Gazellen kämpfen bis zum Schluss!

Schaufeln für Fortgeschrittene

Was wir in den letzten Tagen und Wochen erlebt haben in einem Blog zusammenzufassen gleicht als Herausforderung einer weiteren Marathonetappe. Bereits eine Woche danach fällt es mir schwer, die einzelnen Etappen zeitlich einzuordnen. Und dabei sind es seltsamerweise nicht diese fast perfekten Tage, an die ich mich im Detail erinnere.
Das wäre eher die Tatsache, dass wir bereits am Prolog nach zehn Minuten zum ersten Mal das Abschleppseil auspackten, um ein Fahrzeug aus dem Sand zu ziehen. Schon in dieser Etappe bewies unser Vito, dass er viel mehr aushält als ich ihm instinktiv zugetraut hätte. So kehrten wir ins Biwak zurück mit dem flauen Gefühl im Magen, das Getriebe bereits am ersten Tag kaputtgemacht zu haben. Da war die Aussage unserer Mechaniker, dass das nur eine Kleinigkeit ist, fast schon unbezahlbar!

Die harten Fakten der Rallye…

In der folgenden Nacht reichte es immerhin für 30min Schlaf. Adrenalin und 5°C hatten ganze Arbeit geleistet. Zu spüren war davon bei der ersten Etappe Gott sei Dank nichts, denn dieser Tag sollte sich zu einem physischen und psychischen Kraftakt entwickeln. Wir mussten ein Oued aus Kamelgras und Sand durchqueren, kein Weg der daran vorbeigeführt hätte. So verbrachten wir dann vier Stunden in der marokkanischen Mittagshitze damit. das Auto freizuschaufeln. Um uns in allen Richtungen nur Sand. Die erste Etappe und schon stellte ich mir leise die Frage, was um alles in der Welt ich hier suchte. Achja: Checkpoint 3. Richtig. Weiterschaufeln.

Nachdem wir bereits jegliches Zeitgefühl verloren hatten, haben wir es geschafft das Auto zu befreien. Umdrehen? Unsinn! Wir haben nicht alles gegeben um dann mit zwei Checkpoints nach Hause zu fahren – also vorwärts. Endlich den Sand hinter uns und mit Freudenschreien kamen wir an der roten Fahne an. Die niederschmetternde Nachricht die uns dort erwartete, brachte uns binnen Sekunden zu sprachloser Verzweiflung: Nicht unser Checkpoint.

Als wir morgens das so genannte Roadbook mit den Koordinaten bekamen, gab man uns die Route für Allradfahrzeuge, nicht für die Kategorie Crossover. Folglich sollten wir nun, 30 Minuten vor Einbruch der Dunkelheit, zurück durch den Sand um unseren „richtigen“ Checkpoint zu finden. Unmöglich. Den Versuch eine Stelle zum Durchqueren des Oueds zu finden, mussten wir mit dem Untergang der Sonne abbrechen. So kamen wir um 23:30h im Biwak an: verzweifelt, frustriert und mit einer Menge Sand in den Schuhen. Trotz der Tatsache, dass mehrere Fahrzeuge ebenfalls die falsche Route hatten und deshalb nie die dritte Fahne erreichten, blieb eine Reklamation ohne Erfolg.

Unbeeindruckt von den Ereignissen des Vortags, erwachte die Zeltstadt um 4 Uhr morgens wieder zum Leben: neuer Tag, neues Glück. Auch diese Etappe sollte nicht ohne freischaufeln vergehen. Diesmal mit einer besonderen Zugabe: Der geringe Bodenabstand des Fahrzeugs führte dazu, dass wir auf einer Kamelpflanze hängenblieben, während ein Hinterrad vollkommen frei in der Luft drehte. Was das bei einem Fahrzeug mit Heckantrieb bedeutet, braucht wohl keine weitere Erläuterung. Das gute daran: zwei Stunden später konnten wir auch dieses Oued aus eigener Kraft verlassen und hatten so ganz nebenbei sämtliche im Auto befindlichen Hilfsmittel einmal auf ihre Tauglichkeit überprüft (2 Schaufeln, 6 Sandmatten, 2 Sandbleche, einen Wagenheber, Arbeitshandschuhe, Kompressor, Reifendruckmessgerät und einen aufblasbaren Mehrzweckheber).

Wir hatten also die Kurse „Schaufeln für Fortgeschrittene“, „Allradparcours fahren für Crossover-Fahrzeuge“ und „Sinn und Sinnlosigkeit des Einsatzes von Wagenhebern“ erfolgreich belegt und starteten unsere ganz persönliche Aufholjagd. Was genau wir da auf- oder einholen wollten, war uns nicht wirklich klar und im Endeffekt auch gar nicht wichtig. Wir wollten uns selbst beweisen, dass wir mehr drauf haben als das, was am ersten Tag auf den GPS-Aufzeichnungen zu sehen war. Also kämpften wir uns weitere sechs Tage durch alle möglichen Untergründe, die die Wüste zu bieten hat.

Alles, nur nicht aufgeben!

Bis zum letzten Tag standen wir ständig unter Strom: So stieg der Adrenalinspiegel am Ende der letzten Marathonetappe entgegengesetzt zur Tankanzeige, welche am vorletzten Checkpoint auf Tankreserve sprang. Die Hoffnung, dass die letzte Fahne doch sicher auf dem Weg zum Biwak liegt, wurde relativ schnell begraben. Bei einer Fahrt auf normalen Straßen würde man mit maximal 60km rechnen, während die Ideallinie zum letzten CP und zurück zum Biwak 67km betrug. Aber im Zweifelsfall gilt ja immer noch: „Wer sein Auto liebt, der schiebt“, und so setzten wir langsam und möglichst spritsparend unseren Weg fort. Rechnerisch sind wir an diesem Tag wohl mit 4l Diesel im Tank über die Ziellinie gerollt.

Auf dem Papier reichte es am Ende für 2 Etappensiege, einem knappen 2. Platz, 4. Platz in der Gesamtwertung und Gewinner der Wertung für Ökonomisches Fahrverhalten. Aber was eigentlich zählt, ist in keiner dieser Wertungen wiederzufinden. Denn das sind die Dinge, die wir im Gedächtnis behalten. Wie 10 Mädels im Matsch bei Einbruch der Dämmerung, ein Auto nach dem anderen freigraben. Die Augenblicke, in denen wir verzweifelt waren. In denen wir glücklich waren. Wie Umarmungen in einem kurzen Moment so viel wieder gut machen können. Und vor allem, was wir über uns selbst gelernt haben. Das wir alle die Fähigkeit haben immer und immer wieder von vorne anzufangen und nie aufzugeben.

Danke…

Damit bleibt mir nur noch ein großes Dankeschön an die „Mercedes-Allstars“:
Sonja und Sven, weil euch nichts zu viel, kein Weg zu weit und keine Nacht zu kurz war.
Henner, weil man mit dir unglaublich gut Umwege fahren kann.
Julia und Daniela, für eure innere Ruhe und für alle Globuli, die in meinem Gepäck irgendwie gefehlt haben.
Coralie und Christina, für unvergessliche spontane Besuche und den Platz auf der Holzkiste zwischen euch am ersten Abend.
Und ganz besonders Marie, für jedes liebevoll zubereitete Keks-Sandwich, für den Checkpoint-Biwak-Song und deine Fähigkeit noch mutig zu sein, wenn ich schon angefangen habe zu zweifeln.

Rallye des Gazelles 2012 verpasst? Mehr Infos über die Auswahltage und die Navigationtrainings in Avignon und Marokko gibt es auf dem Daimler-Blog zu finden.

Für Alle, die mehr über die Rallye wissen möchten, sollten sich das beigefügte Video nicht entgehen lassen.

  • Was haben unsere Teams bei der Rallye erlebt? Sehen Sie selbst, hier.
    © Video WDR

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