Zeig’ mir, wie du isst und ich sag’ dir, wer du bist

Werksgelände Untertürkheim, 12.00 Uhr. Mit eiligen Schritten strömen hunderte von Mitarbeitern aus den Bürohäusern und Werkshallen. Vor dem Vorstandsgebäude treffen die Menschenmengen schließlich aufeinander und von da ab bewegt sich die Karawane nur noch in eine gemeinsame Richtung.

Beim Anblick dieses Szenarios verspürt jeder Homo Sapiens, bei dem der evolutionsbedingte Herdentrieb auch nur rudimentär erhalten ist, den unweigerlichen Zwang, sich der vorwärts drängenden Meute anzuschließen. Das Ziel der Völkerwanderung: das Betriebsrestaurant, das im allgemeinen Unternehmensjargon verkürzt und deutlich weniger appetitanregend als „Kantine“ bezeichnet wird. Seit 50 Jahren öffnet sie jeden Werktag zwischen 11.30 und 13.30 Uhr ihre Türen.
Da das zweite, kleinere Betriebsrestaurant wegen Baumaßnahmen bis Anfang Juli geschlossen bleibt, hat die Speise-Einrichtung im Gebäude 135 derzeit eine gastronomische Monopolstellung inne. Auf zwei Etagen werden hier täglich rund 5.000 knurrende Mägen gefüllt.

Eldorado für Hobby-Sozialpsychologen

Für manche ist die Kantine schlichtweg ein Ort der Nahrungsaufnahme, für die meisten aber ein Raum geselligen Miteinanders. Hier stehen Frauen in eleganten Kostümen in der Warteschlange hinter Angestellten in T-Shirt, Jeans und Sneakers. Hier sitzen Anzugträger mit Krawatte an einem Tisch mit Produktionsmitarbeitern in Blaumännern. Hier werden Anekdoten aus den Büros ebenso wie Visitenkarten ausgetauscht. Und hier wird wild durcheinander gequatscht, lauthals gelacht und hemmungslos geflirtet. Ein Eldorado also für jeden Sozialpsychologen. Sigmund Freud wäre hier sicher das Forscherherz aufgegangen. Betrachtet man die Besucher des Betriebsrestaurants selbst einmal durch die wissenschaftliche Analysebrille, werden innerhalb der bunten Masse schnell verschiedene Verhaltensmuster erkennbar. Überspitzt und stark verallgemeinert lassen sich insgesamt drei Typen von Kantinengängern unterscheiden.

Der Traditionelle

Da gibt es zum einen den „Traditionellen“. Dieser Typ Kantinenbesucher ist nicht selten schon viele Jahre im Unternehmen tätig, denn er schätzt wiederkehrende Abläufe. Meist hat er bereits für den Rest der Woche geplant, mit welchem Kollegen er das tägliche Mittagsritual begeht. Sich kurzfristig mit ihm zum Essen verabreden? Beinahe aussichtslos. Dienstags geht er sowieso immer mit Thomas in die Kantine und die Mittagspause am Donnerstag ist jede Woche für das gemeinsame Essen mit den Teamkollegen reserviert. An der Theke greift der Traditionelle vorzugsweise zu etwas Deftigem, das möglichst lang satt hält und das er aus Mutters Küche kennt. Hähnchenbrust, Rinderroulade oder Schweineschnitzel – eine Mahlzeit ohne Fleisch ist für ihn wie ein Sonntag ohne Tatort. Dazu gibt’s in der Regel Kartoffeln oder Spätzle und Karotten oder Blumenkohlröschen. In den dafür vorgesehenen Schalen versucht er diese jeden Tag auf’s Neue zu einem maximal hohen Berg aufzutürmen. Eine schwäbische Marotte. Oder einfach eine rationale Kosten-Nutzen-Kalkulation. Schließlich bezahlt man die Beilagen nach Anzahl der Schalen und nicht nach Gewicht.

Auf das Essen folgt der obligatorische Gang zur Kaffeebar im Erdgeschoss, wo die Barista den Traditionellen mit der Frage „Das gleiche wie immer?“ begrüßt. Spätestens jetzt beginnen die meisten Vertreter ihrer Art, in immer kürzer werdenden Abständen nervös auf die Armbanduhr zu blicken. Schließlich wollen sie rechtzeitig am Arbeitsplatz zurück sein, um bis zum Feierabend alle Punkte auf ihrer To do-Liste abhaken zu können.

Der Experimentelle

Im Unterschied zum Traditionellen kann man sich mit einem Repräsentanten des Typs „Experimentelle“ auch kurzfristig zum gemeinsamen Mittagessen treffen. Lunch-Dates ergeben sich bei ihm meistens spontan und falls nicht, geht er auch gern allein in die Kantine. Dort trifft er ohnehin immer bekannte Kollegen, zu denen er sich kurzerhand gesellt. Mit seinem aufgeschlossenen Wesen und den spannenden Geschichten von der letzten Wildwasser-Rafting-Tour ist der Experimentelle sowieso ein gern gesehener Tischnachbar. Wenn es um’s Essen geht, gilt für ihn die Devise: je ausgefallener, desto besser. Am liebsten probiert der Early Adopter Neues aus. Ginge es nach ihm, gäbe es in der Kantine Steak vom ostafrikanischen Gnu an einer Schokoladen-Erdnusssauce mit Duft-Wildreis aus Fernost und zum Dessert frische Himbeeren in einer Pfeffer-Basilikum-Marinade. Da die Kantinenküche aber nicht unbedingt für ihre Experimentierfreude bekannt ist, muss er sich mit Nudeln nach chinesischer Art und Joghurt mit Maracujafruchtmark begnügen.

Als Technikfreak hat der Experimentelle sein Geschäfts-Blackberry und sein privates iPhone auch in der Mittagspause immer dabei. Noch während des Essens checkt er die Neuigkeiten seiner mehr als 500 Facebook-Freunde und setzt rasch noch ein Tweet über den neuesten Gaming-Trend aus Tokio ab. Zur Belustigung der Tischrunde zeigt er den Kollegen ein amüsantes Video auf YouTube, das im kommenden Monat mehr als zwei Millionen Views verzeichnen wird. Bevor es zurück ins Büro geht, holt sich der Experimentelle schnell noch einen Espresso Doppio Macchiato mit Low Fat Soja-Milch – natürlich „to go“. Sein Leben ist von Rastlosigkeit bestimmt und beim Essen eben hat er schließlich schon genug Zeit vertrödelt.

Der Unkonventionelle

Der „Unkonventionelle“ passt so recht in keine Schublade. Und das möchte er auch gar nicht, denn er ist ein überzeugter Individualist und Gegner jeglicher Form von Homogenität. Die Kantine besucht er daher nur selten. Es ist sein stiller Protest gegen die fließbandartige Massenversorgung dort. Aufgrund mangelnder Alternativen geht der Unkonventionelle dann aber doch ab und zu in die besagte Betriebseinrichtung, um seinen Hunger allein oder mit Gleichgesinnten zu stillen. Seine Abneigung gegenüber großen Menschenansammlungen überwindet er auch dann, wenn er sich für seine Ideale und Werte stark machen kann. Die Teilnehmer von Demonstrationen lassen sich daher mehrheitlich der Gattung der Unkonventionellen zuordnen. Überdurchschnittlich häufig engagieren sich diese auch als ehrenamtliche Mitglieder von Sportvereinen oder freiwillige Helfer bei Schulsanierungen.

Weil ihnen die Erhaltung der Umwelt und das Wohl aller Lebewesen sehr stark am Herzen liegen, sind viele Unkonventionelle Vegetarier oder essen nur wenig Fleisch. Auf ihre Teller kommen meist große Mengen an Gemüse – zuvor erkundigen sie sich jedoch gern bei der lindgrün-uniformierten Dame hinter der Theke, ob die Lebensmittel auch tatsächlich aus ökologisch einwandfreiem Anbau stammen. Statt der Mainstream-Durstlöscher Cola oder Fanta trinkt der Unkonventionelle zum Essen ein Glas Wasser oder ungesüßte Obstsäfte. Die sind sowieso viel gesünder und ohne künstliche Zusatzstoffe. Den neuesten Trends hinterher zu jagen und sein Leben äußeren Zwängen zu unterwerfen, das mag er generell nicht. Im Gegensatz zu den Experimentellen empfindet er sein Smartphone und die damit verbundene permanente Erreichbarkeit deshalb auch eher als notwendiges Übel denn als Segen.

Zugegeben, in freier Wildbahn trifft man die einzelnen Spezies nur selten in ihrer Reinform an. Die Mehrzahl der Kantinenbesucher trägt vielmehr Züge verschiedener Typen, aber in unterschiedlich dominanter Ausprägung. Je nach vorherrschenden Eigenheiten lassen sich die meisten Kollegen daher doch relativ einfach als eher Traditionelle, Experimentelle oder Unkonventionelle identifizieren.

Und mit welchem Typ verbringen Sie Ihre Mittagspause am liebsten?


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