Eine Frage der Schönheit – Themenabend in der Staatsgalerie

Goethe sprach einst davon, dass Kunst „eine Vermittlerin des Unaussprechlichen“ sei; „darum scheint es eine Torheit, sie wieder durch Worte vermitteln zu wollen.“ Wäre dem so, könnte ich den Beitrag hier beenden, jeder weitere Buchstabe wäre redundant. So leicht mache ich es mir aber nicht. Ein Versuch sei zumindest erlaubt. Gespannt, was mich erwarten würde, besuchte ich die ausgebuchte Themenführung „Von allen Seiten schön? Der menschliche Körper in der Plastik“. Einer von acht Rundgängen, die Daimler im Vorfeld der dritten und letzten diesjährigen KunstNacht exklusiv für seine Mitarbeiter und deren Familien anbot. Das breite Repertoire der offerierten Themen reichte von der „Krise der Moderne“ über ein „Picasso-Spezial“ bis zu Führungen für Jugendliche.

Aber Daimler und Kunst? Passt das zusammen? Allerdings! Mit seiner erneuten Unterstützung der Staatsgalerie bei der Ausrichtung der KunstNächte betont der Konzern, dass die Förderung von Kunst und Kultur ein fester Bestandteil seines unternehmerischen Selbstverständnisses darstellt. Zum kulturellen Engagement zählt neben dem Kultursponsoring auch die 1977 begründete Daimler Kunst Sammlung, die mittlerweile rund 1800 Arbeiten von 600 Künstlern umfasst.

Diesen kulturellen Bestrebungen meines Arbeitgebers wollte ich in nichts nachstehen. Entschied mich jedoch bewusst für die plastischen Darstellungen des menschlichen Körpers. Das war für mich greifbar. Besser als rote Punkte auf weißem Grund, die laut Bildunterschrift einen Sonnenuntergang zeigen sollen. Genauso gut aber die Ketchupspritzer des Künstlers während der Mittagspause sein könnten. Moderne Kunst halt. Unter dem menschlichen Körper konnte ich mir etwas vorstellen. Gilt er doch bereits seit der Antike als Inspiration und Maßstab für die Verwirklichung figürlicher Plastik.

Die Führung beinhaltete ausgewählte Objekte der Stuttgarter Sammlung: Sei es Johann Heinrich Danneckers überlebensgroßer und idealisierter Schillerkopf in Marmor aus der Zeit des Klassizismus, oder Auguste Rodins „Iris, die Götterbotin“, die durch ihren spannungsgeladenen Ausdruck und ihre Form mit dem klassischen Schönheitsideal bricht. Ebenso wie Medardo Rossos „La Portinaia (Die Pförtnerin)“, deren unebene Oberfläche mit den malerischen Techniken der Impressionisten vergleichbar ist und mit der Rosso seine sozialkritische Einstellung zum Ausdruck bringt. Eine ganz andere Intention verfolgt die überlange und extrem schlanke Bronzefigur von Alberto Giacometti, der mit seiner „Große Stehende“ das Dilemma der Wahrnehmung von Wirklichkeit spürbar machen will. Ungewöhnliche Objekte wie die Figurinen zu Oskar Schlemmers „Triadischem Ballett“ und Alexandra Exters „Spanischer Tänzer“, mit ihren teils kubistischen wie futuristischen Elementen, rundeten die Führung ab.

Die vielfältigen Kompositionen der Künstler mit mehr oder weniger bewusst im Fokus gesetzten Details überraschten und interessierten zugleich. Teilweise ins Groteske laufende Darstellungen der menschlichen Anatomie gingen Hand in Hand mit erstaunlich lebensnahen Prägungen des Körpers wie bei Duane Hansons „Putzfrau“, die aus Polyesterharz und Fiberglas gefertigt ist. Hier zeigte sich, dass nicht nur die Gestaltung der Plastiken selbst reichhaltige Facetten aufweist, sondern auch die zugrunde gelegten Materialien sich stets unterscheiden. Stephan Balkenhols „Drei Männer auf Bank“ besticht hierbei durch seine Ausschöpfung der spezifischen Qualität des Pappelholzes.

Die Führung hat sich gelohnt. Gerade der Laie, mich eingeschlossen, neigt schnell dazu, sich mit einem „Das könnte ich auch!“ abzuwenden. Erst die Erklärung der Hintergründe und spezifischen Botschaften zu den Plastiken gibt Einblick in die Gedankenwelt der Künstler und die Ergebnisse ihrer Arbeit. „Ich war zu 100 Prozent beeindruckt. Eine interessante und informative Führung mit einer gelungenen Mischung aus Sachverstand und Unterhaltungsfaktor! Hat sich sehr gelohnt! Danke!“, so eine Besucherin.

Aber war das jetzt schön, so wie es im Titel der Führung steht? War das Kunst?

Die Antworten darauf konnte die Führung nicht geben und auch ich muss ihr schuldig bleiben. Bin ich doch hin und her gerissen zwischen Faszination und partiellen Unverständnis. Und wenn Ihnen meine Worte zur Vermittlung des „Unaussprechlichen“ nicht reichen, dann schauen Sie am Besten einfach mal selbst vorbei. Denn wie es Herr Goethe ebenso anmerkte: „Schönheit liegt im Auge des Betrachters.“


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