Rasantes Lehrstück: Azubis bauen B55

Alles fing mit dem Auftrag unseres Werkleiters an. Er wollte eine besondere Mercedes B-Klasse, etwas wonach man sich den Kopf verdreht. Es war ein ganz gewöhnlicher Tag in unserer Ausbildungszeit, als unser Meister auf uns zu kam und um ein Gespräch bat. Völlig ahnungslos saßen wir dann in einer kleinen Gruppe zusammen und hörten gespannt den Worten unseres Ausbilders zu.

Kurze Fakten: „B-Klasse mit Heckantrieb, V8-Motor, Fahrwerksänderung, eventuell sequentielles Getriebe und Transaxle-Bauweise“

Sofort waren wir Feuer und Flamme von den ersten Impressionen und brachten auch eigene Ideen ein. Aber viele werden sich jetzt fragen, warum gerade eine Mercedes B-Klasse so umzubauen? Naja ein Fahrzeug mit Brennstoffzellenantrieb, sowie die A-Klasse E-Cell gab es schon.

Und sind wir mal ehrlich, gilt die B-Klasse in den meisten Kreisen als etwas angestaubt mit Auslegung auf Wirtschaftlichkeit und Komfort. Und da sich bisher im Konzern noch niemand an das Projekt herangetraut hat, ist das Konzept B55 mal ein Schritt in die Sportive-Richtung.

Das Konzept stand also fest und unsere Arbeit konnte beginnen. Schnell war ein „Opfer“ für unser Projekt gefunden – eine silberne B200 CDI aus unserer Ausbildung. Also ab auf die Bühne damit und das Fahrzeug in seine Einzelteile zerlegen. Als erstes Mal mussten alle technischen Flüssigkeiten abgelassen werden, bevor das Dieselaggregat und die restlichen Antriebskomponenten ihren Dienst endgültig quittieren mussten.

Als nächstes stand der Innenraum auf dem Plan – das graue Stoffgestühl hatte ausgedient und sollte später durch eine hochwertige Alcantara Innenausstattung ersetzt werden, also vorerst alles raus bis schließlich nur noch die Rohkarosse da stand. Ein genauer Blick unter das Blechkleid war jetzt nötig, um weiter Schritte planen zu können. Aufgrund des bei der B-Klasse bestehenden Sandwich-Boden bot sich für unser Vorhaben ausreichend Platz, lediglich einige Änderungen am Unterboden, sowie am Vorbau mussten vorgenommen werden. So entschlossen wir uns die Reserveradmulde zu entfernen um die Hinterachse (W210 E430) einer E-Klasse zu integrieren. Dabei mussten außerdem die Dämpfer-und Federaufnahmen so angepasst werden, dass trotz des neuen Antriebskonzepts die Fahrbarkeit des Fahrzeugs immer noch gewährleistet wird.

Eine Herausforderung war auch das V8-Aggregat (M273) samt Getriebe (7G-Tronic) zu integrieren. Es wurde geschweißt und geflext bist der Antrieb das erste Mal an seinen angestammten Platz saß.

Ein Problem ergab sich  bei der Lenkung. Aufgrund des neuen Motors konnte das alte Aggregat nicht mehr verwendet werden. Getreu nach unserem Motto „geht nicht, gibt´s nicht“ veränderten wir die elektro-hydraulische Lenkung der alten A-Klasse (W168) und begrenzten parallel dazu den Lenkeinschlag.

Um der Leistung des V8 Herr zu werden, hatten inzwischen zeit die neue Hochleistungs-Bremsanlage aus dem Hause AMG sowie ein einstellbares Gewindefahrwerk der Firma KW ihren neuen Platz gefunden. Standesgemäß konstruierten wir eine Eigenbau-Auspuffanlage, um jeden Gasstoß des Motors zu einem echten Klangerlebnis werden zu lassen.

Schließlich war es soweit wieder alle Komponenten auszubauen und endlich Farbe zu bekennen. Ab in die Sonderlackierung mit dem „guten Stück“ – ein trendiges aber auch unschuldiges Weiß sollte unser Gefährt schmücken. Scheinwerfer und Kühlergrill wurden im Kontrast dazu Schwarz eingefärbt. Ein echter Hingucker der dennoch dezent und edel erscheinen sollte.

Wieder in der Ausbildungswerkstatt angekommen ging es an den Zusammenbau. Mit Hilfe des „Elektrikgurus“ Mathias Rieger und unseres Ausbilders Andreas Würz versuchten wir quasi im Rohzustand dem V8 erste Lebenszeichen zu entlocken. Jedoch was wir versuchten, es tat sich einfach nichts. Die Stimmung im Team war angespannt und jeder forschte eifrig nach den Ursachen. Wieder und wieder wurde der Zündschlüssel gedreht, aber immer noch ließ sich nur der Starter zu seiner Arbeit animieren. Nochmal wurden die Daten optimiert und das Automatikgetriebe neu befüllt. Sekunden später versuchten wir es erneut.

Der Starter dreht…die Kraftstoffpumpe läuft…der Motor zündet….und schließlich ging ein sattes V8-Grollen durch die Halle…..alle Köpfe drehten sich um und jeder wusste – er läuft!!!

Die Stimmung war grandios, jedem viel ein Stein vom Herzen und der Klang des 5,5-Liter V8 ließ so einige Probleme, die in der Vergangenheit mit dem Bau des Fahrzeugs aufgetreten sind, vergessen. Doch es stand noch einiges auf unserem Programm. Der Endspurt begann. Bei der Innenausstattung unterstützen uns u.a. unsere Azubi-Kollegen aus Sindelfingen sowie die Firma Johnson-Controls, die wirklich hervorragende Sattlerarbeiten lieferten.

Dann war es soweit, nach ein paar letzten Abstimmungsarbeiten und Veränderungen stand unser Projekt nach circa acht Monaten vor der Fertigstellung. Das Ergebnis kann sich meiner Meinung nach wirklich sehen lassen. Ein echter Wolf im Schafpelz.

Vielen Dank an alle die an diesem Projekt mitgearbeitet  und die B55 zu einem echten Unikat gemacht haben.


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