„Gelbsucht“ Teil 1: Ein Benz von 1902 wird restauriert

Als Projektleiter im Mercedes-Benz Classic-Center in Fellbach kümmere ich mich seit vielen Jahren um die Reparatur oder Restaurierung von Klassikern.  Jetzt habe ich ein ganz besonderes Projekt bekommen, über das ich hier einmal im Blog berichten will. Es ist für mich eine Zeitreise 111 Jahre zurück…

Wir wollen mit meinen Kollegen einen Benz Phaeton von 1902 komplett auseinander nehmen und zum berühmten London-Brighton-Rennen im Herbst wieder fahrfertig haben.
Kurz zum Fahrzeug:  Der Benz ist noch kein „Mercedes-Benz“, die Vereinigung der Marken Daimler und Benz erfolgte ja erst 1926. Also waren Benz und Daimler im Jahr 1902 noch Konkurrenten mit völlig unterschiedlichen Autos. Man begann um 1900 gerade, sich technisch und optisch von der Kutsche zu lösen. Es gab den Mercedes Simplex und den Benz Phaeton. Unser Phaeton hat einen Zweizylinder-Boxermotor. Man nennt das damals „Contra-Motor“.

Die Erfindung von Karl Benz war damals eine kleine Revolution: Das Aggregat besitzt mit zwei liegende Zylinder, die gegenläufig arbeitend auf eine gemeinsame Kurbelwelle wirken. Das Contra-Aggregat ist der erste Boxermotor der Automobilgeschichte und wird in Personenwagen, Nutzfahrzeugen sowie in Rennwagen eingesetzt.

Das neue Motorenkonzept bietet gegenüber Reihenmotoren mehrere Vorteile. Vor allem gleichen die um 180 Grad versetzten Zylinder die Massenbewegungen sehr gut aus. Dieser Aufbau erlaubt außerdem eine kompakte und flache Bauweise des Boxermotors. Die Leistung des Contra-Motors steigt nach seiner Premiere 1899 immer weiter. Nach anfänglich fünf und 8 PS  erreicht der Motor mit einer erhöhten Drehzahl von 980/min statt 920/min schließlich 12 PS. Und als neue Varianten kommen in den Benz-Modellen Tonneau und eben „unserem“ Phaeton der 2940-Kubikzentimeter-Motor mit 15 PS zum Einsatz. Das war 1902 schon ein Wort.  Er hatte bereits ein 4-Gang Wechselrad Getriebe mit Rückwärtsgang. Der Primärantrieb war jedoch noch klassisch mit Ledertreibriemen wie beim Benz Patent Motorwagen von 1886- Circa 15.000 Reichsmark kostete so ein Automobil  damals, für die meisten unerschwinglich.

Im hier und jetzt geht es an die (fachgerechte) Zerlegung unseres Benz. Zuerst fällt die Farbe auf, die abblättert. Das Gelb muss von den Holzteilen der Karosserie komplett abgebeizt werden. In den 70er Jahren wurde der  Phaeton schon einmal in England restauriert und mit Acryl-Lack besprüht. Nicht gerade gut. Original wurde der Wagen 1902 von den Benz-Werkern mit einem Pinsel sorgfältig gestrichen. Bei der Technik wird der Motor komplett zerlegt und gecheckt, je weniger repariert werden muss, umso besser, denn jedes Ersatzteil müsste von Hand nachgefertigt werden. Der Motor ist nach über einhundert Jahren noch erstaunlich gut in Schuss, lediglich die Lager der Pleuelstangen mussten erneuert werden. In frischem Gelb strahlen bereits schon die Felgen aus Holz, sie wurden handbemalt, genau wie damals. Mein Projektteam und ich sind jetzt gespannt, ob die anstehenden Arbeiten am Holz noch die eine oder andere (negative) Überraschung hervorbringen. Bis zum London-Brighton Rennen ist noch einiges zu tun…. Wir berichten!

Die Fortsetzung gibt es hier
Teil 3 finden Sie hier


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