Wetter nach Wunsch!?

Wer morgens das Haus verlässt, um zur Arbeit zu gehen, bei dem geht der erste Blick zum Thermometer. Welches Wetter, welche Temperatur erwartet einen vor der Haustür? Wer im Gebäude 64/1 im MTC in Sindelfingen arbeitet, für den ist das allerdings nur die halbe Wahrheit. Gluthitze oder arktische Kälte, Sonnenschein oder Schneesturm warten nach  Arbeitsbeginn auf meine Kollegen und mich in den neuen Klimawindkanälen.

BedienkabineSeit Anfang 2011 können wir in den modernsten Klimawindkanälen der Welt die Fahrzeuge von Mercedes-Benz  unter allen erdenklichen klimatischen Bedingungen auf Herz und Nieren testen.     Das  circa siebzig mal sechzig Meter große Gebäude beherbergt nicht nur einen Warm- sondern auch einen Kaltkanal und ist vollgestopft mit den neuesten Technologien.

Klimawindkanal –  Was ist das eigentlich?

Ziel eines Windkanals ist immer die Luftströmungen um ein Fahrzeug so realitätsnah wie möglich nachzubilden. Die Umgebung in der sich ein echtes Auto bewegt, hat aber immer auch bestimmte klimatische Eigenschaften. Lufttemperatur, Luftfeuchte, Fahrbahntemperatur,  Sonneneinstrahlung, Niederschläge und vieles mehr müssen mit beachtet werden, um realistische Ergebnisse zu erhalten. In den Windkanälen können wir daher jedes Klima simulieren, während die Testfahrzeuge im Prüfstand fahren.

Dabei wird ein Temperaturbereich von -40°C bis +60°C abgedeckt, es kann der Fahrtwind bis 265 km/h nachgebildet werden, die Sonne wie im Death Valley vom Himmel brennen, Schnee und Regen auf die Fahrzeuge einprasseln und jeder Fahrzustand , egal ob langsame Bergfahrt oder Höchstgeschwindigkeit auf der Autobahn, simuliert werden .

Wer sich nun fragt, was für ein Aufwand hinter diesen Tests steht, dem möchte ich hier nun am Beispiel eines typischen Testablaufes einen kleinen Einblick in den Prüfstandsalltag gewähren.

Bei einem Prototyp der neuen S-Klasse soll im Kaltkanal das Aufheizverhalten im Innenraum bei tiefen Temperaturen untersucht werden. Das bedeutet für mich einen kalten Arbeitstag mitten im Spätsommer. Nachdem das Fahrzeug im Windkanal angekommen ist, wird es in unserem Werkstattbereich einem Eingangscheck unterzogen und danach entsprechend den Testanforderungen vorbereitet. Zum Beispiel werden Adaptionen an das Fahrzeug gebaut, um das Auto auf dem Allrad-Rollenprüfstand sicher fixieren zu können.

Sind alle Vorbereitungen abgeschlossen, wird der Prüfling im Transportsystem aufgenommen und in den Konditionierbereich gebracht. Es stehen sechs Konditionierkammern zur Verfügung, in denen das Fahrzeug vortemperiert werden kann. Viele Testabläufe erfordern eine vorgegebene Zeit, in der das Fahrzeug  auf Versuchstemperatur durchgekühlt bzw. erwärmt wird, denn nur so sind die Testergebnisse reproduzierbar. Bei diesem Versuch bedeutet das zwölf Stunden bei eisigen -20°C in der Klimakammer.

Der neue SLK erduldet im Klimakanal härteste Winterbedingungen. Tiefgefroren muss er seine Alltagstauglichkeit auch bei extremen Minustemperaturen beweisen.Wenn Windkanal und Fahrzeug die für den Test benötigte Temperatur erreicht haben, wird mit Hilfe des Transportsystems, welches durch einen meiner Kollegen bedient wird, das Auto in den Kanal eingebracht. Dort wird es auf den Rollen des Prüfstandes abgesetzt und sicher im Kanal fixiert. Je nachdem ob ein Test im Kaltkanal  oder im Warmkanal stattfindet, kann dieses Vorbereitungsprozedere bitterkalt oder aber sehr schweißtreibend sein. Trotz guter Schutzkleidung: Für temperaturempfindliche Menschen sicher nicht der richtige Arbeitsplatz.

Zu guter Letzt wird die noch benötigte Messverkabelung  verlegt und angeschlossen. Wenn alle Vorbereitungen abgeschlossen sind, werden die Simulationsparameter für den Test eingegeben und die Prüfstandstechnik aktiviert. Vom Bedienplatz aus werden alle Prüfstandsfunktionen überwacht und gegebenenfalls verändert.

Am Ende eines Tages in der Kälte kann es eine Überraschung sein das Gebäude zu verlassen. Man tritt in einen warmen Spätsommernachmittag und kneift die Augen zusammen: die Sonne brennt vom Himmel und es ist angenehm warm. „Bis morgen in Sibirien!“

Doch wozu der ganze Aufwand? Kann dies alles nicht mit herkömmlichen Testfahrten erledigt werden? Ein Blick in die Messkabine der Kanäle gibt schon die Antwort: Nur wenige Meter nebeneinander liegt die Hitze der Wüste und die Kälte Schwedens. Und das 365 Tage im Jahr, rund um die Uhr. So können unsere Fahrzeuge bei allen in der Realität vorkommenden Wetterbedingungen getestet und verbessert werden. Und zwar unabhängig von der momentan herrschenden Jahreszeit und dem Wetter.

Völlig ersetzen  kann der Klimakanal die Testfahrten in der Realität wohl nie, wohl aber ergänzen und  dabei helfen den Entwicklungsprozess zu verbessern und zu beschleunigen.


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