Zwölf Uhr mittags auf dem Matterhorn

Wie jetzt? Es ist drei Uhr dreißig in der Früh, der Wecker brüllt „Aufstehen“? Nein, ich bin kein Bäcker. Ich bin für die interne Mercedes-Kommunikation zuständig und darf auf den Genfer Autosalon. Lecker Auto gucken und anschließend in unseren internen Medien darüber berichten. Es gibt wahrlich Schlimmeres. Zumal auch in diesem Jahr ordentlich aufgefahren wird: 260 Hersteller, 700 Marken mit fast 170 Welt- und Europapremieren –  darunter eine Menge Highlights für jeden Autofan.

Teaser GenfDiesmal kupfere ich bereits im Vorfeld hemmungslos einen der angekündigten Messetrends ab: Steigerung der Effizienz durch Leichtbau – heißt konkret. Nix Videokamera, nix fünf Zusatzobjektive und nix Laptop, sondern diesmal schlicht Foto, Schreibblock und Handy. Das macht schnell und flexibel.

Die richtige Ausrüstung für den automobilen Vollkontaktsport: Neun Stunden Powerwalk über rund 80.000 Quadratmeter harte Schweizer Hallenböden, hundertfaches Türöffnen, Reinsetzen und Ausprobieren sowie unzähliges Händeschütteln. Am Flughafen zum Warmlaufen noch mal fix den Foto durch den Sprengstoffscanner jagen lassen, einmal in Zürich umsteigen und dann direkt ins Getümmel der Hallen auf dem Palexpo-Gelände. In dreißig Minuten beginnt die Mercedes-Benz Pressekonferenz. Kurz die Kollegen vor Ort begrüßt. Bei manchem unübersehbar: Die Spuren arbeitsreicher Vorbereitungsnächte, die keine Gesichtscreme der Welt wegschmirgeln kann. Doch die Mühen haben sich gelohnt. Der Stand strahlt perfekt wie immer – und auch die Pressekonferenz klappt wie am Schnürchen. Eingezwängt zwischen einem italienischen Videoreporter mit fiepender Prosumer-Kamera zur Linken, einem stillen, dafür monströsen Fotostativ unbekannter Herkunft zur Rechten und einer Trittleiter mit deutscher Besetzung im Rücken erlebe ich 30 Minuten Technik vom Feinsten.

Und obwohl ich sämtliche Autos kenne – angefangen vom alten Simplex über den smart forspeed, den SLS E-Cell, die neue Generation der C-Klasse Familie und den neuen SLK – bin ich doch beeindruckt und auch ziemlich stolz auf das, was da auf die Bühne rollt. Großes Kino auch diesmal wieder – Klasse, was die Pressekollegen da geleistet haben. Im Anschluss noch das obligatorische Vorstandsfoto – diesmal als Gruppenbild mit Damen. Unsere Chefs und die Fußballerinnen der deutschen Nationalmannschaft, welche die Inszenierung der C-Klasse Familie begleitet haben,  Auge in Auge mit einer Wand aus scheinbar Hunderten von Foto- und Videoobjektiven.

Danach beginnt der ebenfalls obligatorische Interviewmarathon für die Vorstände – und für die Damen und Herren an der Ausgabetheke fürs Pressematerial. Bei Letzteren geht es nicht um Kennzahlen, CO2-Werte und Produktstrategisches, sondern begleitet von babylonischer Sprachverwirrung schlichtweg um alles, was es zu verteilen gibt. Sie: „Verkaufen Sie Modellautos?“ Er: „Nein, wir nicht, aber die Kollegen gegenüber“. Sie: „Super danke, dann hätte ich gerne eines“. Beispielhaft auch der Wortwechsel mit einem rund 12-jährigen professionellen Pressevertreter. Er: „Haben Sie Ansteckpins?“ Sie: „Nein, haben wir leider nicht.“ Er: „Macht nix, dann nehm´ ich ne Videokassette.“ Sie: „Die sind für die Fernsehkollegen.“ Er: „Äh ja, eigentlich bin ich ja beim Fernsehen.“ Alles klar. Da weiß Mann bzw. Frau, was man am Abend geschafft hat.

Infounterlagen gehen palettenweise über den Tresen, um dann im großvolumigen Bauch von Trollies und Tragetaschen zu verschwinden. Auch Genf scheint wieder einmal mehr Beleg dafür zu sein, dass irgendwo in der DNA des modernen „Homo Messicus“ Gensequenzen des Beuteltiers aktiv sein müssen. Anders ist nicht zu erklären, warum auch im digitalen Zeitalter volle Messetüten so unverwechselbar zu einer Autoshow gehören wie Dieter Bohlen zu DSDS. Apropos digital: Irgendwie steckt im Genfer Autosalon auch ein bisschen Computermesse CeBit. Denn im Hinblick auf die Informationsvermittlung schient sich die Zahl der als Ausstellungsdisplays eingesetzten IPads der Zahl der gezeigten Autos anzunähern.

Aber nun kurz zu den eigentlichen Trends der Messe. Wenig verwunderlich, bei den Autos ist und bleibt grün ganz vorn. Nahezu jeder Hersteller zeigt inzwischen Autos mit alternativen Antrieben – vieles freilich scheint noch reine Utopie. Eher bemerkenswert ist, dass andere in punkto Blendwirkung weniger auf die Technik ihrer Exponate als auf die Ausstattung ihres Standes zu setzen scheinen. Wie bei den Autos steht auch beim Standdesign die Farbe weiß vielfach für Grün. In Kombination mit den hubraumgewaltigen Deckenstrahlern ergibt das eine erbarmungslose Blendwirkung wie zwölf Uhr mittags auf dem Matterhorn. Schlimmer als sich so durch überstrahlte Fuhrparks zu blinzeln, ist auf so einer Messe eigentlich wohl nur noch eines: Sich auf bleistiftdünnen Absätzen im luftigen Kurzen ans meist sportliche Fahrzeug zu schmiegen und für die Objektive der meist männlichen Besucher zu posieren. Heiligs Blechle!

Ich jedenfalls bin auch ohne Highheels und Dauerlächeln am Ende des Tages ziemlich geschafft. Ich habe viel Interessantes gesehen, nette Kollegen getroffen, viele Gespräche geführt und speicherkartenweise Fotos geschossen. Und am Ende die Erkenntnis gewonnen, dass der Genfer Automobilsalon im Grunde auch nur ein ganz normales Familientreffen ist: Man läuft einem Haufen Bekannten über den Weg, erfährt eine Menge Neues und ist dann auch wieder froh, wenn man zurück zu Hause ist.


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