Design trifft Funktionalität

Haben Sie sich schon einmal Gedanken darüber gemacht, welche Verbindung zwischen gelungenem Design und funktionalen Formen bei der Entwicklung eines LKW liegt?

Jeder kennt sie, die Design-Ikonen des täglichen Lebens, die den Weg in das Red Dot Museum gefunden haben, aber auch in die hinterste Ecke unserer Küchenschränke, da sie einfach in der Handhabung unpraktisch sind. Zum Beispiel schicke Gläser, die kaum zu fassen sind, filigranes Besteck, das immer vom Teller rutscht, oder Stühle, die schön aussehen, aber unbequem sind.


Kurzum, es ist unabdingbar, dass das Fahrzeugdesign in seiner Form der Funktion folgen muss und nicht umgekehrt.
Dass hier bei der Entwicklung von Nutzfahrzeugen seit jeher besonderes Augenmerk gelegt wurde, beweist ein Besuch des Mercedes-Benz Museums. In der Galerie „Ausstellung der Lasten“ steht die Evolution der Lastkraftwagen mit besonderem Fokus auf Design und Aerodynamik. Die Schwierigkeit wird klar, wenn man sich frühe Entwürfe aus den 80ern, z.B. von Luigi Colani, einem der renommiertesten deutschen Industriedesigner, anschaut. Auffallendes Design hat es schon immer gegeben. Allerdings geht dabei der Raumkomfort für den Fahrer, der in der Fahrerkabine leben und arbeiten muss, verloren.

Um hier inhaltliche Orientierung zu geben, hat Daimler internationale Journalisten zu einem Design-Workshop eingeladen, bei dem es unter anderem um folgende Themen ging:

  • Worauf ist bei der Entwicklung des Designs zu achten?
  • Welche technischen Voraussetzungen in der Bauweise gibt es?
  • Welche Kompromisse müssen eingegangen werden?

In verschiedenen Sessions konnten Materialien erlebt und eigene Ideen eingebracht werden. So wurden die Journalisten aufgefordert Ideen zu entwickeln, wie ihrer Meinung nach ein LKW im Jahre 2020 oder 2030 auszusehen hat. Designer vor Ort halfen ihnen dabei die Gedanken auf Papier zu bringen. Die schöpferische Kreativität der Gäste kannte keine Grenzen und so entstanden unterschiedlichste Skizzen, bei dem nicht nur dem SLS Flügel verliehen wurden.

Im Anschluss führten Experten durch eine Ausstellung des Bereichs „Color & Trim“ bei dem unterschiedlichste Materialkonzepte zu sehen waren und man dadurch besser verstand, dass alleine durch die Anmutung der Oberfläche in der Fahrgastzelle ein großer Beitrag zum wahrgenommenem Komfortgefühl geleistet wird.
Da fragte man sich – warum wird nicht einfach aktuelles Hightech Material aus der neusten Sportkollektion genommen? Die sind chic und atmungsaktiv. Die Antwort der Designer leuchtete ein: Ein LKW Sitz muss über den gesamten Lebenszyklus seine Attraktivität in der Beschaffenheit von Form und Struktur beibehalten. Um dies zu gewährleisten wird er unter Laborbedingungen strengen Tests unterzogen, bei dem der Stoff unter anderem über 80.000 Mal mit einer rauen Oberfläche malträtiert wird. Anschließend dürfen keine Verschleißspuren zu sehen sein. Solche Zielkonflikte finden sich über den gesamten Entstehungsprozess, den ich einmal versuche mit Hilfe des Actros kurz zu beleuchten.

Extrem lange Lebenszyklen, straffe gesetzliche Vorgaben, große Vielfalt an Varianten, wirtschaftliche Produktion trotz vergleichsweise niedriger Stückzahl, unter­schiedliche Wünsche von Unternehmern und Fahrern, extreme Funktionalität im harten Einsatz Tag für Tag, Arbeits- und Lebensraum – die An­sprüche an einen Lkw sind vielfältig und zum Teil widersprüchlich, die Rahmen­bedingungen ungewöhnlich eng.
Ein Designer lebt sozusagen in der Gegenwart und arbeitet in der Zukunft. Er muss den Zeitgeschmack des Jahres 2020 oder 2030 erahnen oder er ignoriert ihn. Die Wahrheit des Designs liegt dazwischen.
Um Fragen von heute in Antworten von Morgen zu verwandeln ist es sinnlos bei den PKW-Kollegen zu schauen. Es gilt trotzdem den Spagat zu schaffen, längerfristige Trends zu erkennen und alle Fahrzeugkategorien der Marke wie aus einem Guss wirken zu lassen.

So entstehen erste Entwürfe rund fünf Jahre vor dem Serienanlauf. Hier kann der Designer seiner Kreativität freien Lauf lassen, wobei der Markenkern nicht ganz außer Acht gelassen werden darf. Attribute wie der Stern, Kühlergrill und Scheinwerfer machen das Gesicht eines Actros aus. Details und Anbauteile unterstreichen den Charakter. Wer diese Gestaltungsmerkmale subsumiert, könnte einen Mercedes-Benz tatsächlich auch ohne Stern erkennen.

Steht ein „Neuer“ ins Haus, so macht man sich mit Mood- Bildern und-Begriffen einen ersten Eindruck des neuen LKW. Diese sogenannten Moodboards entstehen durch die Kommunikationsvorgaben des Marketings. Eine erste Prüfung findet statt, wenn Entwürfe über das Packaging (z.B. gesetzliche Vorgaben) gelegt werden. Sind Ideen nicht umzusetzen, scheitern sie an dieser Stelle. So nutzt die faszinierendste Form nichts, wenn sie den Arbeits- und Lebensraum des Fahrers beschneidet – bei Industrie- und Serien­design tritt die Funktion nie hinter die Form zurück.

Jetzt werden aus Designvorschlägen dreidimensionale Datenmodelle, eine Vorstufe zum maßgeschneiderten Modell aus Ton. Diese, meist im Maßstab 1:4 gefertigten Modelle, werden der Geschäftsführung präsentiert. Abgenommen werden die Entwürfe schließlich an 1:1 Modellen um das Design nun einzufrieren – das sogenannte „Design-freeze“.
Bis zu diesem Schritt sind nun 24 Monate vergangen, nun folgen weitere 24 Monate bis zum Serienstart in denen es um Produktion und Erprobung geht.

All das macht Änderungen am Actros sichtbar, lässt aber im Laufe der Jahre seine Vorgänger nicht alt aussehen. Oder wie es Hubertus Troska, Leiter Mercedes-Benz LKW, formuliert: „Am Ende des Tages zählt nur eines – Trucks sollten nach den Bedürfnissen der Frauen und Männer gebaut werden, die sie fahren.“

http://de.red-dot.org/

Wie bewerten Sie diesen Artikel?
Noch keine Stimmen.
Bitte warten...

Tags: , ,

drucken

Wollen Sie wirklich das Internet ausdrucken?

Sparen Sie Papier und schonen Sie die Umwelt! Nutzen Sie die Funktionen zum Bookmarking oder zur E-Mail-Weiterleitung.

Ihre Daimler AG

Erst wenn Sie klicken, wird die Schaltfläche aktiv und stellt eine direkte Verbindung mit dem jeweiligen sozialen Netzwerk her. Hierdurch werden Daten an das jeweilige soziale Netzwerk übertragen. Bitte lesen Sie unsere Datenschutzhinweise.

Lernen Sie weitere Autoren kennen oder lesen hier mehr über das Blog.

Letzte Kommentare

  1. STARTUP AUTOBAHN: Meine Top 5 aus der Zukunfts-Schmiede

    Katinka Weber: Das Thema ist sehr vielseitig und Innovation ständig im Wandel. Fruchtbarer Boden...

  2. Mit dem Unimog durch Afrika: So weit wie möglich

    darie: Der unimog ist natürlich ein Expert-Profi-Tool und voll geländegängig und leider auch sehr...

  3. 100 Jahre Gießerei – ich bin seit 23 Jahren ein Teil davon

    Jens: Hallo, wow, das ist eine sehr beeindruckende Geschichte. Mettingen weckt auch viele...

  4. Meine große Chance – mit Handicap

    Marcel pelz: Ich bin Mega stolz auf meine Frau das sie diesen langen Weg gegangen ist und endlich...

  5. Das Beste oder nichts.

    eva-roxi: Das Beste oder Nichts, das war gestern. Gestern (beim w212) konnte man mit dem...