Zurück in die Wüste…

Rallyefahren heißt früh aufstehen und so standen wir schon um 6.00 Uhr bei der technischen Abnahme in Sete. Da war es – das „Rallye-Feeling“ – viele bunte Autos, einige bekannte Gesichter und das herbeigesehnte Wiedersehen mit Freunden. Die Stimmung war sehr ausgelassen und alle freuten sich auf die kommenden Wochen.

Ein holpriger Start

Der Anspruch an uns selbst war von Anfang an hoch. Schließlich hatten wir den Auftrag bekommen „ergebnisorientiert“ zu fahren. Dieser Anspruch war scheinbar zu hoch. Beim Prolog – ein unnötiger Fahrfehler, ein platter Reifen und mit etlichen Zusatzkilometer kamen wir ins Ziel – so hatten wir uns das nicht vorgestellt. Als zusätzlich einer der Organisatoren im Spaß zu Anneke meinte, ob wir da draußen eine Sightseeing-Tour gemacht hatten, war die Stimmung völlig am Tiefpunkt.

Eines war uns klar, die anderen hatten die geländegängigeren Autos und somit hatten wir nur eine Chance, wenn wir immer alle Checkpoints erreichen würden – eine wirkliche Herausforderung.

4 Uhr Aufstehen – 5 Uhr Briefing – 6 Uhr Start. Als Zweiter des Prologs starteten wir hinter dem erfahrenen belgischen Dacia-Team – welches die Etappe am Vortag für sich entschieden hatte. Wir waren zum ersten Mal so wirklich aufgeregt – zwar immer noch zu Scherzen aufgelegt, aber deutlich verhaltener als sonst. Volle Konzentration –  es ging los. Anneke machte sich absolut großartig, führte uns souverän geradewegs  von Checkpoint zu Checkpoint und somit auf den ersten Platz.

Der zweite Tag war ein Wechselbad der Gefühle – gut gestartet, brach das Chaos über uns ein –  stundenlange Ausgrabungsarbeiten mit etlichen blauen Flecken und einer tiefe Schnittwunde am Finger, einer fast verlorenen Stoßstange und einem tatsächlich verloren gegangenen Kompass. Zwar bekamen wir als einzige in unserer Klasse alle Checkpoints, aber es war richtig harte Arbeit. Der einzige Lichtblick an diesem Tag, war das kurze „Touristenprogramm“  das wir uns trotz allem gönnten, als wir die Himmelstreppe (eine Treppe, die ein Künstler in der marokkanischen Wüste baute) hinaufgingen und die Aussicht genossen.

Harte Arbeit statt Lagerfeuerromantik

Harte Arbeit blieb es auch die nächsten Tage – einmal machten wir einen Umweg von fast 60 km für einen Checkpoint, weil wir keine Chance hatten ein Sandgebiet zu durchqueren oder fuhren bei der Marathonetappe bis spät in die Dunkelheit hinein weiter zum nächsten Checkpoint anstatt mit den anderen Teams gemütlich am Lagerfeuer zu sitzen. Aber wir bekamen immer alle Checkpoints und obwohl unser Vorsprung immer weiter dahinschmolz, blieben wir auf dem ersten Platz.

Trotz all der Anstrengung blieb natürlich der Spaß und das was die Rallye ausmacht nicht zu kurz. Wir halfen immer und überall, wo wir konnten auch den anderen Teams  – beim Graben, beim Navigieren und zu guter Letzt ruinierten wir fast die Kupplung unseres eigenen Autos, um andere aus ihren misslichen Situationen zu ziehen.

Die letzte Marathonetappe hatte es wirklich in sich – versteckte und schwer zu erreichende Checkpoints und stundenlange Fahrten durch Sand.  Wir schlugen unser Nachtlager gemeinsam mit den anderen Teams aus unserer Klasse bei ersten Checkpoint des nächsten Tages auf. Dort erfuhren wir von den Organisatoren, dass die versteckten Checkpoints dem zweiten Vito-Team leider zum Verhängnis wurden. Marie und Christina  hatten sich bis dahin wirklich sehr gut geschlagen, aber dann einen rabenschwarzen Tag erwischt. Erst konnten sie den ersten Checkpoint nicht auf Anhieb finden, dann blieben sie fast in Sichtweite des zweiten Checkpoint sehr unglücklich in den Dünen stecken. Aber beide zeigten unglaublichen Willen, konnten sich Mitte des nächsten Tages aus dem Sand befreien und aus eigener Kraft zum Bivac fahren.  So fielen sie zwar einige Plätze nach hinten, konnten aber dennoch die Rallye erfolgreich im Klassement beenden.

Der spannende letzte Tag

Was das wirklich Besondere an der Rallye ist, haben wir am letzten Tag erlebt. Unser Motor hatte sich aus unerfindlichen Gründen in das Notlaufprogramm verabschiedet, was zur Folge hatte, dass wir keine Leistung mehr hatten und die Tankanzeige so bedrohlich in Richtung Tankreserve wanderte, dass wir nicht wusste, ob wir das Ziel überhaupt erreichen konnten.  Aufgrund des „Anti-Benzin-Klau-Systems“ bei neuen Fahrzeugen konnten uns befreundete Dacia-Teams nicht mit Diesel aushelfen, aber zwei von Ihnen blieben quasi als Notlösung immer in unserer Nähe. Wir sagten Ihnen wie sie zu den Checkpoints kamen und sie konnten uns bei Bedarf helfen aus dem Sand zu kommen oder wenn alle Stricke reißen uns abschleppen. Sozusagen einen Win-Win-Situation. So tuckerten wir mit zwei Dacias im Schlepptau und einer mit Klebeband verdeckten Tankanzeige (ein Problem das man nicht sieht, gibt es nicht – eine funktionierende Verdrängungstaktik) zu den letzten beiden Checkpoints und anschließend ins Ziel.

And the Winner is…

Als wir über die Ziellinie gefahren waren, ahnte Anneke schon, dass wir gewonnen haben. Wir hatten nicht sehr viele Zusatzkilometer und als sie bei der Ergebniseingabe im Computer den Kilometerstand unserer Verfolger gesehen hatte, war die Freude einfach unbeschreiblich. Wir waren vorne und überglücklich, dass sich die Anstrengungen ausgezahlt haben. Schließlich hatten wir jeden Tag hart und konzentriert gearbeitet, um unsere Führungsposition zu halten. Natürlich hatten wir auch ein paar „Hänger“ – unnötige Fahrfehler, falsch eingezeichnete Checkpoints und andere kleine Konzentrationsschwächen, aber auch in den widrigsten Umständen haben wir immer unseren Humor bewahrt und so ein tolles Gleichgewicht aus Disziplin und Spaß an der Rallye gefunden. Auch wenn man ständig an seine Grenzen stößt  und jede Faser seines Körpers schmerzt – es ist jede Sekunde der Anstrengung wert.

Unvergessliche Momente

Während der Rallye hat man wenig Zeit nachzudenken und ist zu angespannt das Erlebte zu reflektieren. Man fokussiert sich auf die Rallye und konzentriert sich auf seine Aufgaben. Nach der Rallye muss man für die offizielle Siegesfeier eine recht weite Strecke durch das Land ans Meer fahren. Erst dann hat man Zeit zu sich zu kommen und über das Erlebte nachzudenken.

Bedenkt man alleine die Umstände, wie manche Menschen in den entlegenen Orten leben – wie wichtig Wasser ist, Strom oder eine gesicherte medizinische Versorgung ein unvorstellbarer Luxus darstellt – so kann man gar nicht anders als sich zu fragen, ob man es überhaupt zu schätzen weiß, wie gut es einem geht.

Blickt man dann in die freundlichen Gesichter dieser Menschen, spürt ihre stets ohne Hintergedanken vorhandene Gastfreundschaft das Wenige zu teilen und sieht ihre Begeisterung über die Rallye, so kann man nur voller Respekt und Demut den Menschen gegenüber treten, die es im Leben ungleich schwerer haben als man selbst.

Es ist sicherlich ungewöhnlich, dass eine Motorsportveranstaltung einem wohltätigen Zweck dient, aber letztendlich nur die logische Konsequenz etwas von dem zurück zu geben, was allen Rallyeteilnehmern an Wärme und Enthusiasmus entgegen gebracht wird.

Vom Team zur Freundschaft

Ursprünglich sollte eine Journalistin meine Co-Pilotin sein. Als sich dies kurz vor der Rallye zerschlug, wurde Anneke Voss – ursprünglich nur als Ersatz vorgesehen –  Navigatorin des Teams 319 und Anneke ist wirklich eine Ausnahme-Navigatorin, die souveräner und genauer navigierte als der Großteil der rallyeerfahrenen Co-Pilotinnen.

Es war alles eine glückliche Fügung, an die wir beide gerne mit einem Augenzwinkern zurückdenken. Das Schicksal meinte es in der Tat sehr gut mit uns. Es passte einfach – wir sind Schwestern im Geiste – haben beide den gleichen Humor, verstanden uns auf Anhieb großartig. Und wir hatten beide von Anfang an ein erklärtes Ziel: Den Sieg bei der Rallye Aicha des Gazelles.

Wir sind dankbar. Dankbar  – auch wenn das nun für manche übertrieben klingt – in einem Unternehmen zu arbeiten, welches seine Mitarbeiterinnen die Möglichkeit gibt an solchen Veranstaltungen teilzunehmen. Dankbar auch, dass wir Vorgesetzte und Kollegen haben, die unsere Arbeit übernommen haben. Und nicht zuletzt dankbar, dass sich all die Mühe und der Einsatz aller an der Rallye Beteiligten gelohnt hat und unser Team gewonnen hat.

Allerdings kann man eine Rallye nie alleine gewinnen. Man braucht ein gutes Auto, gute Mechaniker, gutes Teamwork und! gute Freunde. So sind wir am meisten dankbar für die Freundschaft mit Emily, Armell, Dan, Isabell, Kellan, Theresa, Heather, Anne, Isabell, Thomas und all den vielen anderen – für jedes Lächeln, jedes Wort und jede Umarmung. Sie haben an uns geglaubt, wenn wir es nicht getan haben – uns Kraft gegeben und unterstützt. Ohne sie hätten wir es nicht geschafft! Danke & miss you!


Wie bewerten Sie diesen Artikel?
No votes yet.
Bitte warten...

Tags: , , , ,

drucken

Wollen Sie wirklich das Internet ausdrucken?

Sparen Sie Papier und schonen Sie die Umwelt! Nutzen Sie die Funktionen zum Bookmarking oder zur E-Mail-Weiterleitung.

Ihre Daimler AG

Erst wenn Sie klicken, wird die Schaltfläche aktiv und stellt eine direkte Verbindung mit dem jeweiligen sozialen Netzwerk her. Hierdurch werden Daten an das jeweilige soziale Netzwerk übertragen. Bitte lesen Sie unsere Datenschutzhinweise.

Lesen Sie mehr über das Blog.

Letzte Kommentare

  1. 5 Denkanstöße, um authentisch erfolgreich zu sein

    Peter Valentin: Hallo Frau Klasing, herzlichen Glückwunsch zu Ihren Erfolgen. Ich habe da eine...

  2. 5 Denkanstöße, um authentisch erfolgreich zu sein

    Sabine Kußmaul: Es war ein toller Vortrag und eine sehr offene Diskussion! Vielen Dank,...

  3. Skandinavien im Winter: Roadtrip mit der G-Klasse

    Michael Schober: Wirklich eine tolle Tour und ein wahnsinns Abenteuer. Vielen Dank für den...

  4. Barrierefreies Arbeiten: Eine Win-win-Situation für alle!

    Christoph P.: Sehr schön, dass gerade auch im Unternehmensumfeld auf Einschränkungen geachtet wird und...

  5. Blogbeiträge auch als Podcast

    Uwe Knaus: @Tilo: Danke für den Hinweis. Im Header unter "Über das Blog"...