In emissionsfreier Mission

Jiayuguan Airport. 2. Mai 2011, 16 Uhr Ortszeit. Als ich das Flughafengebäude verlasse, pfeift mir ein scharfer Wind um die Nase. Über die Stadt in der chinesischen Provinz Gansu ist gerade erst ein heftiger Sandsturm hinweggebraust. Nach über 20 Stunden Anreise steige ich erleichtert in den schwarzen Viano ein, der uns zu unserem Hotel bringt. In den kommenden Tagen werde ich Zeitzeuge einer der denkwürdigsten Fahrten um den Globus seit der Erfindung des Automobils sein: dem Mercedes-Benz F-CELL World Drive.

Drei Brennstoffzellenfahrzeuge  sollen in 125 Tagen rund 30.000 km in 14 Ländern und auf vier Kontinenten zurücklegen.

GrößenänderungmypicZiel: der Beweis der Serienreife und der Alltagstauglichkeit der Brennstoffzellentechnologie. Als Mitarbeiter der internen Kommunikation darf ich die Gewinner der Aktion „Mitarbeiter-Reporter gesucht“ auf der Etappe von Jiayuguan in China bis nach Almaty in Kasachstan betreuen. Die Mitarbeiter werden dabei in einer der drei B-Klassen F-CELL rund 2.400 km zurücklegen – in  emissionsfreier Mission sozusagen. Ich werde sie dabei nicht aus den Augen lassen.

Der Empfang im Jiayuguan International Hotel ist herzlich. Nach dem Briefing gehe ich früh ins knochenharte Bett. Immerhin wartet am nächsten Tag die erste der fünf Etappen mit rund 600 km auf uns.

Entlang der Seidenstraße: Sturm, Staub und Geröll weichen Oasenstädten und Alpen-Feeling

Beim morgendlichen Blick aus dem Fenster steigt die Vorfreude. Strahlend blauer Himmel und die schneebedeckten Gipfel des Qilian-Shan-Hochgebirges. Das Abenteuer kann beginnen. Wir starten in Richtung unseres ersten Etappenziels Hami. Die Landschaft ist, nun ja, keine Schönheit – Wüste eben. Nach entspanntem Dahingleiten auf der Autobahn und dem ersten Kontakt mit chinesischem Fahrverhalten ist der Spaß plötzlich vorbei. Die geteerte Straße endet unerwartet. Das neue Stück Autobahn ist leider erst in Arbeit. Es beginnt ein heißer Ritt über Geröll, Stein und Schotterpiste. Die Schlaglöcher tun ihr übriges. Der eigentlich so gutmütige Viano wird bei diesen Straßenverhältnissen zum schaukelnden Wohnzimmer. Ein leichtes Gefühl von Seekrankheit kommt auf.

Bemerkenswert, welch abwechslungsreiche Landschaft sich auf unserem Weg bietet. Eben noch auf rund 1.500 Metern, bewegen wir uns kurz darauf durch atemberaubende Wüsten- und Felsenlandschaften in Richtung der Oasenstadt Turpan und fahren damit unter den Meeresspiegel. Links und rechts der Strecke sehen wir jede Menge kleiner durchlöcherter Hütten. Hier trocknen die Chinesen die Traubenernte zu Rosinen wie auch das Schild am Wegesrand „Grape Valley Turpan“ bestätigt. Apropos Straßenschilder: Diese sind nun  nicht mehr chinesisch-englisch, sondern chinesisch-arabisch beschriftet: Der Einfluss des Orients macht sich bemerkbar. Turpan selbst macht der Bedeutung einer Oasenstadt alle Ehre: Es gibt Wasser im Überfluss! Grund dafür ist das Jahrtausende alte, unterirdische Bewässerungssystem.

Hunderte Kilometer führt uns die Tour bereits über nagelneue Autobahnen, staubige Schotterpisten und holprige Landstraßen. Mit Kuitun haben wir ein weiteres Etappenziel hinter uns gelassen und nähern uns der westlichen chinesischen Grenze. Wer das Roadbook intensiv studiert hat, der weiß, dass China noch einen ganz besonderen landschaftlichen Höhepunkt für uns bereithält: „Sayram Hu“, ein gewaltiger Bergsee auf über 2000 Metern Höhe. Der Anblick ist atemberaubend: Die Wolken küssen sanft das Wasser, und man hat das Gefühl, am Meer angekommen zu sein. Ein idealer Platz für ein ausgiebiges Fotoshooting. Im weiteren Streckenverlauf erwartet uns eine Landschaft, die man als „Schweiz Asiens“ beschreiben könnte – Gebirgspässe und grüne Auen. Dazwischen aber fressen sich mehrere Tunnelbauten und eine gigantische neue Autobahnbrücke in das Idyll.

China, die größte Baustelle der Welt?

Egal, wo man in China unterwegs ist, man hat ständig das Gefühl: Es geht voran! Unzählige Kräne, schweres Baugerät und Lasttransporter zeugen von einem unheimlichen Wachstumsdrang. Gebraucht werden diese beispielsweise für neue Wohnblocks, kilometerlange Windparks oder die etlichen Autobahnkilometer, welche die chinesische Regierung in den nächsten Jahren fertig stellen wird.

Deutlich wird dies auch an einer Hochgeschwindigkeits-Bahntrasse, die unseren Konvoi hunderte von Kilometern begleitet und sich erbarmungslos durch chinesisches Bergmassiv und Täler schneidet. Dieser Kontrast zwischen scheinbarem Niemandsland und der mit Hochdruck betriebenen infrastrukturellen Entwicklung des Landes beeindruckt mich. Würden wir unsere Route in einem Jahr wieder fahren, würden die zahlreichen Baustellen und Umleitungen wahrscheinlich schon nagelneuen mehrspurigen Autobahnen gewichen sein.

Mit „ohne scharf“ bitte

Eigentlich bin ich jemand, der scharfes Essen meidet. Und anstatt Stäbchen zu benutzen, greife ich lieber zum Besteck – schlechte Voraussetzungen also für kulinarische Freuden in China. Aber in einem Land, in dem zum Frühstück schon gebratener Reis mit Hühnerfleisch gereicht und abends ein Feuerwerk aus verschiedenen Fleischsorten, Soßen und Gemüsearten geboten wird, müsste ja auch etwas für mich dabei sein.

Schließlich habe ich mich dazu entschlossen, anstatt Cashew-Kernen oder der obligatorischen Mittags-Lunchbox auch mal echtes chinesisches Essen in einer netten kleinen Autobahnraststätte zu probieren. Mein obligatorisches „mit ohne scharf“ aus der Dönerbude konnte ich mir aufgrund der unüberwindbaren Sprachbarriere sparen. Gereicht wurden selbstgemachte Nudeln mit einer appetitlichen Hackfleischsauce – Soße drüber, aufgewickelt und ab damit in den Mund. Nach dem ersten Bissen beschleicht mich das ungute Gefühl, dass dieses Essen doch ein kleines bisschen zu scharf für mich ausgelegt sein könnte. Ich versuche, gute Miene zum bösen Spiel zu machen und lasse mir nichts anmerken, während sich mein Hals langsam aber stetig zuschnürt. Beim Blick über den Tisch bemerke ich, dass auch mein Gegenüber mit dem unverschämt hohen Schärfegrad kämpft. Schweiß steht ihm auf der Stirn, aber auch er lässt sich nichts anmerken. Wie echte Männer schmeißen wir uns diesen feurigen, aber sehr schmackhaften Mittagstisch ein. Nach gefühlten zwei Litern Wasser können wir beide schon wieder darüber lachen. Besitzer, Bedienung und Koch freuen sich jedenfalls, dass es den Mercedes-Menschen geschmeckt hat.

Völkerverständigung trotz des „Lost in Translation“-Effekts

Ohnehin begegnen einem die Menschen vor Ort mit Freude und Wohlwollen. Unglaublich, welche Strahlkraft die Marke Mercedes-Benz auf die Menschen dort hat. „Uiih, Mercedes! Good!!“, heißt es da oft, bevor wir minutenlang auf chinesisch zugetextet werden. Wir antworten fleißig auf Englisch und Deutsch. Und obwohl sowohl wir als auch unsere Gegenüber kein Wort verstehen, gibt es zum Abschied immer ein breites Lächeln und einen Handschlag – Völkerverständigung in ihrer besten Form! Und nachdem es für so manchen Tankstellen-Wärter zunächst nach Überfall ausgesehen haben muss, als wir mit fünf schwarzen großvolumigen Begleit-Fahrzeugen vorfahren, grüßen oder signalisieren auch diese spontan mit einem „Daumen hoch“ ihre Begeisterung.

Bye bye China – Hello Kazakhstan

Eine echte „Grenz“-Erfahrung war die Überfahrt nach Kasachstan. Nachdem sich die chinesischen Grenzbeamten zwei bis drei Stunden die Fahrzeugpapiere angesehen haben, fahren wir im World-Drive-Konvoi in die Grenzstation. Dort reist jeder von uns erst einmal ganz hochoffiziell aus China aus. Als wir mit unseren Fahrzeugen das Grenzhäuschen passieren, zeigt sich, dass unser Tross auch für die chinesischen Grenzbeamten ein nicht alltäglicher Anblick ist. Lachende Gesichter und grüßende Soldaten stehen Spalier.

In Kasachstan ticken die Uhren dann anders. Aber eigentlich nur wegen der Zeitumstellung. Mit dem Grenzübergang hat unser Tag plötzlich 26 Stunden. Der kasachische Kommandant begrüßt mich mit einem herzlichen „Morgen!“. Bis auf ein paar grimmig dreinblickende Beamte, die allerdings nur ihren Job gewissenhaft machen wollen, hat man das Gefühl, willkommen zu sein.

Auf die Frage, was es in Kasachstan gibt, hätte ich vor dem World Drive noch geantwortet: „Kasachen“. Nun weiß ich, dass es in dem achtgrößten Land der Erde vor allem atemberaubende Landschaften gibt: blühende Steppe, endlose Weite. Ein Panorama, das schon fast so perfekt ist, dass man denken könnte, man befindet sich in einer Filmkulisse. Die Kamera immer im Anschlag, machen wir für ein Fotoshooting an einem spektakulären Aussichtspunkt halt. Dieses wird spontan zum Happening für ein paar kasachische Großfamilien. Für den Fotografen und die Kameraleute eher hinderlich, da die Kinder immer wieder durchs Bild wirbeln. Spontan trommle ich die gesamte Truppe für ein „Family Photo“ auf der anderen Seite der Aussichtsplattform zusammen. Der Trick funktioniert! Familie, Filmer und Fotograf sind glücklich.

Die Filmaufnahmen im Kasten, aber noch mehrere hundert Kilometer vor der Brust, machen wir uns zu unserem letzten Etappenziel Almaty auf. Es wird spät an diesem Abend – gegen 23 Uhr bleibt noch Zeit für ein kurzes Abendessen und die Verabschiedung, bevor uns der Airport-Shuttle zum Flughafen und  zu unserer Maschine nach Frankfurt bringt.

Ein eingespieltes Team – Hut ab!

Glücklich schätzen können wir uns – die Mitarbeiter-Reporter und ich – dass wir diese Woche zusammen mit den World Drivern verbringen durften. An dieser Stelle ein ganz dickes Lob an alle Techniker, Organisatoren, Fahrer, Redakteure, Filmer, Fotografen, Übersetzer und vor allem an die Projektleitung! Ihr alle habt diesen World Drive perfekt organisiert und zu einem ganz besonderen,  unvergesslichen Erlebnis für mich gemacht. Ein Dank auch an die Jungs der Linde AG, ohne die dieser World Drive nicht möglich gewesen wäre. Hier habe ich automobilen Pioniergeist gespürt – und wer weiß, vielleicht werde ich irgendwann mal meinen Enkeln von diesem Abenteuer in emissionsfreier Mission erzählen.


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