Japan – 9000km und doch sehr nah

Gedanken eines Mitarbeiters zur Katastrophe in Japan

Heute vor 342 Tagen landete ich mit Lufthansa Flug 714 im Narita Airport Tokyo. Der Beginn eines dreimonatigen Aufenthalts im Rahmen des Daimler CAReer Trainee-Programms. Heute vor drei Tagen bebte vor der japanischen Küste die Erde. 9,0 auf der Richterskala. Die Folgen sind bekannt, verfolgen einen seitdem quer über alle Medien.

Die Erdbebengefahr ist in Japan allgegenwertig. Nirgendwo sonst auf der Welt ist die Gefahr durch seismische Aktivität so hoch wie in Japan – und nirgendwo sonst ist man sich dieser Gefahr so bewusst. Dementsprechend hoch sind die Vorsichtsmaßnahmen. Japan ist auf eine Erdbebenkatastrophe vorbereitet wie kein anderes Land. Und trotzdem sind die Folgen dieses Jahrhundertbebens beispiellos.

Noch sind die Auswirkungen dieser schon jetzt historischen Katastrophe nicht absehbar. Opferzahlen steigen weiter, ohnmächtig und voller Angst schaut die Welt nach Fukushima. Und trotzdem möchte ich schon jetzt den Bogen zu unserem Unternehmen spannen. Denn schließlich ist die Daimler AG seit Jahrzehnten eng mit Japan verbunden.

Die ersten Meldungen aus Unternehmenskreisen am Freitagmittag deutscher Zeit verkündeten die Unversehrtheit der eigenen Mitarbeiter in Japan und ließen Bestrebungen verlauten, die deutschen Mitarbeiter, wenn möglich, zeitnah zurück ins Heimatland holen zu wollen. Diese ersten offiziellen Aussagen der Konzernsprecher waren in meinen Augen richtig und zeugen von verantwortlichem Handeln. In erster Instanz muss das Interesse den eigenen Mitarbeitern gelten, die zur Zeit der Katastrophe aus beruflichen Gründen in Japan weilen. Ihre sichere Rückkehr einzuleiten und sicherzustellen steht nicht nur im ureigenen Interesse der Mitarbeiter selbst, sondern besonders im Interesse derer Familien und Angehöriger. Die schrecklichen Entwicklungen im Anschluss an das erste Beben um 14:45 Uhr Ortszeit unterstreichen auf traurige Weise die Bedeutung dieser Bemühungen.

Doch bei allen rationalen Überlegungen muss man in diesen Tagen auch an gewachsene Bindungen, Heimatgefühle und Sympathien denken, die bei einem längeren Auslandsaufenthalt entstehen. Obgleich ich nur die verhältnismäßig geringe Zeit von drei Monaten in Tokyo lebte, sind in dieser Zeit Freundschaften, Gewohnheiten oder Lieblingsorte entstanden. Tokyo wurde temporär zu einer zweiten Heimat. Als am Freitagmorgen deutscher Zeit die ersten Bilder und Meldungen aus Japan eintrafen, kamen die Fragen automatisch: Was, wäre dies vor einem Jahr passiert? Wo wäre man gewesen? Wie hätte man gehandelt? Konjunktive jagen durch den Kopf. Wie man wirklich gehandelt hätte, ist rein spekulativ. Ich war Bewohner Tokyos. Mit allen positiven und negativen Konsequenzen. Die Kollegen dort „zurück lassen zu müssen“, hätte bei der Abreise in jedem Fall ein mulmiges Gefühl hinterlassen.

Wer Japan, wer das japanische Volk kennenlernen durfte, der weiß, dass es ein Land, ein Volk voller Stolz ist. Kaum werden uns aus Japan laute Hilferufe erreichen. Zu groß ist die selbstempfundene Pflicht, alles aus eigener Kraft zu bewältigen. Zu groß die Angst einzugestehen, dies nicht zu schaffen. Die Japaner sind vor allem eines – beispiellos diszipliniert. Doch gerade deshalb ist es, das ist eine persönliche Meinung, die Pflicht des Mutterkonzerns Daimler, den Töchtern Mercedes-Benz Japan und Mitsubishi Fuso in dieser schweren Zeit beizustehen. In den vergangenen Jahren ohnehin gebeutelt von diversen Krisen, hat das Land, dessen Selbstverständnis so abhängig vom wirtschaftlichen Erfolg ist, einen Tiefschlag nach dem anderen hinnehmen müssen. Zuletzt verlor man gar die Stellung als zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt an den „großen Bruder“ China. Auch ich spürte damals, dass der relative Verlust an wirtschaftlicher Bedeutung den Japanern schwer zu schaffen macht. Nicht zuletzt deshalb sollte die Botschaft nun eindeutig sein: Wir wenden uns jetzt nicht ab. Auch wenn China ins Zentrum allen automobilen Interesses gerückt ist – Japan ist und bleibt einer unserer wichtigsten Märkte. Und dabei muss es nicht nur bei Lippenbekenntnissen bleiben – schließlich wird gerade Japan als Spitzenreiter im technologischen Wettrüsten um alternative und innovative Antriebskonzepte als strategischer Partner eine wichtige Rolle spielen. Es gilt also, Aufbauarbeit zu leisten und zu unterstützen. Hier wird es langfristig sicher darum gehen, zerstörte Infrastruktur wieder herzustellen, unvermeidliche Absatzeinbrüche abzufangen und Schritt für Schritt zurück in den „Alltag“ zu kehren.

Zunächst aber gilt es, die Mitarbeiter und deren Angehörige fernab jeglicher wirtschaftlicher Aspekte im Rahmen der Möglichkeiten zu unterstützen, sollte dies nötig sein. Und zwar schnell, unbürokratisch und mit absolutem Vorrang. Ich denke, als global agierender Konzern müssen wir auch global Verantwortung übernehmen. „Wir richten unser Verhalten an hohen ethischen Standards aus – jederzeit und überall. […] Wir übernehmen Verantwortung“ – nicht zuletzt die eigenen Unternehmensgrundsätze verpflichten dazu. Und ich bin überzeugt, dass man diesen Verpflichtungen auch nachkommen wird.

Die Bilder aus Japan haben mich in den letzten Tagen nicht losgelassen. Bilder der Zerstörung. Bilder des Unvorstellbaren – Bilder aus Fukushima. Eine Schreckensnachricht jagte die nächste. Begleitet von dem Versuch, Freunde und Kollegen in Japan zu erreichen. Schon für Mai war eine Geschäftsreise zu den Kollegen der Nachbarabteilung in Narashino bei Tokyo geplant. Doch nach diesem 11. März 2011 besteht nicht einmal die hundertprozentige Gewissheit, dass es allen Kollegen gut geht. Sie könnten Familienangehörige, Verwandte oder Freunde im schwer gebeutelten Norden verloren haben. Kollegen, die mich mit einer für japanische Verhältnisse nicht selbstverständlichen Offenheit empfangen haben, die Feiertage geopfert haben, um mir Ihr bewundernswertes Land näherzubringen. Ich selbst würde den Kollegen, den Menschen in Japan gerne helfen. Noch weiß ich nicht wie…

Der Autor des Artikels arbeitete von April bis Juli 2010 im Rahmen des Daimler CAReer Trainee-Programms bei Mercedes-Benz Japan in Tokyo.


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