INTERVIEW: Patente sind die Zukunft des Innovationsmanagements

Modernes Patentmanagement bildet den visionären Horizont eines Unternehmens ab – und hält dessen innovative Dynamik am Laufen. Ein Gespräch mit Christian Hahner, Leiter Intellectual Property & Technology Management bei Daimler.

 

Dr. Christian Hahner

Herr Hahner, die „Patentlösung“ gehört zu unserem kollektiven Wortschatz, aber das Adjektiv „patent“ ist heute ziemlich angestaubt. Welche Bedeutung haben Patente am Anfang des 21. Jahrhunderts?
Bedeutung und öffentliche Wahrnehmung des Begriffs klaffen heute auseinander. Ein Patent wird noch immer in erster Linie als Schutz einer Innovation durch Verbote verstanden, dabei sollte es doch für die Innovation selbst stehen. Patente spiegeln schließlich die erfinderische Tätigkeit aus Forschung und Entwicklung wider. Mit dieser Ressource sollten wir offener umgehen, sie zu einer Basis für den Austausch von Wissen machen. Wir wollen heute darüber hinwegkommen, Patente ausschließlich auf dem Weg des Verbotes einzusetzen.

Was wäre denn eine Alternative?
Wenn ich eine Innovation in Deutschland durch die Erstanmeldung eines Patentes veröffentliche, schaffe ich einen Stand der Technik. Diese Innovation kann sich danach weltweit niemand sonst patentieren lassen. Selbst wenn wir uns nicht dazu entscheiden, das Patent in anderen Ländern anzumelden, dokumentieren wir so trotzdem unsere Technologie- und Innovationsführerschaft. Zugleich schafft die Veröffentlichung die Grund­lage dafür, dass Innovationen, die einen hohen gesellschaftlichen Wert haben – zum Beispiel für die Fahrzeugsicherheit –, weltweit genutzt werden können.

Sind solche Abwägungen eine der großen Herausforderungen des modernen Patentmanagements?
Die ganz große Herausforderung ist es, zusammen mit Technikern und Ingenieuren immer wieder den Stand der Technik zu analysieren. Aus diesen Erkenntnissen heraus definieren wir dann jene Felder, in denen wir unsere Technologieführerschaft halten und ausbauen wollen. Das bedeutet für meinen Bereich vor allem Zusammen­arbeit: Die Patentleute müssen raus zu den Forschern und Entwicklern!

Stellt die Arbeit des Intellectual Property & Technology Management bei Daimler die gleichen Anforderungen wie bei Unternehmen aus anderen Industriezweigen?
Die Arbeit mit Patenten im Automobilbereich ist schon sehr spezifisch. Schließlich gehen wir mit einem extrem komplexen Produkt um, in das viele Technologiefelder hineinspielen. In einem Fahrzeug kommen schnell 100 Patente zum Einsatz. In der Arzneimittelindustrie kann der patentierte pharmazeutische Wirkstoff auch schon mal direkt das Produkt sein. Grundlagenpatente auf ein ganzes Kraftfahrzeug wie vor 125 Jahren sind dagegen heute kaum mehr denkbar. Aber im Umgang mit den Patenten schlägt die Automobilindustrie einen Weg ein, dem sicher auch andere Branchen folgen werden: Das Patent als Basis für Kooperationen und Netzwerke ist die Zukunft des Innovationsmanagements.

Lässt sich ihre heutige Arbeit denn überhaupt mit der Situation vergleichen, als Gottlieb Daimler und Carl Benz ihre Patente angemeldet haben?
Das gilt wohl nicht für das Automobil mit Verbrennungsmotor. Denn in diesem Bereich gab es damals Patente von visionärer Breite, die wir heute nicht mehr erwarten können. Aber ich sehe durchaus Parallelen zwischen dem offenen Feld der Automobiltechnik von vor 125 Jahren und der aktuellen Entwicklung von alternativen Antrieben wie bei Batterie- und Brennstoffzellenfahr­zeugen. Gerade im Bereich der Batterietechnik steigt die Zahl wichtiger Patente gerade weltweit stark an. Wir erleben bei neuen Hightechantrieben technische Innovationen, die in Bereiche hineingehen, die so für den Automobilbereich noch nicht vorgedacht wurden – und damit auch nicht geschützt sind.

Welcher Anteil der patentierten Entwicklungen fließt in die Serienfertigung eines Automobils ein?
Dazu kann ich keine absoluten Zahlen nennen. Ein star­kes Patent braucht ein großes Portfolio, das es umgibt. Wir vergüten aktuell rund 2.600 Erfinder für die Anwendung ihrer Erfindungen in unseren Produkten. Die Daimler-Mitarbeiter erfinden momentan mehr als jemals zuvor in der Firmengeschichte. Im letzten Jahr haben wir 2.000 Patente angemeldet – in der deutschen Patent­anmeldestatistik liegen wir auf Platz 2 nach Siemens.

Was genau wird damit geschützt?
Das ist sehr unterschiedlich und hängt sehr stark von der Technologiestrategie im Umfeld der Innovation ab. Einen Patentschutz international durchsetzen zu wollen ist teuer: Wenn es unternehmerisch sinnvoll ist, das Patent aktiv gerichtlich gegen unerlaubte Nachahmungen einzusetzen, müssen wir das Patent auf jeden Fall nationalisieren und damit in anderen Ländern gültig machen.

Haben Sie denn ein aktuelles Lieblingspatent?
Was mich derzeit besonders begeistert, ist das Potenzial für die Anwendung von Batterietechnologien im Auto­mobilbereich. Da wird ein eigentlich historisches Thema plötzlich durch neue Anwendungen hochaktuell. Die entsprechenden Innovationen samt der dazugehörenden Patente haben das Potenzial, Wertschöpfung in Deutschland zu halten. Denn von hier kommt der Nachschub an Ideen für die Mobilität der Zukunft.


 

CURRICULUM VITAE

+++ geb. 1968 in Stuttgart +++ Studium der Betriebswirtschaftslehre (technisch orientiert) +++ Berufseinstieg bei Daimler als Trainee +++ Entwicklungsprojektplanung A-Klasse +++ Leiter Projektplanung Grundfahrzeug +++ Promotion über Innovationsmanagement am Beispiel eines Hybrid­antriebs +++ Betreuung strategische Allianz zwischen Daimler und Mitsubishi  +++ seit 2006 Leiter Intellectual Property & Technology Management +++

 

Dieses Interview erschien bereits in TECHNICITY Ausgabe 02 2010 und ist hier online abrufbar.
In TECHNICITY, dem Daimler-Magazin für Innovation, Technologie und Mobilität, wird über intelligente Hightech-Applikationen, urbane Mobilitätslösungen, Technologie- und Innovationsprozesse und Kreativitäts- und Innovationstrends berichtet.


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