GASTBEITRAG: Erkenne die „Eule“ oder die „Lerche“ in dir

Abendvortrag aus der Reihe „Dialog im Museum“ von Professor Dr. Till Roenneberg im Mercedes-Benz Museum. „Morgenstund hat Gold im Mund“ oder „Nur der frühe Vogel fängt den Wurm“: Der Volksmund kennt zahlreiche Sinnsprüche, die uns darauf stoßen, dass Frühaufsteher, wenn schon nicht die besseren Menschen, so doch zumindest die tüchtigeren seien.

Doch auch „Morgenmuffel“ können „bienenfleißig“ sein – wie die Wissenschaft uns mittlerweile eines Besseren belehrt. Eine Erkenntnis mit weitreichenden Folgen nicht nur für unser Wohlbefinden, sondern auch für unsere Gesundheit.

200 Besucher kamen am 5. Juli zum Abendvortrag „Stechuhr und innere Uhr – ein überwindbarer Gegensatz“ von Professor Dr. Till Roenneberg ins Mercedes-Benz Museum. Die Veranstaltung fand im Rahmen der Vortragsreihe „Dialog im Museum“ statt, die von der Daimler AG gemeinsam mit der Daimler und Benz Stiftung sowie dem Mercedes-Benz Museum organisiert wird. Roenneberg ist Leiter des „Münchner Zentrums für Chronobiologie“ und forscht seit 25 Jahren über die innere Uhr von Lebewesen. „Das Thema innere Uhr geht uns nicht nur als Unternehmen an“, so Personal- und Arbeitsdirektor Wilfried Porth, Vorstandsmitglied der Daimler AG, in seiner Begrüßung. „Was mich ganz persönlich interessieren würde: Wie ticken eigentlich meine heranwachsenden Söhne?“

In der Bevölkerung existieren verschiedene Chronotypen: Es gibt Frühaufsteher (genannt „Lerchen“, erkennbar gut gelaunt in der Frühschicht) und Spätaufsteher („Eulen“, tendenziell nachtaktiv). Welcher Gruppe wir angehören, ist nicht nur durch unsere Gene bestimmt, sondern auch durch das Alter oder die Lichtumgebung beeinflusst. „Der Schlaf-Wach-Rhythmus wird durch Licht getaktet“, stellte Roenneberg fest, „und da macht uns die moderne Welt ganz erheblich zu schaffen.“ Selbst in gut ausgeleuchteten Räumen ist die Lichtstärke zwischen 100- und 1000-mal schwächer als unter freiem Himmel. Das Leben in Gebäuden hat die Synchronisation der inneren Uhr drastisch verändert. Dabei ist ihr reibungsloses Funktionieren von größter Bedeutung, regelt sie doch die Körpertemperatur und hormonelle Zyklen. Mehr noch: Jede einzelne Körperzelle wird in ihrer Aktivität von der inneren Uhr getaktet.

Doch sowohl extreme Lerchen, vor allem aber extreme Eulen haben es in der Arbeitswelt schwer. Nicht unser innerer Rhythmus gibt vor, wann wir aktiv sind – vielmehr werden wir von „sozialen Zeiten“ dominiert. Viele Menschen leben permanent gegen ihre innere Uhr an. Auf die Dauer führt dies zu erheblichen Schlafdefiziten. Überdies wird nicht nur zu wenig geschlafen, sondern oft auch außerhalb des individuell optimalen „Schlafkorridors“. „Wir geraten in einen sozialen Jetlag. Das kann weitreichende Folgen für die Gesundheit und die Leistungsfähigkeit haben“, so Roenneberg. „Dieser Zustand ist dem Jetlag vergleichbar, den wir nach Flügen über Zeitzonen erfahren, nur begleitet er die Betroffenen meist ein Leben lang.“ Je stärker dieser Konflikt zwischen biologischer und sozialer Uhr ist, desto deutlicher sinkt das psychologische Wohlbefinden und desto stärker wächst der Drang zu Koffein, Nikotin oder Alkohol. Auch konnte Roennebergs Forscherteam feststellen, dass Menschen mit zunehmendem sozialem Jetlag deutlich an Körpergewicht zulegen. „Diese Befunde sind nicht nur für Unternehmen bedeutsam, sondern auch für die Krankenkassen“, so das Fazit des Münchner Wissenschaftlers.


Eine Bevölkerungsgruppe, die besonders extrem unter sozialem Jetlag leidet, sind Jugendliche. Sie sind mehrheitlich extreme Eulen. Die heute üblichen Unterrichtszeiten liegen also inmitten ihrer Schlafphase, daher zeigen viele Schüler während des Vormittags Symptome, die an Narkolepsie erinnern. Erst ab rund 25 Jahren, bei Frauen etwas früher, verschiebt sich die innere Uhr langsam wieder in Richtung der Morgenstunden. „Unter den Abiturienten mit der Abschlussnote 1,0 finden sich fast nur extreme Lerchen. Daraus folgt, dass Schüler, die Spätrhythmer sind, ganz klar benachteiligt werden.“ Auch der pädagogische Ratschlag, sie sollten einfach früher ins Bett, gehe völlig an der Realität vorbei. Wenn sie früh im Bett lägen, könnten sie deshalb noch lange nicht schlafen. „Ich bin die ewige Diskussion mit Eltern und Lehrern um die Disko einfach leid. Ich sage: Die Disko ist eine Ruhezone für Jugendliche! Dort können sie sich mit anderen Eulen dann unterhalten, wenn sie voll präsent sind. Dort sind sie vor den Frühaufstehern, also vielen Erwachsenen, zumindest eine Zeitlang geschützt!“, so Roennebergs heiteres Fazit.

Wer Interesse hat, kann auf der Plattform analysieren lassen, welchem Chronotyp er angehört. Die Studie wird von Professor Ronnebergs Team durchgeführt.
Einen Podcast des Vortrags erhalten Sie, hier.

Über den Autor

Dieser Artikel wurde von Dr. Johannes Schnurr geschrieben. Er arbeitet als freier Journalist für verschiedene Tageszeitungen und berät Unternehmen sowie wissenschaftliche Einrichtungen im Bereich Public Relations. Er ist für die Daimler und Benz Stiftung als Referent für Presse und Medien tätig.


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