„Off Duty“: Wie aus einer Lebenskatastrophe etwas Gutes erwächst…

1. Um was geht’s?

Es braucht Menschen die etwas treiben, andere mitreissen und sich nicht unterkriegen lassen. Eine Idee aufgreifen, sie weiterverfolgen und am Ende die Zustände grundlegend verbessern.

Drehen vonGrößenänderungDSC03774Das war schon immer so bei mir, ein Ziel ins Auge gefasst und losmarschiert. Dieses Mal sollen es die Palliativ-Care-Teams sein. Was ist das eigentlich?
Bereits seit 2007 gibt es ein Gesetz im Sozialgesetzbuch wonach jeder Schwerstkranke das Recht auf die spezialisierte ambulante Palliativversorgung SAPV (=Schmerztherapie) hat.  Im Mittelpunkt der Arbeit eines Palliativ-Care-Teams stehen die individuellen Bedürfnisse und Wünsche eines todkranken Menschen, insbesondere der Wunsch, nicht im Krankenhaus, sondern möglichst zu Hause weitgehend schmerzfrei zu sterben. In einem Palliativ-Care-Team arbeiten Mediziner mit dem Spezialgebiet Palliativmedizin, Krankenpflegekräfte mit entsprechender Weiterbildung und ggf. Physiotherapeuten, Sozialstationen etc. zusammen. Hausärzte werden ebenso, als behandelnde Ärzte, in die medizinische Therapie einbezogen. Ein Palliativ-Care-Team sichert die Versorgung der Patienten durch die ständige Verfügbarkeit eines Arztes oder einer Pflegefachkraft nicht nur tagsüber, sondern rund um die Uhr an 365 Tagen im Jahr ab.

Für alle schwerstkranken Kinder und Erwachsenen sollte es im Landkreis Böblingen schon längst solche Teams geben! Doch weit gefehlt! Das Gesetz ist vor 4 Jahren auf den Weg gebracht worden, doch wie immer scheitert es an langwierigen Vertragsverhandlungen und am Geld.

2. Wie kam es dazu?

Adenokarzinom an der Lunge mit Metastasen in Niere und Brustwirbel. Krebs im Endstadium. Am 23. Dezember 2009 verändert sich mein Leben grundlegend. Mein erst 39-jähriger Bruder, gerade zum zweiten Mal Papa geworden, zeitlebens Nichtraucher und Sportler war an Krebs erkrankt.

IMG_0001Bevor wir die Situation recht begriffen hatten, ging der Behanglungsmarathon los. Zeitgleich führten wir endlose Telefonate mit Krankenkasse, Arbeitgeber, Versicherungen, Behörden etc. Es stellte sich als zeitraubend und nervtötend heraus bis man endlich die richtigen Ansprechpartner und Auskünfte bekam. Das konnte doch einfach nicht wahr sein, dass man sich auch noch mit Papierkram herumschlagen muss……

Die Lebenspläne meines Bruders wurden abrupt beendet und nach nur 5 Monaten und 3 Tagen hatte er den Kampf gegen diese fiese Krankheit verloren. Wir als seine Familie haben ihn zuhause begleitet, so war es sein Wunsch.  Was wir nicht verhindern konnten, waren die unglaublichen Schmerzen, die er durchleiden musste. Es gestaltete sich als äußerst schwierig einen Mediziner zu finden, der die entsprechende Palliativ-Zusatzausbildung besaß und bereit war Hausbesuche zu machen, die außerhalb seines Praxiseinzugsgebietes lagen.

Dann begannen die Recherchen. Wie kann das sein? Kann ich etwas tun? Unterstütze ich die Krebsforschung? Mit meinen geringen Möglichkeiten, macht das wirklich einen Sinn? Versuche ich die Gründung der Palliativ-Care-Teams zu forcieren? Wo kann ich ansetzen? Wie kann ich verhindern, dass dies in unserem Einzugsgebiet nie mehr einem Menschen passiert?

3. Was waren die Highlights?

Wie aus einer persönlichen Lebenskatastrophe doch noch etwas Gutes entsteht.

Zuerst schien die Welt still zu stehen und war nur noch grau und trübe bis in meinem Sommerurlaub irgendwo in Norwegen während einer schlaflosen Nacht der Gedanke aufblitzte: „Dann mach doch ein Benefizkonzert!“ Fast so als würde mir mein Bruder den Weg weisen, die Dinge endlich anzupacken und zu ändern.

Gut ein Benefizkonzert. Das hab ich noch nie aus der Taufe gehoben. Wie geht so etwas? Wen spreche ich an? Wer macht mit? Wo bekomme ich eine Halle her? Wie gestalte ich Plakate, Flyer? Wie komme ich mit den Kosten hin (zum Glück arbeite ich in unserer Firma als Controllerin)? Wird es funktionieren?

Zuerst brauch ich die Künstler… nichts leichter als das! Ich kenne ja schließlich Marco Timo Triller, einen Kollegen. Er ist ein toller Künstler, der übrigens schon Fernsehauftritte absolviert hat und erzähl ihm einfach von meinem Vorhaben. Gott sei Dank – er ist dabei. Dann gibt es noch die geniale a-cappella-Formation male:vox. Die Jungs und ihre „Chefin“ sind auch sofort begeistert und unterstützen mich bei meiner Idee. Jetzt brauch ich nur noch einen Schirmherrn. Niemand geringeres als unser ehemaliger Landrat Bernhard Maier sagt zu. Träum ich oder hat er wirklich zugesagt?

Aber irgendwie ist es doch nicht so einfach, ohne einen Verein im Hintergrund zu agieren. Man stößt immer wieder an Grenzen. Es gibt so viele Menschen die wollen spenden, aber eben auch eine Spendenbestätigung haben. Das mit der Vereinsgründung sollte doch kein Problem sein. Im November 2010 innerhalb von 3 Wochen war unser „Verein der Palliativ-Care-Teams im Kreis Böblingen e. V.“ aus der Taufe gehoben, notariell beglaubigt und beim Amtsgericht eingetragen.

Jetzt konnte das Ganze langsam am Fahrt gewinnen…..

Wie gut, dass ich so viele nette Leute mit entsprechendem Know-How kenne. Sie helfen mir nicht nur beim Layout meiner Plakate und Flyer, sondern gestalten unsere Vereinshomepage und wieder andere machen sich in der Januarkälte genauso wie bei strahlendem Sonnen-schein auf den Weg und füllen 30.000 Briefkästen mit Flyern. Wieder andere lassen sich die Nummer von unserem Spendenkonto geben und überweisen einfach was… manchmal bleibt mir da die Spucke weg und ich freu mich nur noch wie Bolle.

4. Wie motivieren Sie sich nach acht Stunden Arbeit?

Meine Motivation lebt in erster Linie vom Wunsch, die Situation hier im Landkreis Böblingen entscheidend verbessern zu wollen. Finanzielle Mittel zu beschaffen und zur Verfügung zu stellen, dass es eben nicht wie so oft am Geld scheitert. Ganz wichtig ist für mich auch, dass andere Familien in einer ähnlichen Situation nicht erst mühevoll alle Informationen zusammen suchen müssen, sondern dass wir mit unserem Verein dazu beitragen können, Betroffenen schnell und umfassend alle benötigten Informationen zur Verfügung zu stellen und dies sowohl in unserem Konzern, als auch außerhalb.

Wir wurden gefragt, ob wir uns nicht am ersten Gesundheitstag der Stadt Leonberg beteiligen wollen und haben natürlich sofort zugesagt. So standen wir dann am 09. April mit unserem Infomaterial in der Stadthalle in Leonberg und konnten wieder viele interessante Gespräche führen.

Es ist keine leichte Aufgabe, aber ich bin mir sicher, dass in wenigen Jahren einiges ins Rollen gebracht wurde. Ich träume von dem Tag an dem jeder Betroffene oder seine Angehörigen bei einer solchen krankheitsbedingten Schmerzattacke zu jeder Tages- und Nachtzeit eine Rufnummer anwählen können und innerhalb kurzer Zeit ein Palliativmediziner vor Ort ist und alles tun wird, um die Schmerzen der Betroffenen zu lindern.

5. Wie geht’s weiter?

Drei große Ansatzpunkte verfolgen wir:

1) Wir versuchen hier im Haus die Information für Kolleginnen und Kollegen zu verbessern und zu bündeln. Hierzu führen und führten wir Gespräche mit Herrn Dr. Schade vom werksärztlichen Dienst in Sindelfingen, Frau Behninger von der BKK und dem Betriebsrat und hoffen, dass unsere Idee aufgegriffen wird.

2) Am 04. Juni 2011 um 19.00 Uhr findet unser Benefizkonzert in der Warmbronner Staigwaldhalle statt. Karten können übrigens unter info@verein-pct.de oder der Rufnummer 07159/479224 geordert werden. Wir versuchen mit Spenden bzw. den Erlösen aus dem Konzert ein Fahrzeug (es soll übrigens ein smart werden) für die in der Gründung befindlichen Palliativ-Care-Teams zu finanzieren.

Benefizkonzertbenefizkonzert2

Wir freuen uns über regen Zulauf!

3) Im Herbst ist eine Vortragsreihe geplant. Es werden Fachleute und Ärzte über die Palliativmedizin, Versorgung nach SAPV, Vollmachten und Patientenverfügungen informieren.

6. Was arbeiten Sie beim Daimler?

Vor mehr als 20 Jahren begann es am Ende eines Fahrzeuglebens. Bei der damaligen debis Assekuranz war ich für die  Unfallschäden bzw. deren Schadensabwicklung mit den gegnerischen Versicherungen zuständig. Danach streifte ich ganz unterschiedliche Bereiche wie die Reisekostenabwicklung nebst Schulung der Sekretärinnen bzw. gestaltete die Nacos-Einführung in den Niederlassungen mit und gelangte endlich dorthin wo jedes Fahrzeugleben beginnt. In der Strategie und Entwicklung begleitet die Produktionsplanung (Projektplanung/-steuerung Produktionsplanung MBC abgekürzt PP/P) bereits jedes Fahrzeug und hängt ihm für alle produktionsseitigen Kosten ein Preisschild um. Mit großer Freude und Begeisterung bin ich heute für den W/X166 (die neue M-Klasse bzw. GL-Klasse) für das Gesamtfahrzeug-Controlling der Produktionsplanung verantwortlich. Ganz am Rande gesagt hat mir diese Aufgabe für die Planung des Benefizkonzertes entscheidend geholfen. Wie sonst könnte man ein solches Konzert ganz ohne Erfahrung aus dem Boden stampfen????

Sonstige Infos

http://www.verein-pct.de
http://de.wikipedia.org/wiki/Palliative_Care_Team
http://de.wikipedia.org/wiki/Spezialisierte_ambulante_Palliativversorgung

Unsere Mitarbeiter  sind nicht nur während ihrer Arbeitszeit motiviert, sondern engagieren sich oft auch in ihrer Freizeit in sozialen und anderen außergewöhnlichen Projekten. Diese wollen wir in der Reihe “Off Duty” kurz vorstellen.


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