GASTBEITRAG: Der Fuß lernt mit…

Das „haptische Gaspedal“

In korrektem Daimler-Deutsch muss es eigentlich als Fahrpedal bezeichnet werden. Doch bevor wir uns mit der Zukunft beschäftigen können, müssen wir erst einmal in die Vergangenheit abtauchen, genauer gesagt  zurück zu den Anfängen des Energiesparens.
Als 1979 die neue Mercedes S-Klasse (W126) vorgestellt wurde, stand sie für einen radikalen Wandel, nicht nur bei Daimler selbst. Sie war der erste Mercedes, der konsequent auf Einsparung von Energie getrimmt worden war. Gezielter Leichtbau, ausgeklügelte Aerodynamik und Motoren, die äußerst effizient zur Sache gingen – alles keine neuen Erfindungen also. Aus dieser Zeit stammen auch erste Einrichtungen, die dem Fahrer signalisieren sollten, wie ökonomisch – oder eben nicht – er gerade unterwegs ist. Den Anfang machte die sogenannte Economy-Anzeige. Mit Hilfe dieser relativ simplen mechanischen Einrichtung war es möglich, dem Fahrer zu signalisieren, dass es verbrauchsgünstiger wäre, den Fuß etwas vom Gas zu nehmen oder aber wie viel Reserven er noch zur Verfügung hat.

Darauf folgte Ende 1981 das Energiekonzept. Hierbei handelte es sich um ein Programm, bei dem der Fokus auf weitergehenden technischen Lösungen lag, um konsequent noch mehr Kraftstoff einsparen zu können. Zu nennen wären hier andere Steuerzeiten und Kennfelder der Einspritzung, oder aber auch die Schubabschaltung, die im Rollbetrieb die Kraftstoffzufuhr unterbricht.
Als Ergänzung kam im Jahr 1984 – nach über sechsjähriger Entwicklungsarbeit – der Daimler-Benz Reiserechner auf den Markt. Zunächst nur für die Fahrzeuge der S-Klasse lieferbar, handelte es sich um einen Mini-Computer, der in der Lage war den momentanen wie auch durchschnittlichen Kraftstoffverbrauch, neben weiteren Informationen dem Fahrer anzuzeigen und so seine Streckenplanung positiv zu beeinflussen – wohlgemerkt nur bei konsequenter Nutzung.

Dies alles trug maßgeblich dazu bei, den Fahrer nachhaltig in seiner Wirtschaftlichkeit zu unterstützen. Doch die Entwicklung hörte hier nicht auf – seit 1995 führt Mercedes so genannte „Field Tests“ durch, bei denen ausgewählte Fahrer bzw. deren Fahrverhalten und die Fahrzeuge selbst konsequent beobachtet werden, um so weiteres Einsparpotential zu erkennen. Daran sind im Schnitt über 400 Fahrzeuge verteilt in Europa, den USA und China beteiligt, diese legen jährlich mehr als sechs Millionen Kilometer zurück, das sind im Einzelnen ca. 2.000 Fahrten pro Tag.

Mittlerweile gehört der Reiserechner seit vielen Jahren zur Serienausstattung eines jeden Mercedes. Dennoch geht viel Einsparpotential ungenutzt verloren – meist einfach auch aus Unwissenheit beim Fahrer!
Hier wird die neue ECO-Anzeige weiterhelfen können, sie zeigt dem Fahrer durch konkrete Hinweise, wie er seinen Fahrstil noch ökonomischer gestalten kann. Über eine Analyse des Fahrstils im Verborgenen bekommt der Fahrer konkrete Rückmeldungen in Form von drei Balkendiagrammen, die zwischen effizientem Beschleunigen, gleichmäßigem Fahren und dem Ausnutzen von Rollphasen unterscheiden. Bei Praxistests mit Probanden wurden hierdurch Verbrauchseinsparungen bis zu 17 Prozent erzielt – sehr schön an dieser Anzeige ist, dass sie nicht mit dem erhobenen Zeigerfinger mahnt, sondern auf eine leichte Art motivierend auf den Fahrer wirkt – man möchte es sich selbst beweisen wie sparsam man unterwegs sein kann. Die ECO-Anzeige wird nach und nach auf das PKW-Programm von Daimler ausgeweitet, den Anfang macht jetzt der E220 CDI BlueEFFICIENCY Edition.

Jedoch hört hier die Forschungsarbeit von Daimler beileibe nicht auf, ganz im Gegenteil

Szenenwechsel – an einem Samstag Nachmittag treffe ich auf die beiden Entwickler Manfred Steiner und Benjamin Lippert. Mitgebracht haben die beiden ihren Forschungswagen, einen calcitweißen S350. Vollkommen unauffällig, man erkennt es nicht, dass es sich hier um einen in mühevoller Handarbeit umgebauten Versuchsträger handelt.
Doch warum heißt es „haptisches Fahrpedal“? Man könnte es auch „gefühlvolles Fahrpedal“ nennen wird mir entgegnet. Haptik ist die Lehre vom Tastsinn und nichts anderes macht dieses Fahrpedal.
Seit Jahren bereits werden so genannte E-Gas Pedale in den Fahrzeugen verbaut, d.h. sie haben keine mechanische Verbindung mehr in den Motorraum, sondern simulieren nur einen gefühlvollen Druckpunkt und wandeln diesen in Parameter um, damit die Maschine weiß wie viel „Gas“ der Fahrer gerade geben möchte. Bei dem Prototypen geht es in erster Linie um eine Effizienzsteigerung ohne bevormundend zu wirken. Oftmals gibt man unbewusst ein „paar Millimeter“ zu viel Gas und könnte schon mit etwas weniger zweistellige Prozentwerte an Kraftstoff einsparen. Doch woher weiß der Fahrer wann er sich im Optimum befindet? In der Praxis überhaupt nicht und auch für die Ingenieure Bedarf es hier Hilfsmittel – im Bildschirm in dem für gewöhnlich das Comand untergebracht ist, erscheint im Versuchsträger ein Verbrauchskennfeld, oder auch Muscheldiagramm genannt. Es stellt den spezifischen Kraftstoffverbrauch [g/KWh] über dem effektiven Mitteldruck und der Drehzahl des Verbrennungsmotors dar.

Nach einer kurzen technischen Einweisung kann die Fahrt auch schon beginnen – zunächst durch den Stuttgarter Stadtverkehr, um dann sogleich auf die A8 Richtung Süden zu fahren. Man merkt sofort, dass im Fahrpedal ein weiterer Widerstand bzw. genauer gesagt ein Druckpunkt eingebaut ist, dieser ist jedoch adaptiv, das heißt er wird automatisch vom Fahrzeug berechnet und immer an die jeweilige Situation angepasst. Getreu dem Motto: soviel Leistung wie gewünscht, jedoch nur soviel Kraftstoff wie unbedingt nötig. Bis zu diesem Druckpunkt fährt man verbrauchsorientiert, drückt man das Fahrpedal weiter durch so ist man im leistungsorientierten Bereich, den man jedoch häufig gar nicht bei den vorherrschenden Verkehrsverhältnissen ausnutzen kann.

Die zweite Funktion des „haptischen Fahrpedals“ basiert unter anderem auf dem Abstandsregeltempomaten DISTRONIC Plus. Dieser überwacht den Raum vor dem Fahrzeug, erkennt nun die Software dass man ohnehin in ein paar Metern vom Gas gehen und bremsen müsste, so wird im Fahrpedal ein dezentes zweimaliges (An)Klopfen ausgegeben. Dieses Signal zeigt dem Fahrer an, dass er jetzt ruhig vom Gas gehen könnte um dann mit dem Restschwung aus zu rollen (oder zu Segeln, je nach Fahrzeugkonzeption), um hierbei wieder aktiv Kraftstoff einzusparen. Der Slogan von Mercedes ist wirklich passend: „Real Life Efficiency!“
Nach einer kurzen Eingewöhnungsphase funktioniert das Zusammenspiel zwischen Mensch und Maschine wirklich gut – ich habe nicht den Eindruck in einem Versuchsträger zu sitzen und wünsche mir diese Funktion gleich für meinen Alltagswagen herbei – wirklich eine tolle Idee und Umsetzung!

Mein Eindruck ist ganz klar, man ist auf dem richtigen Weg und speziell die Funktion des adaptiven Druckpunkts sollte schnell den Weg in die Serie finden. Ich denke dadurch ließe sich wirklich enorm Kraftstoff einsparen. Mir jedenfalls hat diese ganz besondere Testfahrt, sehr viel Spaß bereitet und es begeistert mich immer wieder aufs Neue, an welch noch so vermeintlich kleinen Details man bei Daimler arbeitet und forscht – ein großes Dankeschön nach Sindelfingen in die Entwicklungsabteilungen!

Über den Autor

Mehr zu lesen von Marc J. Christiansen gibt es auf seinem Blog fuenfkommasechs.de, auf dem er sich unter anderem den allerschönsten Seiten der S-Klassiker der Achtziger Jahre widmet.


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