Face the challenge – Einblicke in unser Leben in China

Wir, Jörn, 42 Jahre & Bianca, 37 Jahre, Beruf: Maschinenbauingenieur und Bauingenieurin, leben in Peking, China, seit 01.10.2007. Die Rückkehr ist datiert auf 09/2013. Wir sind unserem Traum gefolgt, in einem Land zu leben, mit ganz unterschiedlicher Kultur, Sprache, Denke, um uns weiterzuentwickeln. Über diesen Traum haben wir uns vor 15 Jahren kennengelernt. So sind wir 2007 in Peking ‚gelandet‘; hier ist man am Puls der Zeit; man ist Teil und mittendrin in der rasanten wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung. Erlebt hautnah!

Die Sprache und Schrift sofort zu lernen ist wichtig, da sonst keine Verständigung möglich ist. Die Chinesen sprechen kaum Englisch, im Alltag ist Chinesisch zwingend notwendig! Die kulturellen und gesellschaftlichen Einflüsse, Zwänge und Traditionen im Alltag und Berufsleben sind sehr hoch und z. T. nicht zu vereinen mit der westlichen Herangehensweise und Abwicklung der Arbeit, d. h. es ist viel mehr Zeit notwendig, Geduld und Ruhe. Hinzu kommt, dass Chinesen zwar ja sagen, aber nein meinen und bei Problemen und Fragen nicht offen auf jemanden zugehen, sondern das aussitzen, bis man auf sie zugeht. Chinesen spucken und schmatzen laut in der Öffentlichkeit, daran muss man sich im Alltag gewöhnen. Man sollte auch seine eigene Sprachgewandtheit entsprechend anpassen und sich als Gast verhalten, damit die Chinesen ihr Gesicht nicht verlieren. Leider herrscht in Peking oft Dauersmog trotz darüber liegender Sonne. Zw. 1-2h dauert die Autofahrt zur Arbeit.

Smog

Festzustellen, was alles machbar ist, wie man an sich gewachsen ist, welche Freiheit und Luxus es bedeutet, diesen Schritt gemacht zu haben! Das war die schönste Erfahrung seit der Auswanderung. Es war bereichernd, mich erfolgreich zweifach selbständig gemacht zu haben: als beratende Ingenieurin sowie mit dem CoffeeArtCafé. Daneben spreche ich chinesisch, habe ein Buch geschrieben, bin als Autorin aktiv, berate und vernetze Firmen, die in China Fuß fassen und halte an Bildungseinrichtungen in China und Deutschland Vorträge.

Es ist schön zu erleben, wie man mit chinesischen Freunden an den Punkt zu gelangt, an dem man sich nah ist, Hürden überwindet, über Heimat und Traditionen sprechen kann. Chinesische Freunde sind hier nicht nur unsere „Helfer in der Not“ sondern zu wahren Familienmitgliedern geworden. Es ist hilfreich, dass durch das Internet, Facebook und Skype Nähe zur Heimat überall möglich ist (vorausgesetzt man kann die Zensur umgehen) und man manchmal der Familie und Freunden näher ist, als zuvor in Deutschland. Man erhält viele positive Reaktionen der zurückgebliebenen deutschen Freunde, die den Mut bewundern. Es ist herrlich zu erleben, wie unsere Familien bei Besuchen in unsere „neue Heimat“ eintauchen können, gemeinsame Erlebnisse in der „neuen Heimat“ schaffen, bei Gesprächen immer noch davon zehren und zuhause weitergeben. Gerne feiern wir auch Feste und Traditionen, z. B. an den Adventswochenenden mit Freunden mit einem typisch deutschen Essen mit Gans, Rotkohl und Kartoffelklößen. Wir backen Weihnachtsplätzchen, zelebrieren Glühwein-Partys.

China und Deutschland unterscheiden sich maßgeblich in Politik, 1-Kind-Politik, Gesellschaft, Bildungssystem, Kultur, Sprache, Denkweise, Einrichtungen für Pflege Älterer und Behinderter fehlen größtenteils, Hygiene-Standards bei den vorhandenen Einrichtungen mittelalterlich. Chinesische Frauen suchen sich ihre Männer zuerst aus nach: Was für ein Auto hast Du? Hast Du ein Appartement, ein Haus? Bist Du ein angesehener Geschäftsmann? Wie viel Geld hast Du? Am Erwartungsdruck zerbrechen manche chinesische Männer regelrecht. Um sein Einkommen zu steigern wird nicht selten die Arbeitsstelle gewechselt.

Wir mussten den Theorieteil des chinesischen Führerscheins bestehen, obwohl der Straßenverkehr in China weitaus heftiger ist als in D. Chinesische Fahrschüler aber erst nach Bestehen ihres Führerscheins zum ersten Mal im öffentlichen Verkehr teilhaben dürfen und deshalb chaotische Zustände herrschen. Das Lehrbuch: unlogische Multiple-Choice-Antworten auf Fragen lernen wie z.B. „Was machen Sie mit einem Schwerverletzten“ Antwort: „Nehmen Sie Stroh, tun Sie heraushängende Gedärme zurück in den Bauch und decken alles mit einem Kochtopf ab“. Vieles kommt durch falsche Übersetzungen vom Chinesischen ins Deutsche oder Englische. Lustigster Moment: Bei Bestehen der Führerscheinprüfung erscheint allgemein ein Smiley auf dem Bildschirm, bei mir erschien ein weinender Smiley und der Prüfer gratulierte mir strahlend zum Bestehen. Also hat einer gestrahlt!

Was hat uns am stärksten negativ überrascht? Wie herablassend manche Ausländer sich verhalten und bewegen. Beängstigend ist die Heftigkeit der chinesischen Menschenmassen mit nationalistischen Parolen vor der japanischen Botschaft und in Internetforen im Streit um die Inselgruppen. Dass Ai Weiwei, chines. Nobelpreisträger+Schriftsteller uvm. der Mehrheit der Chinesen völlig unbekannt sind ließ uns staunen. Insbesondere jetzt, da wir Hintergründe kennen, tiefere Einblicke haben – wenn wir die dt. Medien nach Chinathemen durchlesen und reflektieren, stellen wir fest, dass der Fokus auf hpts. negative Aspekte über China so dermaßen überzogen und unverrückbar ist. In China sind die Menschenrechte im Aufbau, der Luftverschmutzungsgrad heftig, Korruption Alltag, es gibt keine Wartung/Instandhaltung am Bau, sondern Bauen-Ende-Fertig!

Viele Ausländer, die man hier vor Ort trifft, gehen davon aus, dass der/die mitreisende EhepartnerIn ausschließlich „begleitet“ und nicht beruflich aktiv ist. Überrascht deshalb, da a) viele Mitreisende nicht wissen, wie sie einer beruflichen Aktivität nachgehen können, b) nicht Fuß fassen und c) völlig hilflos gar überfordert sind und d) sich dies nicht gerade motivierend auf den arbeitenden Partner überträgt.

Fast 6 Asien-Jahren mit Daimler ‚verheiratet‘ überrascht es, wie das Unternehmen Daimler mitten in China weiter so schwäbisch denkt und arbeitet. Man sollte meinen, es wäre ein Weltunternehmen. Beispielsweise in Zügigkeit und Abwicklung der Reintegration sind andere Großfirmen weit überlegen.

Uns hat am stärksten positiv überrascht, wie offen, hilfsbereit und freundlich die Chinesen sind. Eine zunehmende Anzahl an Bürgern, die sich kritisch mit Politik, Gesellschaft, Umwelt, Bildung auseinandersetzt (wird reflektiert in Internetforen, TV Diskussionsrunden, weiteren Medien). In China, eeverything is possible! Eine Idee ist da, kann ohne langes Trara realisiert und eine sagenhafte Erfahrung gemacht werden. Unsere Hassliebe zu China, d.h. das sich bei uns entwickelte wellenförmige Gefühlsleben, hat uns viel gelehrt.

Was vermissen wir am meisten an Deutschland? Was machen wir gegen Heimweh? Die Jahreszeiten, die Natur, Landschaft, deutsche Produkte vom Bauernhof, echte Milchprodukte, Quark, kräftiges Grün in der Natur, Umweltschutz und Respekt vor der Natur. Der Vorsprung in Geschichte und Bildung und Bildungsstandards, die wir in D haben, machen uns stolz. Reiche Chinesen schicken gerade deshalb ihre Kinder zum Studieren ins Ausland.

Unser Ratschlag für zukünftige Expats: Mach es! Plane es gut und sei realistisch! Und genieße es mit allen Fasern Deines Körpers! Lass alle Empfindungen zu und sprich darüber! Es ist ein Geschenk!

Bilder (c): Bianca Weber-Lewerenz


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