Mit den S-Klassen im Windkanal

Es ist Freitag Morgen, auf dem Weg zum Daimler Werk in Untertürkheim weht ein leichter Wind und ich versuche irgendwie, meine herumfliegenden Haare zu bändigen. Dass dieses Lüftchen nichts im Vergleich zu dem ist was noch kommen sollte, war mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht richtig bewusst. Vor dem Besucherzentrum steht bereits der Bus, welcher die Gruppe von Journalisten, Fotografen und Daimler Mitarbeiter, zum Zielort der heutigen Veranstaltung bringen soll: dem Windkanal.

Es ist mein erster Besuch im Windkanal. Was nicht sonderlich überraschend ist, da ich erst seit kurzem hier arbeite. Auch verstehe ich von der Technik eines Autos noch nicht sonderlich viel. Aber „frau ist ja lernfähig“. „Effizienz als Maxime“ lautete der Titel der Veranstaltung, bei der das Team von Mercedes-Benz Classic historische S-Klassen und ihre Fortschritte im Bereich der Aerodynamik im Windkanal vorführte.

Im Gebäude werden wir von Dr. Teddy Woll, Leiter für Aerodynamik und Aeroakustik bei der Daimler AG, und Martin Konermann, Leiter des Fachgebiets „Neue Aerodynamikpotenziale“, begrüßt. Ich bin jedoch erst einmal beeindruckt von der Größe des Kanals und von den drei tollen Autos, die da mitten im Raum standen. Es sind S-Klassen der Baureihen 116, 126 und 140. Mir gefällt besonders der älteste in der Gruppe, der 116er, der in einem knalligen Blau die anderen beiden Wagen überstrahlt. Jedoch schnitt dieser von den drei ausgestellten Fahrzeugen aerodynamisch am schlechtesten ab, mit einem cw-Wert von 0,41, wie wir gleich von Teddy Woll erfahren sollten. (Die drei präsentierten Autos waren ihren Konkurrenten in der Aero-Entwicklung jedoch alle ein Stück voraus, mit Werten von 0,36 beim 126er, resp. 0,30 beim 140er.) Je tiefer der cw-Wert, desto besser die Aerodynamik. Je besser die Aerodynamik, desto niedriger der Treibstoffverbrauch. So weit, so klar. Ein stehender Mensch hat übrigens einen cw-Wert  von 0.78. Die Präsentationen von Teddy Woll und Martin Konermann zu den Entwicklungen und Fortschritten der Aerodynamik waren sehr interessant und auch als nicht „Physik Expertin“ gut zu verstehen. Sie erklärten unter anderem, wie im Laufe der Zeit, durch das Anpassen von immer mehr Elementen am Auto die cw-Wert ständig gesenkt werden konnten. Einen weiteren Sprung nach vorne soll in diesem Bereich dann erneut die neue S-Klasse machen, die noch dieses Jahr auf den Markt kommt.

Nach dem Fachlichen kam der spaßige Teil. Wir durften einmal durch den ganzen Windkanal laufen. Der Kanal, der nach Göttinger Bauart gebaut ist, ist kreisförmig angelegt, so dass die Luft jeweils nicht wieder von 0 beschleunigt werden muss, sondern nur von ca. 60 km/h. Insgesamt können die Düsen eine Spitzengeschwindigkeit von 250 km/h erzeugen. So funktioniert der Windkanal, der Ende der 1930er Jahre gebaut wurde mit „nur“ 5000 kW und zirkuliert dabei bis zu 15 Tonnen Luft. Nachdem wir um zwei Kurven gebogen sind, stehen wir vor der Turbine, die die Luft antreibt. Es ist noch die original Turbine von 1939. Unglaublich beeindruckend, wie groß sie ist. Der Durchmesser beträgt 8,5 Meter und die Turbinenblätter enden nur wenige Zentimeter über der Betonwand, äußerst exakte Bauarbeit also und das vor über 70 Jahren. Nach zwei weiteren Kurven ist der Kanal zwar nicht zu Ende, aber durch den Filter, der die Düse vor kleinsten, herumfliegenden Teilen schützt, kommt man nicht mehr weiter.

Als alle wieder draußen waren, wurde es windig. Zu Beginn erst mal noch „langsame“ 40 km/h. Dank weißem Rauch, war sehr gut zu sehen, wie die Luft an den Autos vorbeiströmt. Der Windkanal ist ein sehr wichtiges Werkzeug, um kleinste Dinge an den Fahrzeugen zu verändern und so die Aerodynamik um ein vielfaches zu verbessern. Neben dem Luftwiderstand werden dabei auch Auftriebs- und Seitenkräfte, Kipp- und Drehmomente des Fahrzeuges gemessen. Nachdem die Ersten es schon gewagt hatten, sich in den Wind zu stellen wurde die Geschwindigkeit dann noch auf 70 km/h erhöht. Und obwohl zuvor noch große Sprüche gefallen sind, man könne ja bei 120 km/h noch bequem im Wind stehen, hat es bei „nur“ 70 km/h doch einigen Anwesenden die Sprache verschlagen, als sie sich nur mit Mühe aufrecht halten konnten. Auch ich hatte ein paar Probleme, auf dem glatten Boden nicht wegzurutschen. Wenn man sich frontal zur Düse gestellt hat, konnte man sich wie ein Skispringer in den Wind reinlegen. Mit ziemlich zerzausten Haaren, aber viel neuem Wissen ging diese Veranstaltung dann auch schon zu Ende. Allerdings ohne, dass uns der cw-Wert der neuen S-Klasse verraten wurden. Dieser soll bis zur offiziellen Vorstellung natürlich noch ein Geheimnis bleiben.


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