INTERVIEW: „Wir werden das Auto zum Bestandteil der Cloud machen.“

Bharat Balasubramanian, Leiter Produktinnovationen und Prozesstechnologien in der Konzernforschung und Vorentwicklung bei Daimler, über Chancen und Risiken des permanent vernetzten Fahrzeugs.

Herr Balasubramanian, wie viel Netz braucht und wie viel Netz will man in einem Fahrzeug haben?

Wir haben in den vergangenen Jahren einen exponentiellen Zuwachs bei elektronischen Steuergeräten im Auto beobachten können.
Wenn man sich eine gut ausgestattete Mercedes-Benz S- oder E-Klasse ansieht, stecken da 40 bis 50 kleine Computer drin, vom klassischen Motor- oder Getriebesteuergerät bis zur Monokamera. Die Zahl nimmt zu, weil wir immer mehr Komfort- und Unterstützungssysteme einbauen. Da ist kein Ende in Sicht, denn wir wollen Leitfiguren sein auf dem Weg zum unfall- und emissionsfreien Fahren. Mehr als 90 Prozent aller Innovationen erfordern in irgendeiner Form Steuergeräte, Hardware und Embedded Software.

Erwarten Kunden bereits, dass ihnen das Web hinters Steuer folgt?

Eigentlich sind wir inzwischen überall vernetzt – der letzte weiße Fleck ist das Auto. Umfragen unter jungen Leuten zeigen allerdings, dass sie ihr vernetztes Leben auch hinterm Steuer leben wollen, also muss man die Digital Natives gut und intelligent bedienen. Was sie heute praktizieren, wird früher oder später zum Standard. Wir werden das Auto zum integrierten Bestandteil der Cloud machen. Das bedeutet, dass man in Zukunft Onlinedienste jederzeit und überall – also auch im Fahrzeug – nutzen kann.

Wie schnell lassen sich neue Dienste aus dem Web ins Fahrzeug bringen?

Im Unterschied zu früher haben wir durch die Konnektivität der Fahrzeuge mit unserem Daimler Vehicle Backend Server die Chance, jederzeit Funktionen nachzuschieben und neue Funktionen aus dem Internet ins Auto zu bringen. Damit entkoppeln wir den jahrelangen Innovationszyklus im Fahrzeug von diesem unglaublich schnellen Zyklus im Internet und bei der Verbraucherelektronik. Das ist nur der Anfang, denn beim Übertragungsstandard wird sich viel tun. Momentan sind wir bei 3G oder UMTS, aber die ersten Regionen schalten bereits auf die nächste Generation – also 4G oder LTE – um.

Wieso ist der jeweilige Mobilfunkstandard so wichtig?

Ein 4G-Netz erlaubt eine bessere Abdeckung und eine höhere Bandbreite. Beide Elemente sind sehr wichtig, denn die permanente Vernetzung funktioniert im Auto nur, wenn ich eine schnelle Verbindung habe, die auch bei hoher Geschwindigkeit nicht abreißt. Zweitens brauche ich eine lückenlose Abdeckung, sobald ich bestimmte Funktionen nur noch off-board berechne und das Ergebnis ans Auto sende. Bis es so weit ist, wird es noch Jahre dauern, deswegen will die Mischung aus On-Board- und Off-Board-Komponenten sehr gut bedacht sein. Als Premiumhersteller muss man die Euphorie, das Auto einfach ans Netz zu hängen, kritisch betrachten.

Was kann Always On beim Thema Sicherheit leisten?

Wir sind derzeit dabei, die Stereokamera zu perfektionieren. Kameratechnologien im Auto müssen sehen lernen wie ein Kind: Was ist ein Auto, was ist ein Fußgänger, wie sehen Gebäude und Straßen aus? Daran arbeitet unsere Forschungsgruppe in Ulm seit Jahren, und wir sind weltweit führend.

Bringt der Netzanschluss einen entscheidenden Durchbruch auf dem Weg zum unfallfreien Fahren?

Er ist ein Frühwarnsystem, da die Kommunikation zwischen Fahrzeugen und zwischen Fahrzeug und Infrastruktur den Horizont erweitert. Eine Radaranlage im Auto kann heute maximal 300 Meter weit sehen. Mit einem vernetzen Fahrzeug kann man viel früher reagieren, etwa andere Autos auf eine Gefahr hinweisen. Zweitens kann die Infrastruktur Hinweise geben, beispielsweise eine rote Ampel, die mein Fahrzeug warnt, falls ich zu schnell bin. Man sollte sich allerdings immer durch ein zweites System im Fahrzeug absichern, bevor man aufgrund externer Warnungen eine Handlung einleitet. Das große Netz wird das Netz im einzelnen Fahrzeug nicht überstimmen. Daher liegt unser Hauptaugenmerk heute auf den fahrzeuginternen Systemen.

Es gibt also Grenzen der Vernetzung. Will man Onlinedienste ins Auto leiten, nur weil es technisch möglich ist?

Ich habe heute gelegentlich Zweifel, wie viel Multitasking unser Gehirn verkraftet, etwa wenn man am Steuer ein schwieriges Telefonat führt. Wenn man jetzt noch visuelle Angebote ins Auto bringt, wird es noch komplizierter. Technisch kann ich beliebig viele Dienste hineinpacken. Aber wie antworte ich am besten auf eine neue Nachricht, wenn ich gerade fahre? Das kann durch Sprachsteuerung geschehen (Text-to-Speech und Speech-to-Text), solange sie gut durchdacht ist. Daimler wird ein solches Angebot komplett und auf höchstem Niveau unterbreiten. Alle Dienste werden deswegen über unsere Backend-Services aufbereitet, damit der Fahrer Informationen möglichst ohne Ablenkung aufnehmen kann.

Visualisierung über Displays ist trotz der Ablenkungsgefahr nicht mehr wegzudenken. Wie wird der Fahrer mit all diesen Systemen und Diensten kommunizieren?

Neben der Sprachsteuerung werden wir sicher immer mehr Bildschirmfläche im Auto bekommen, bis wir irgendwann nur noch ein paar große Monitore um uns herum haben. Die Entwicklung von grafischen Nutzerschnittstellen ist ein wichtiges Thema für uns, denn darüber wird sich in Zukunft ein großer Teil der Kundenerfahrung definieren. Aber selbst in einem autonomen Fahrzeug wird es aus Sicherheitsgründen in den nächsten 20 bis 30 Jahren keine Videoshow für den Fahrer geben.

Kann ein vernetztes Fahrzeug auch für mehr umweltbewusstes Fahren sorgen?

Wir haben bereits ein Intelligent Predictive Cruise Control System entwickelt, das entsprechend dem Höhenprofil der Strecke Gas geben und automatisch schalten kann. Darüber hinaus kann ich bald das Verkehrsaufkommen in Echtzeit einspeisen. Sobald der Wagen auf Sensordaten von der Straße zugreift oder Daten von Verkehrskameras auswerten kann, sind solche Dienste wirklich wertvoll. Das gilt insbesondere für künftige Fahrzeuge mit Elektroantrieb, bei denen ich Dinge wie das Lademanagement, die Lebensdauer der Batterie und die aktuelle Reichweite viel besser im Blick habe.


CURRICULUM VITAE

+++ Bharat Balasubramanian +++ geboren 1951 in Chennai, Indien +++ Studium am Indian Institute of Technology in Mumbai (Bombay) mit Abschluss Bachelor of Technology, Gesamtnote „First Class Honours“ +++ Hauptdiplom und Promotion zum Dr.-Ing. an der Universität Karlsruhe (TH), Gesamtnote „mit Auszeichnung“ +++ mehr als 30 Jahre bei Daimler im Bereich Innovation +++ von der Computeranalyse und computergestütztem Design (CAD) über Total-Quality-Management zum Vize-Präsident in Daimlers Group Research & Advanced Engineering +++ seit April 2009 Leiter der Direktion Produktinnovationen und Prozess­technologien in der Konzernforschung und Vor­entwicklung +++ Ehrenprofessor der TU Berlin +++

 

Dieses Interview erschien bereits in TECHNICITY Ausgabe 01 2011
In TECHNICITY, dem Daimler-Magazin für Innovation, Technologie und Mobilität, wird über intelligente Hightech-Applikationen, urbane Mobilitätslösungen, Technologie- und Innovationsprozesse und Kreativitäts- und Innovationstrends berichtet.


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