Festivalstimmung bei den Stuttgarter Sternstunden

Vom Placebo-Trance, einem Superstar, der sich mal aussprechen musste und was sonst so die Sternstunden rockte

Wer nicht wusste woher sie kamen, für den gaben sie sicherlich kein schlüssiges Bild. Einige waren auffällig düster gekleidet, hatten merkwürdige dreieckige Symbole auf der Haut. Andere trugen eindeutig Fan-Shirts, wieder anderen sah man rein äußerlich nicht an, ob sie sich einer speziellen Subgroup zuordneten. Und dann gab es welche, die aussahen, als kämen sie gerade Stuttgarter Sternstundendirekt aus dem Büro. Eine bestimmte Altersgruppe? Fehlanzeige.
32.000 Menschen fluteten am späten Donnerstagabend die breite Fußgängerzone vom Schlossplatz bis zum Hauptbahnhof, füllten die Rolltreppen und tauchten die Bahnsteige in ausgelassene Festivalstimmung. Gerade erst hatte die Moderatorin sie mit verabschiedenden Worten aus der Placebo-Trance geholt. „Da muss doch noch was kommen!“, dachten auch wir –  er war einfach viel zu schnell vorbei, der einzige Festivalauftritt der britischen Rockband und mit ihm fünf Stunden musikalisches Highlight im Rahmen der „Stuttgarter Sternstunden“.

Schon am Vormittag hatte sich der Schlossplatz in eine Open Air Rockarena verwandelt. Die große Bühne versprühte kribbelnde Vorfreude. Bereits aufgebaute Getränkestände und die von Dixi Klos umrundeten Brunnen, die vielen Wellenbrecher und der großzügig abgesperrte Platz verrieten, dass man sich das, was hier später stattfinden sollte, besser nicht entgehen ließ. Wer nachher unbedingt in der ersten Reihe stehen wollte, wartete bereits jetzt vor den Eingängen; ganz vorne schützte man sich mit Regenschirmen vor der knallenden Sonne. „Wir sind seit 10 hier, aber die anderen sind schon um 5 gekommen“, erzählte mir ein Mädchen, das vor der Absperrung des Schlossplatz-Rockareals saß.

Zugegeben: Nach diesem ersten Fanandrang-Überblick am Vormittag fürchteten wir Schlimmes, als wir uns um kurz vor 17 Uhr über die Königstraße zum Schlossplatz kämpften. Eher die „Enspannt-zum-Konzert-Geher“ als die „Geduldig-vor-den-Eingängen-Wurzelschlager“ (was ich übrigens sehr beneidenswert finde, liebe Fans, meine Liebe zu Jared Leto wäre schlichtweg spätestens mit der brutzelnden Sonne geschmolzen) herrschte bereits großer Ansturm auf die Rockarena. Umso erstaunter waren wir über die entspannte Atmosphäre, als wir uns nach den Karten- und Taschenkontrollen unter das anfeiernde Volk mischten und fanden sogar ein Plätzchen im vorderen Bereich, mittig mit Blick auf die Bühne. Auf den Leinwänden liefen gerade Glückwunsch-Filme – bekannte Persönlichkeiten wie Franz Beckenbauer, Nico Rosberg, Michael Schumacher, Uschi Glas und Matthias Schweighöfer gratulierten Mercedes-Benz zum 125jährigen des Automobils – und dann ging es los.

Mit den Vorbands ist das ja meistens so eine Sache: noch nie gehört, oft nie wieder gehört und für ungeduldig wartende Fans gänzlich ungeeignet. ‚Noch nie gehört’ hatten wir auch The Words – aber ‚nie wieder gehört’ kommt für uns und die Newcomer aus Manchester wohl nicht in Frage. Denn obwohl dies ihr bisher größter Auftritt war, hatten sie keine Schwierigkeiten das Publikum in Stimmung zu bringen und heizten ihnen mit den Songs ihres ersten Albums „Truth & Faith“ ordentlich ein; offensichtlich waren Sunnyboy-Schlagzeuger Graeme und seine Indie Rock Kollegen nicht umsonst bereits auf zwei „Mixed Tape“ Alben vertreten, mit denen Mercedes-Benz regelmäßig neue Talente der internationalen Musikszene verschiedener Genre präsentiert.

Nachdem The Words von der Bühne verschwunden waren, stieg die Nervosität unter den Fans von 30 Seconds To Mars. Als dann das nächste berühmte Gesicht die Bühne betrat ging ein Raunen durch die Menge – damit hatte nun wirklich keiner gerechnet: Statt der Rockstars betrat Tennislegende Boris Becker die Bühne. Ein gewagter Auftritt, schließlich standen einige Fans mittlerweile unter Hochspannung. Doch seine Präsenz diente dem guten Zweck und so überreichte Dr. Joachim Schmidt, Mitglied der Geschäftsleitung Mercedes-Benz Cars, Vertrieb und Marketing, Becker als Vorstand der Laureus Sport for Good Foundation Deutschland/Österreich einen Scheck in Höhe von 25.000 Euro.

Und dann explodierte die ganze Euphorie der Fans von 30 Seconds To Mars. Auf einsetzendes Schlagzeuggewummer brach eine Kreisch-Lawine los, die man nicht zu toppen geglaubt hätte. Doch was wirklich in ihnen steckt, zeigten die Fans der US-Amerikanischen Indie-Rockband, als Sänger Jared Leto die Bühne betrat und mit „A Beautiful Lie“ die Performance eröffnete. Leto animierte das Publikum zum Springen und Mitsingen und riss auch uns mit – selbst meine dem R’n’B sonst so treue Freundin konnte sich dem Springen und Mitgrölen bald nicht mehr entziehen. Im Laufe des Abends bewies der Frontman allerdings wieder einmal seinen eigenen Kopf. Hatte er in der Vergangenheit schon Konzerte abgesagt, weil die Band nicht als 30 Seconds To Mars, sondern als die des Models und Schauspielers Jared Leto angekündigt worden war, so entschied er wohl in Stuttgart, dass es mal wieder Zeit wäre für einen Plausch. Und so plauschte er und plauschte und vergaß fast das Singen zwischen dem Plausch. „This is turning into a comedyshow!“, stellte er selbst fest, zeigte mit einer Akustikversion von „The Kill“, dass er durchaus noch ganz andere Live-Qualitäten zu bieten hat und plauschte weiter. Auch die Zahl der Performer auf der Bühne nahm zu: Erst holte er junge Männer nach oben, dann Kinder und zum Abschlusssong hatten wir schon fast die Hoffnung, dass das „you, you ah yeah and you, and you, yeah you…“ auch noch bin zu uns in die Mitte reichen würde. Unkalkulierbar, ein Rockstar eben. Die Fans wird’s nicht gestört haben – Jared, der darf das – und die unter ihnen, die so dicht zu ihm auf die Bühne durften, schon mal gar nicht.

Ganz anders machten es später Placebo – die Londoner hatten bei ihrem einzigen Festivalauftritt in diesem Jahr anscheinend so richtig „Bock auf Mukke“. Überwiegend mit alten, bekannten Hits ausgestattet, beschränkten sie die Moderation auf kurze, sympathische Statements zu Amy Winehouse sowie den Unruhe in ihrer Heimatstadt und zeigten ihren jungen Kollegen, wie man das macht, wenn man groß ist. Mit Hits wie „Infra-Red“, „For What It’s Worth“ und „Eyery You, Every Me“ schafften sie es, die bunt gemixte Menge auch bis in die letzten Reihen zum Tanzen zu bringen, während die Sonne unterging, den Himmel pink färbte und keiner so richtig merkte, wie die Zeit verging.


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