Gastbeitrag: Barcelona oder „träumen kann man ja mal“

Barcelona ist das Juwel Spaniens, voller Kunst, voller Lebensfreude, gutem Essen und das auch noch direkt am Meer. Aber dann ist da auch noch die andere Seite der Stadt zum Beispiel das Drängen nach Unabhängigkeit. Barcelona liegt in Katalonien und die Provinz würde gerne lieber heute als morgen ihre Autonomie erklären. Es ist also kein schlechter Platz, um die gründlich renovierte E-Klasse von Mercedes Benz das erste Mal in Augenschein zu nehmen. Denn genau das will die E-Klasse auch sein.

Kunstvoll und unabhängig, ein anderes, ein individuelles Gesicht in der Premium-Mittelklasse.

So ganz leicht macht es mir die E-Klasse aber nicht und das liegt an ihrem neuen Gesicht. Schon die ersten Fotos betrachtete ich etwas skeptisch. Die neue Front erschien mir ungewöhnlich und warf ein paar Fragen auf. Aber Fotos sind das eine, ein Wagen und dessen Design in seiner Gesamtstruktur zu sehen, ist eine andere. Am Flughafen stehe ich lange vor der E500 Variante, immer noch unschlüssig, ob mir die tief in die Motorhaube gezogenen Frontlichter gefallen. Die durch die tiefen Lichter hochstehende Nase irritiert mich immer noch etwas.

Design braucht Zeit, manchmal durchdringt es erst im zweiten Moment das eigene subjektive Empfinden. Also reinsetzen und losfahren, eine schöne Küstenstraße auf dem Weg nach Sitges wartet. Kaum reingesetzt startet das große Wohlfühlprogramm. Alles ist, wie immer, an seinem Platz. Das Cockpit klar, die Materialen hochwertig und das Bedienkonzept perfekt. Man braucht nur Sekunden, um sich zurecht zu finden, am meisten Zeit verbringt man damit, den Sitz und die Spiegel einzustellen.

Vorne blubbert ruhig der V8 Motor, der 408 PS leistet, was völlig ausreichend ist. Rollt man nur mit dem Verkehr, verschwindet das Motorgeräusch fast komplett. Aber wehe, das Gaspedal wird etwas heftiger benutzt. Nachdrücklich meldet sich das Drehmoment von 600 NM und auch der Geräuschpegel steigt angenehm an. Der V8 macht nachdrücklich klar, was er zu leisten imstande ist.

Etwas später stelle ich den Wagen auf eine schmale Brücke vor einem Feld. Diese Front muss noch mal betrachtet werden. Auf der Motorhaube spiegeln sich die blattlosen Äste eines Baumes, die Schatten spielen mit den Formen und dann macht es „Klick“ bei mir. Die tropfenförmigen Augen der E-Klasse und der Kontrast zu den kantigen Lufteinlässen gefällt mir, ebenso wie der zentrale Stern in der Kühlerhaube. Auch wenn es mich nicht komplett packt, alles macht einen runden und passenden Eindruck. Und dann sind da natürlich noch die Assistenzsysteme der E-Klasse. Der Bremsassistent BAS-Plus reagiert bei einem Test durch Mercedes-Mitarbeiter tadellos und eindrucksvoll. Mir hat es aber vor allem die DISTRONIC PLUS angetan, vor allem auf Landstraßen und auf der Autobahn. Sanft regelt die Elektronik den Abstand, nie hat man das Gefühl, das Auto macht etwas Ungewöhnliches oder reagiert zu spät. Das fördert die Entspannung und das Wohlgefühl im Auto.

Am Folgetag ist es allerdings vorbei mit der Entspannung, denn es erwartet die Testfahrer der neue AMG E63. Mit 585 PS und brachialen 800 NM Drehmoment. Schon das Anlassen des Motors in einer Tiefgarage in Barcelona macht klar, dass man hier Vorsicht walten lassen muss. Das gewählte T-Modell duckt sich auf seinem Parkplatz und wartet nur darauf, losgelassen zu werden. Als die Stadt endlich im Rückspiegel verschwindet und ein Stück Landstraße wartet, zeigt der V8-Biturbomotor, was in ihm steckt. Es geht, um es vorsichtig auszudrücken, zügig vorwärts. Das leise Grummeln des Motors steigert sich in höheren Drehzahlen zum typischen V8 Gebrüll und macht im ersten Moment süchtig. Es geht eine kleine Bergstraße hinauf, die über viele geschwungene Kurven verfügt. Nach ein paar Minuten habe ich völlig vergessen, dass ich in einem T-Modell sitze. Der AMG krallt sich förmlich in den Asphalt, die Assistenzsysteme haben alle Hände voll zu tun und die steilen Berghänge erzittern im Donner des V8-Sounds. Das ist eine völlig andere E-Klasse, das ist nicht ruhig, das ist fast purer Motorsport. Die Straße soll bitte nicht aufhören, ich könnte stundenlang eine Kurve nach der nächsten in den Angriff nehmen.

Daher tut es mir schon fast leid, dass ich den Wagen am Nachmittag wieder am Flughafen abgeben muss. Einmal noch lasse ich den Motor aufheulen, ein Passant hebt die Augenbrauen und grinst.

Die „renovierte“ E-Klasse hat es mir angetan, vor allem der E63. Leider klebt da ein Preisschild drauf, das in keiner Relation zu meinem Kontostand steht. Aber träumen kann man ja mal.


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Don Dahlmann, Journalist, Blogger und Social Media Berater, hat das Benzin im Blut von seinem Vater geerbt. Halb auf der legendären Nordschleife aufgewachsen, hat er bis heute seine Leidenschaft für Autos nicht verloren. Er bloggt unter racingblog.de über den Motorsport und unter racingcarz.com über seine automobilen Erlebnisse.

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