GASTBEITRAG: Die neue A-Klasse: Eins mit der Maschine

Vergleich der alten und neuen A-Klasse zeigt den Quantensprung einer neuen Generation

Noch vor rund 9 Monaten stand ich vor der Concept-A-Class auf der IAA in Frankfurt und fragte mich, wie viel davon wohl tatsächlich in die Serie übernommen werden würde bzw. überhaupt übernommen werden kann. Heute gibt es ja bekanntermaßen eine Vielzahl von Reglements, die einzuhalten sind, nicht zuletzt die Anforderungen an den Fußgängerschutz, der heutzutage sehr weit herunter- und hervorgezogene Stoßfänger nötig macht und der auch für den „Soft-Nose-Look“ der neuen Mercedes verantwortlich ist.

All die bisherigen Lobeshymnen am neuen Modell lassen einen Schluss zu, der den ein oder anderen Fahrer der bisherigen A-Klasse aufhorchen lässt: kurz und knapp: der Elch ist tot! (Elch? Seit dem Eichtest im Jahre 1997 wurde die A-Klasse bei ihren Fans und Anhängern immer nur liebevoll als Elch bezeichnet).

Aber so dramatisch sollte man das gar nicht sehen, denke ich, denn noch auf lange Zeit wird die gerade ausgelaufene Baureihe 169 unsere Straßen bevölkern und in Zukunft wird ihr durchaus ein Platz im Museum garantiert sein. Dies hat einfache Gründe – war der Wagen doch seiner Zeit eindeutig voraus –  mit nahezu gleichem Radstand wie ein aktueller Golf und dennoch deutlich unter 3,90m Gesamtlänge war er ein Platzhirsch unter den Kompakten. Sicher wie ein großer Mercedes, Raumverhältnisse im Innenraum wie bei der ersten C-Klasse gepaart mit einer nahezu unschlagbaren Variabilität und Geräumigkeit wenn es darauf ankam, wieder einmal den Spontan-Einkauf in einem schwedischen Möbelhaus nachhause zu transportieren.

Dies alles ist nun Geschichte! Über zwei Modellgenerationen verfügte die A-Klasse über einen so genannten Sandwichboden: unter dem eigentlichen Boden war ein Zwischenraum der bei den Serienfahrzeugen nie mit dem ausgefüllt wurde, für was er ursprünglich einmal erdacht worden war. Statt Akkus oder Brennstoffzellentechnik wurde dort lediglich der herkömmliche Kraftstoff-Tank untergebracht. Dies alles bedeutete für Daimler jedoch eine nahezu eigenständige Technik und vor allem aber eigene Motoren/Getriebe – keine Komponenten aus den anderen Baureihen passten in den Elch.

Nun aber zurück zum neuen Modell. Aus dem ehemaligen One-Box-Design ist ein nun ein Two-Box-Design Fahrzeug geworden – damit rückt die neue A-Klasse genau in die Richtung, die seit Jahren bereits (und durchaus erfolgreich) von manchem Mitbewerber vorgegeben wurde. Daimler hat die nahezu einmalige Chance genutzt, mit einem weißen Blatt Papier die Entwicklung beginnen zu können. Die Linienführung des sehr forciert gezeichneten Konzeptfahrzeugs blieb auch beim Serienfahrzeug erhalten und wurde nur sehr gering abgeändert bzw. an die jeweiligen Bedürfnisse und Anforderungen der Märkte angepasst.

Die neue A-Klasse ist jetzt das, was das Sportcoupé der C-Klasse (CLC) niemals war und doch immer sein wollte, ein flotter und edel anmutender Kompaktwagen, der alle üblicherweise damit verbundenen Abstriche nicht in sich vereint. Nimmt man im Innenraum Platz, so kann man wirklich nur unterstreichen, was Interior-Stilist Jan Kaul sagte: „Würden Sie mit geschlossenen Augen in der A-Klasse Platz nehmen; sie kämen beim Öffnen der Augen nie auf den Gedanken, in einem Fahrzeug der Kompaktklasse zu sitzen.“


Es ist wirklich ein Quantensprung von den bisherigen A-Klasse Modellen hin zur neuen Baureihe, man kommt sich eher vor wie in einem extrem sportlichen Ableger der C-Klasse. Man sitzt neuerdings runde 17 cm näher am Straßenbelag. Dich auch ich, mit meinen 1,90m Körpergröße, habe sowohl auf den vorderen Sportsitzen mit integrierten Kopfstützen wie auch im Fond ausreichend Platz vorgefunden – mich stört das „Cocooning“ genannte Fahrzeugkonzept nicht, ganz im Gegenteil, ich mag es sehr von einer hohen Bordkante bis fast zur Schulterhöhe umfasst zu werden und recht kleine Seitenscheiben vorzufinden. Man fühlt sich so viel mehr Eins mit der Maschine und gleichzeitig empfindet man eher ein Gefühl der Geborgenheit – das mag aber für jeden Menschen unterschiedlich sein.

Seit 2008 bin ich Fahrer einer A-Klasse aus eben demselben Jahr und erlaube mir daher durchaus eine objektive Meinung zwischen beiden Fahrzeugen bilden zu können. Die neue A-Klasse ist absolut konträr zu ihrer Vorgängerbaureihe, das sieht jeder. Aber für mich ist die A-Klasse jetzt genau das, was sie immer schon hätte sein sollen: die Antwort von Mercedes auf die Frage(n) der Kompaktklasse. Sicherlich kann man jetzt aufschreien und Mercedes einen Nachmacher schimpfen, das würde dann aber jeden Fahrzeughersteller betreffen, der ein Fahrzeug in der „Golf-Klasse“ anbietet. Das Bessere ist der Feind des Guten und so sehe ich eine sehr realistische Chance für Mercedes, dass die neue A-Klasse definitiv ihrem Anspruch gerecht werden wird.

Es gibt etliche Verbesserungen im Vergleich zum bisherigen Stand der Dinge, hier wären zum Beispiel der endlich in zwei Empfindlichkeiten einstellbare Regensensor, ein abblendbarer linker Außenspiegel, ein richtiges großes Panoramaschiebedach oder das deutlich leistungsstärkere Gebläse mit mehr Zwischenstellungen zu nennen. Natürlich sind auch hier viele Dinge, die Spaß und Freude bereiten, nur auf der Optionsliste zu finden – deren Vorteil ist aber, dass wirklich jeder Kunde seinen persönlichen Wunschwagen erhalten und nicht nur in großen Paketen wählen kann, die manche Sonderausstattung dann unter Umständen ausschließen.

Der von mir gefahrene A250 BlueEFFICIENCY mit dem AMG Sport genannten Ausstattungspaket rollt auf 225 Bereifung mit 18 Zoll Felgen daher, das Sportfahrwerk ist obligatorisch. Als ich später feststellte, dass der Wagen auf MOX Reifen (Runflat-Bereifung) unterwegs war, musste ich wirklich meine Begeisterung im Zaum halten. Nie hätte ich zuvor gedacht, dass ein Auto mit Sportfahrwerk, 18 Zoll Bereifung und auch noch den nicht gerade dem Komfort zuträglichen Runflat-Reifen so geschmeidig abrollen kann. Hier haben die Ingenieure wirklich gute Arbeit gemacht – wer es weicher mag, für den gibt es ja das Komfortfahrwerk, welches ebenfalls über hohe Sicherheitsreserven verfügt. Für meinen Geschmack ist das Fahrwerk des AMG Sport Pakets jedenfalls nahezu ideal, zumal es über die geniale Direktlenkung verfügt und der Wagen so zu einem echten Kurvenräuber wird. Es gibt fast keinerlei Über- oder Untersteuertendenzen, das Fahrzeug bewegt sich weitgehend neutral und hat auch einen sehr weiten Grenzbereich, das heißt, es ist immer beherrschbar; auch noch weit bevor ESP eingreifen würde.

Der Motor ist klasse und in Verbindung mit dem speziellen Doppelendrohrauspuff auch akustisch ein toller Begleiter – dennoch hält sich der Kraftstoffkonsum in Grenzen. Alleine bei der Motor-Getriebekombination merkt man, dass die neue A-Klasse eigentlich eine ganze Klasse höher anzusiedeln wäre, als sie eigentlich ist. Der Wagen ist erwachsen geworden, gleichzeitig aber sportlich durchtrainiert und nicht technisch-kühl überperfektioniert, sondern eben so wie man sich einen modernen sportlichen Kompakten von Mercedes vorstellt.

Einziger Wermutstropfen im Vergleich zum Vorgängermodell ist der größere Verkehrsraum, der durch ein breiteres und spürbar längeres Fahrzeugkonzept eben benötigt wird und eine ebenfalls vorhandene massive Veränderung der Variabilität. Doch ganz ehrlich, Hand aufs Herz: wie häufig hat man seine bisherige A-Klasse komplett voll beladen und das Konzept wirklich ausgenutzt?

In hoffentlich spätestens zwei Jahren werde ich jedenfalls meinen bis dato treuen A200 bei Mercedes gegen einen A250 eintauschen, ob als AMG Sport oder echtes SPORT-Modell wird sich noch zeigen.

Impressionen von der Fahrveranstaltung in Slowenien erhalten Sie in folgenden Video:


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