Die Grüne Hölle im Visier

Meine Vorbereitungen für ein VLN-Rennen auf der Nürburgring-Nordschleife. Fahrerperspektive – wer ein Autorennen im Fernsehen verfolgt, kennt diese Kameraeinstellung. Die gestochen scharfen Bilder der Cockpit-Kamera versetzen dich als Zuschauer hinters Lenkrad und zeigen dir, wie es WÄHREND eines Rennens auf der Strecke abgeht. Doch wie steht es eigentlich mit der Fahrerperspektive VOR einem Rennen?

Was erlebst du als Pilot, ehe die Ampeln auf Grün schalten? Was passiert in den Katakomben des Rennsports? Für den Daimler-Blog habe ich einmal meine Vorbereitungen auf ein Rennen zusammengefasst.

Schauplatz Nürburgring-Nordschleife. Für mich die schönste aber auch die härteste Rennstrecke der Welt. Nicht umsonst trägt der gut 20 Kilometer lange Eifel-Kurs den Beinamen „Grüne Hölle“. Ein Rennen der VLN Langstreckenmeisterschaft steht an, Europas populärster Breitensport-Rennserie. Pro Lauf sind über 150 Fahrzeuge aller Klassen auf der Strecke. Mein Dienstwagen: ein Mercedes-Benz SLS AMG GT3. Schnell, schön – und absolut siegfähig! Wie bei allen VLN-Läufen spielt sich die geballte Action am Samstag ab: 8:30 Uhr Zeittraining, 12:00 Uhr Rennstart. Dann gilt es: Früh am Gas, spät auf der Bremse. Boxenstopp, Fahrerwechsel. Vier Stunden lang, volle Konzentration.

Doch oft genug entscheidet sich ein Rennen bereits in den Stunden davor: Mein VLN Einsatz beginnt um 7:45 Uhr mit der Fahrerbesprechung. Ein Pflichttermin für alle Piloten – entsprechend voll ist es im Briefing-Raum. Kein Wunder bei durchschnittlich drei Fahrern pro Fahrzeug. Die Rennleitung klärt uns über Regeln und neue Sicherheitsaspekte auf. Thema des Tages: Als Test sind in einige Fahrzeuge GPS-Module eingebaut. Sie sollen die Geschwindigkeiten dokumentieren und zu schnelles Fahren in einer Gelbphase aufdecken. Seit neuestem gilt in der VLN bei doppelt gelb geschwenkten Flaggen ein Speed-Limit von 60 km/h. Am Ende der Besprechung erhält jeder Fahrer ein Armband zur Kontrolle durch die Stewarts, denn nur wer bei der Fahrerbesprechung war, darf auch an Training und Rennen teilnehmen.

8:15 Uhr, jetzt muss es schnell gehen: Treffen im Teamtruck – Fahrer, Ingenieure, Mechaniker. Der Teamchef geht mit uns die Strategie für das Zeittraining durch. Entscheidend wird der Anfang: Unser Ziel ist es, bei den Ersten zu sein, die auf die Strecke gehen, um eine freie Runde ohne Verkehr zu erwischen. Daneben nehmen wir die letzte Phase des 1½-stündigen Qualifyings ins Visier: Die kleineren Teams sind dann meist schon fertig und die Chancen für noch eine freie Runde sind wieder besser. Außerdem haben der SLS AMG GT3 und die Dunlop-Reifen dann optimale Temperatur. Schöner Nebeneffekt: Mit einer Last-Minute-Bestzeit hat die Konkurrenz keine Chance, noch zu kontern.

Es wird ernst: Ab in die Box, Helm auf, und rein ins Auto. Ein letzter Check der Ausrüstung und der Instrumente: Trinksystem, Teamfunk, Gurte, Sitzposition. Und dann: Gentlemen, start your engines! Der tiefe Motorsound des Flügeltürers mischt sich mit der Geräuschkulisse der Boxengasse. Gänsehaut. 8:30 Uhr, die Strecke ist freigegeben… und Action!

Pünktlich um 10:00 Uhr tickt der Countdown auf Null: Trainingsende. Die angefangene Runde zählt noch. Zehn Minuten später steht der Flügeltürer wieder in der Box und die Bestzeit auf dem Ergebnismonitor. Doch keine Zeit für Jubel: Dem Team bleibt nur eine gute Stunde, um das Fahrzeug auf das Rennen abzustimmen. Ein Monster-Job, zumal sich bei einem großen Starterfeld bis zu acht Fahrzeuge eine Box teilen. Wir Fahrer ziehen uns in dem Teamtruck zurück für das Rebriefing mit den Ingenieuren. Wo stehen wir? Wo die anderen? Wie lief das Auto? Was sagt das Data-Recording? Passen die Parameter? Wie gehen wir ins Rennen? Welche Reifenmischung? Was macht das Wetter? Immer ein kritischer Faktor in der launischen Eifel.

Zwischendurch schnappe ich mir etwas Leichtes zu Essen. Und viel trinken. Das ist wichtig, denn während einer Stunde – so lange dauert mein Stint mindestens – wirst Du im Cockpit auch physisch voll gefordert. Ein Belastungstest für deine körperliche Fitness. Zehn Minuten bevor ich pünktlich um 11:25 Uhr in die Startaufstellung fahre, nehme ich mir noch meine kurze Auszeit: Ohrenstöpsel rein, Augen zu, Welt ausblenden. Dann heißt es: Showtime! Startaufstellung, Einführungsrunde, Rennstart…

Den Rest kennen Sie aus dem Fernsehen: die Fahrerperspektive während des Rennens.

Thomas Jäger, Rennfahrer im Driver Pool des AMG-Kundensportprogramms.

Anmerkung der Redaktion:

In der diesjährigen VLN-Saison fanden auf der Nürburgring-Nordschleife insgesamt neun Rennen statt: Dreimal davon ging der Gesamtsieg an einen SLS AMG GT3. Die AMG Kundensportteams sicherten sich sechs Podiumsränge und holten insgesamt 13 Top-Ten-Plätze.

Auch auf internationaler Ebene fällt die Erfolgsbilanz der AMG Kundenteams eindrucksvoll aus: Insgesamt fuhr der SLS AMG GT3 in diesem Jahr bei einzelnen Rennveranstaltungen und in den unterschiedlichen Serien 37 Renn- und Klassensiege ein (Stand: 13.11.2012).

Darüber hinaus sicherten sich die Teams 2012 die Titel in der FIA GT3 Europameisterschaft (Fahrer- und Teamtitel), der FIA GT1-Weltmeisterschaft (Fahrer- und Teamtitel), den ADAC GT Masters (Fahrer- und Teamtitel), der japanischen Super Taikyu Series, sowie die Vizetitel in der Iberian Supercars Trophy und der portugiesischen GT-Meisterschaft.

 


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