60 Jahre SL: Über Rennstrecken und „Unter Geiern“

60 Jahre SL
Das Jahr 2012 stand und steht bei Mercedes-Benz ganz im Zeichen eines Autos, das über Jahrzehnte hinweg den Mythos Mercedes-Benz befeuert hat wie kein anderes: der SL. 60 Jahre ist es nun her, seit der erste SL am 12.03.1952 eigentlich ganz unspektakulär auf einem Autobahnabschnitt der heutigen A 81 bei Stuttgart der Presse vorgestellt wurde. Und pünktlich zum Jubiläum erschien ja bekanntlich bereits Anfang des Jahres sein Ur-Ur-Ur-Enkel, der R 231. Natürlich bedurfte es keines Jubiläums, um den SL für uns und unsere Besucher etwas Besonderem werden zu lassen. Vor allem der 300 SL von 1955, der einst in New York vorgestellte Seriensportwagen, ist ein Exponat, das kein Besucher missen möchte. Täglich außer montags verlieben sich zahlreiche Gäste unsterblich in die Designikone, die 2000 zum Sportwagen des Jahrhunderts gekürt wurde – ohne es zu hinterfragen. Das Jubiläum gab uns aber die Gelegenheit, die Biografie des SL genauer zu beleuchten. Mich interessierte dabei besonders, wie die Geschichte des SL eigentlich begann – was war vor dem Serienauto?

Der erste SL von 1952
Einen Vertreter der ersten Generation von 1952 haben wir ja im Museum, das mit den „schwedischen Gardinen“ vor der Windschutzscheibe, nämlich jenen von der Carrera Panamericana in Mexiko. Die Beschäftigung mit diesem Uhrahn und das Wälzen des einen oder anderen Buches unserer Museumsbibliothek förderte für mich auch einige Überraschungen zu Tage. Die Wichtigste möchte ich Euch mit diesem Text und anhängendem Podcast näherbringen.

Comeback der Silberpfeile
Am Anfang stand der Wunsch der Vorstandsetage von Daimler-Benz in den Rennsport zurückzukehren. So weit so gut, die Frage war nur wie? Die einst legendären Silberpfeile der Dreißiger Jahre waren nicht mehr konkurrenzfähig und Geld für die Entwicklung eines neuen Rennwagens war so kurz nach dem Krieg keines vorhanden. So setzten die Vorstände auf eine Sache, die bereits in früheren Krisen Gold wert war: auf den Einfallsreichtum ihrer Mitarbeiter. Allen voran dem von Rudolf Uhlenhaut, der ja in den Dreißiger Jahren ein Europameisterauto nach dem anderen konstruiert hatte. Aus Stroh Gold zu spinnen war nun gefragt, da das Teilelager kaum brauchbare Komponenten für einen Rennwagen hergab.

Entwicklung des Ur-SL
Der Ausgangspunkt war jener Sechszylinder, der die 300er Limousine („Adenauer-Mercedes“) antrieb. Dieser wiederum war die Weiterentwicklung eines Motors (M159), der im Krieg für leichte Lastwagen verwendet wurde. Wie sollte man mit so einem Motor Rennen gewinnen? Der größte Konkurrent Ferrari hatte schließlich schon einen spritzigen V12. Aber davon ließen sich die Ingenieure nicht entmutigen. Der erste Ansatz war, den hoch bauenden Motor um 45 Grad zu kippen, damit das Rennauto nicht den cw-Wert einer Schrankwand bekäme. Es folgten viele aufeinander aufbauende Maßnahmen zur Leistungssteigerung. Am Ende kam man beim fertigen Motor, der nun M194 hieß, auf beachtliche 170 PS – fast das Dreifache im Vergleich zum M159!

Super Leicht
Jedoch lag man damit immer noch weit hinter der italienischen Konkurrenz. Als andere schon abwinkten, hatte Uhlenhaut den rettenden Einfall: eine Chance habe man, wenn man das Auto „superleicht“ mache! Dieses so flott dahergesagte Wort wurde alsbald zur Konstruktionsbezeichnung, das Ziel war nun intern abgekürzt der „SL“, das superleichte Auto eben. Die Lösung fand Uhlenhaut schließlich mit einer Fachwerkkonstruktion, dem sogenannten Gitterrohrrahmen, der mit einem sehr dünnwandigen aber extrem stabilen Chromstahl zu einer äußerst verwindungssteifen und gerade mal 50 Kilo leichten Konstruktion zusammengeschweißt wurde. Dann kam der nächste Haken an der Sache: die Höhe des Rahmens, gewöhnliche Türen konnte man nicht einbauen – doch Türen waren von den Reglements bei Straßenrennen zwingend vorgeschrieben. Aber auch hier fand das Team um Uhlenhaut schnell eine denkbar genial einfache und bald weltbekannte Lösung: die Türen oben aufzuhängen! Der Flügeltürer war geboren.

Der SL gewinn die Carrera Panamericana in Mexiko
Der Plan mit dem superleichten Auto, das am Ende gerade mal 870 kg wog, ging schließlich auf: Nach einem zweiten Platz bei seinem ersten Einsatz bei der Mille Miglia 1952 gab es einen Rennsieg nach dem anderen: in Bern, Le Mans und auf dem Nürburgring. Der legendärste Einsatz kam aber im November 1952, bei der Carrera Panamericana in Mexiko, dem härtesten Straßenrennen der Welt über 3000 Kilometer quer durch Mexiko. Dieses Auto von Karl Kling mit der Startnummer 4 erwischte einen denkbar schlechten Start: gleich am ersten Renntag machte man mit der mexikanischen Vogelwelt unliebsame Bekanntschaft, ein Geier brach durch die Windschutzscheibe, dem Copiloten Hans Klenk direkt ins Gesicht. Der war kurz bewusstlos, wachte zum Glück aber gleich wieder auf. Etwas benommen rief er Kling zu: „Fahr nur weiter!“ Am Abend wurden aber vorsichtshalber acht Gitterstäbe vor die neu eingesetzte Windschutzscheibe montiert. So konnte man zwar keinen Geier mehr einfangen, aber dafür gab’s ja am Ende noch die ganz große Trophäe für den Gesamtsieg: Trotz aller Widrigkeiten gewannen Kling und Klenk das Rennen mit einer halben Stunde Vorsprung – vor dem Teamkollegen Hermann Lang!

Weitere Informationen zur Sonderausstellung erhalten Sie im Webspecial, wo Modelle der Automobilikone aus sechs Jahrzehnten präsentiert werden.

Folgendes Video gewährt zusätzlich, begleitet durch den Autor dieses Textes, visuelle Einblicke in die Geschichte des Mercedes-Benz SL:

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