Windkanal – Hinter verschlossenen Türen

Mittwoch morgen, 7:00h. Den Sicherungscode an der Tür eingeben, und rein in die Plenumshalle des Großen Windkanals in Untertürkheim. Eine Tür, die sich nur für wenige Leute öffnet. Wenn hier Tests durchgeführt werden, dann in der Mehrzahl an Modellen und Prototypen, die noch nicht im Straßenbild auftauchen. Und wenn, dann getarnt, was im Windkanal überhaupt nicht zu gebrauchen ist. Deswegen muss hier eine Politik der verschlossenen Tür verfolgt werden, aus Geheimhaltungsgründen, nicht aus Informationsverknappung.

Heute steht ein Cabrio hier bzw. ein Prototyp eines solchen. Man kann das Dach öffnen und es gibt den Blick auf einen detaillierten Innenraum frei.
Es ist fahrfähig – warum sollte man nicht ganz einfach das Windschott draußen auf der Straße erproben? Stellen Sie sich vor, es ist Dezember und draußen schneit es. Um nun nicht auf den Sommer und schönes Wetter warten zu müssen, gibt es einen Windkanal. Der produziert den Wind auch drinnen, es herrschen immer angenehme Temperaturen und es regnet oder schneit nie. Die heutigen Entwicklungsprozesse und Zeitabläufe wären nicht mehr zu realisieren, wenn wir uns von den Wetterverhältnissen nicht unabhängig machen könnten.

Ich bin heute nicht allein im Windkanal, um das Windschott weiter zu optimieren, damit den Passagieren später nicht zu sehr, aber auch nicht zu wenig der Wind um die Nase weht. Dieser Kompromiss, nicht zu viel und nicht zu wenig Wind, ist kein absoluter, immer gültiger Wert. Er variiert von Baureihe zu Baureihe, und, um es nicht zu einfach zu machen, von Person zu Person.  Da ich nicht jedermann sein kann und will, lasse ich mir in der Beurteilung des Komforts beim Offenfahren helfen. Dazu haben wir Messpuppen, die die Windgeschwindigkeiten an der Körperoberfläche messen. Dazu sind sie mit jeweils 16 Sensoren ausgestattet, die auch die schnellen Änderungen dieser Windgeschwindigkeit erfassen können. Dies ist reine Physik. Das Wohlbefinden von Menschen ist aber nicht nur eine physikalische Fragestellung, sondern muß auch die Empfindlichkeit unterschiedlicher Körperregionen berücksichtigen. Dazu haben die Messpuppen ein Komfortmodell einprogrammiert, das die gemessenen Geschwindigkeiten in eine aus Probandenuntersuchungen gewonnene Komfortbewertung übersetzt. Die Messpuppe ist quasi der Mittelwert der Komfortaussage von vielen Menschen; weswegen die Komfortaussage glücklicherweise nicht von meiner eigenen Tagesform abhängig wäre, wenn ich mich an den Platz der Puppe setzen würde, oder von der eines meiner Kollegen, die durchaus von meiner Meinung abweichen würde.

Beide nehmen wir also Platz, Tanja (klingt doch viel sympathischer als Messpuppe, oder?) im Fahrzeug, ich in der Messkabine, von wo ich die Messdatenerfassung und die Ergebnisse verfolgen kann. Von der Messkabine aus wird auch der Windkanal selber gesteuert: welche Windgeschwindigkeit soll herrschen, aus welcher Richtung soll der Wind wehen – wichtige Versuchsrandbedingungen, um die Wirksamkeit eines Windschotts richtig beurteilen zu können. Damit dabei alles stimmt, habe ich auch hier die Hilfe eines Kollegen – auch hier kommt es auf vertrauensvolle Teamarbeit an – der sich richtig gut auskennt. Schließlich ist ein Windkanal ein äußerst komplexes „Werkzeug“, bei dem sehr viele Komponenten sehr differenziert aufeinander abgestimmt funktionieren müssen.

Was gibt es überhaupt für Möglichkeiten, das Offenfahren komfortabler zu gestalten? Seit langen Jahren haben wir uns alle an Windschotts gewöhnt, meist schwarze Stoffnetze, meist in einen festen Kunststoffrahmen eingespannt, oder vereinzelt durchsichtige Plexiglasscheiben. Installiert sind sie hinter den Passagieren, schließlich kommt der Wind von hinten. Weiß man damit denn nicht schon alles, was es zu wissen gilt? Nein! Auch wenn es manchmal danach aussieht. Jedes Cabrio verhält sich anders, die Sitze sehen unterschiedlich aus, die Sitzpositionen sind unterschiedlich. Die Hutablagen sind nicht alle gleich hoch und gleich weit von den Passagieren entfernt, ebensowenig der Dachrahmen vor den Köpfen. Die Seitenscheiben haben keine identischen Konturen und Kanten. Damit kann die Aufgabe für ein Windschott nie immer dieselbe sein. Wie groß muß es sein, wie groß kann es sein? Muß es aus optischen Gründen Plexiglas sein und damit „luftdicht“ oder kann es Stoff sein? Wenn aus Stoff, wie luftdurchlässig muß er sein, ohne dass es wiederum zu sehr durchzieht? Extrem viele Möglichkeiten für die Auswahl, beschränkt durch stylistische Zielkonflikte, Kosten, Herstellbarkeit, Dauerhaltbarkeit, Sichtbehinderungen auf den rückwärtigen Verkehr und vielem mehr.

Heute geht es um die Stoffe, die „harten“ Parameter liegen bereits fest, Feintuning also. Der Wind fährt hoch…

Mehr eindrucksvolle Bilder aus dem Windkanal und weiteren Stationen in der Entwicklung eines Autos gibt’s in der Reportage „125 Jahre Auto – Sicherheit und Technik heute“ , zu sehen am 08.05.2011 um 18.30 Uhr auf ntv (Wiederholung am Dienstag, 10.05.2011, um 16.10 Uhr)


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