye war in der Nähe des kleinen Ortes Taouz nahe der algerischen Grenze am 20. März 2013. Nachdem der Prolog eher einfach erschien, hatte es die erste Rallye-Etappe schon sehr in sich.

Wir steckten morgens an zwei verschiedenen Stellen insgesamt sieben Stunden im Sand fest. Wir haben dabei gelernt, wie schwierig und langwierig es sein kann, ein 2,2-Tonnen schweres Fahrzeug wieder aus dem feinen Wüstensand zu befreien. Trotzdem erreichten wir noch alle Checkpoints an diesem Tag. Das Ergebnis der Mühe war ein toller 16. Platz von 127 Teams. Mit der Hoffnung, uns noch zu verbessern und es vielleicht unter die Top10 zu schaffen, blickten wir den kommenden Tagen entgegen.

Doch am zweiten Tag sollte alles anders kommen als erwartet. Nach dem zweiten Checkpoint am Vormittag blieben wir erneut im Sand in einem größeren Wadi stecken. Zu allem Pech waren uns auch noch beide vorderen Reifen von den Felgen gerutscht. So mussten wir zunächst beide Reifen wechseln und dann den Unterboden vollständig von Sand befreien, bevor überhaupt nur an ein Herauskommen zu denken war. Da unser Sprinter so tief im Sand steckte und sich beim ersten Versuch herauszufahren noch tiefer eingrub, war diese Arbeit sehr mühevoll, langwierig und es schien kaum möglich, ohne fremde Hilfe überhaupt wieder aus dem Loch herauszukommen. Dank eines kleinen Tricks, zusätzlich zu den Sandblechen und –matten auch Kamelgras unter die Reifen zu legen, damit diese wieder „Grip“ bekamen, schafften wir es schließlich nach 3 Stunden uns selbst zu befreien. Das Glücksgefühl fand aber sogleich ein jähes Ende als kurz darauf das Fahrzeug abrupt stehen blieb und sich nichts mehr bewegte. Getriebeschaden! Mitten in den Dünen mit viel Wind, Sand in der Luft und einem weichen Untergrund war an eine Reparatur vor Ort nicht zu denken. Es folgte eine aufwendige Bergungsaktion mit einem großen Truck und wir mussten zurück ins Biwak geschleppt werden. Dies bedeutete, dass wir aus der Rallye-Wertung ausgeschlossen wurden. Auch ein weiteres Mitfahren außerhalb der Wertung war nach versuchter Reparatur des Fahrzeugs nicht mehr möglich.

Die Konsequenz: Lina und ich mussten das Biwak verlassen. Ein harter Schlag, da mir in diesem Augenblick erst richtig bewusst wurde, dass für uns die Rallye endgültig vorbei war. Uns blieb nur noch die Entscheidung: direkt nach Hause fliegen oder noch bis zur Siegerehrung und Abschlussveranstaltung in Marokko bleiben. Wir reisten schließlich parallel zum Rallyetross mit und übernachteten nun in Hotels statt im Biwak. Über der Abschlussveranstaltung in Essaouira mit Fahrzeugparade am Atlantik-Strand schwebte ein Gefühl von „Wir haben die Rallye erfolgreich gemeistert! Wir haben acht Tage hart gekämpft und feiern jetzt!“ Auch wenn wir nicht durch einen eigenen Fehler ausgefallen waren, so fühlte es sich für mich in einer Menge von feiernden Frauen doch als persönliche Niederlage an. Trotzdem hat dieser Tag mir vielleicht auch geholfen, die Erlebnisse besser zu verarbeiten, indem man es noch einmal durchlebt und sich damit auseinander setzt. So ist es eben im Motorsport: Du weißt, du kannst es eigentlich und dann kommt der berühmte „Strich durch die Rechnung“.

But it’s not over until it’s over! Jetzt habe ich mit dem Wüstensand erst recht eine Rechnung offen. Für mich bleibt das Ziel, irgendwann in den nächsten Jahren nochmal bei der Rallye Aïcha des Gazelles mitzufahren. Bis zum Ende. Inshallah!


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