Ciudades Paralelas – Parallele Städte oder „die eigene Welt mit neuen Augen sehen“

Ciudades ParalelasEs war Anfang September, als wir in unserem Berliner Motorenwerk einen etwas anderen Besuch bekamen. Es handelte sich dabei um den Argentinischen Regisseur “Gerardo Naumann”. Bei diesem ersten Treffen erfuhr ich das erste Mal von der Idee im Werk Berlin ein Theaterprojekt durchzuführen. Im Laufe des Gesprächs konnte  man ein wenig über den seit ca. 10-15 Jahren anhaltenden Trend in der Theaterwelt erfahren Menschen nicht mehr in ein Theater zu bitten, sondern die Besucher direkt an die Orte zu bringen an denen Leute eigentlich alltägliche Situationen verbringen. So sollte es auch bei Tour der oben genannten Theaterreihe passieren. Natürlich stellte ich mir nach diesem Gespräch als erstes die Frage, was daran Theater sein soll und was dieses Projekt von einer normalen Werksführung unterscheidet. Aber als es klar war, dass ich der jenige sein werde der eine Rolle in diesem Theaterstück bekleiden wird, intensivierte sich die Zusammenarbeit mit dem Regisseur und auch das Verständnis darüber, was man mit dieser Art von Kunst bewirken möchte. Schnell stellte sich heraus, dass die Menschen im Vordergrund stehen werden und nicht die ausgeübte Tätigkeit. So wurde aus einem zweistündigen Interview eine dramaturgisch und künstlerisch in das tägliche Arbeitsleben der einzelnen Darsteller platzierte Rolle “entworfen“. Wobei der eigentliche künstlerische Aspekt darin bestand, eine Verknüpfung der Privatperson mit Berührungspunkten aus der Arbeitswelt zusammen zu bringen. Ich denke bewusst wurde dabei  ein gewisses Arbeitsgefälle gewählt.

So startete der Besucher beispielsweise mit einem Teamleiter aus der Logistik. Um ein gewisses Gefühl dafür zu bekommen mit welchen Strukturen oder Regeln der Konzern arbeitet, wurden neben den vielen privaten Dingen auch gewisse alltägliche Gewohnheiten in die Rolle verpackt. Beispielsweise der allmorgendliche Ablauf: Erst Rechner starten, dann Jacke ausziehen, dann die Mitarbeiter begrüßen – bis dahin ist der PC hochgefahren.

Als Überraschungseffekt betrat ich dann das Büro und übernahm nach einer kurzen Einleitung die zweite Station des Auftritts. So erfuhren die Zuschauer nicht nur Inhalte über meine Tätigkeit als Änderungsmanager und die damit verbundenen Arbeitsinhalte, sondern z.B. auch, dass ich in einer Punk-Band Schlagzeug spiele. Beim Preisgeben dieser Sache hatte ich am letzten Vorstellungstag ein sehr lustiges Erlebnis. Nachdem ich den Besuchern ein Foto meiner Band gezeigt habe verriet ich ihnen auch immer den Namen. In dem Moment hörte ich, wie eine junge Dame laut vor sich hinsagt: “Nee, die kenne ich!” Irgendwie war es für sie so unbegreiflich, dass sie bis zum Ende meines Teils immer wieder kopfschüttelnd vor mir stand und sich nicht so richtig erklären konnte wie jemand aus der ihr bekannten Punk-Band bei Mercedes ein Theaterstück aufführen kann.

Immer wenn ich die Zuschauer dann in einen unseren Besprechungsräume mitgenommen habe konnte man verstehen, warum es sich um eine Inszenierung handelte. So gab es dann auch noch eine Kostprobe meiner Schlagzeugkünste auf dem Besprechungstisch. Auch wenn dem Zuschauer der Eindruck vermittelt werden sollte, normalerweise mache ich so etwas nicht.

Als nächstes ging es weiter in die Montagehalle des V6 Motors OM642. Dort übergab ich die Zuschauermenge, die aus bis zu 15 Personen bestand, an einen zuständigen Montagemeister. In diesem Teil wurde es sehr fach- und sachlich. So bekamen die Gäste zum Beispiel anhand einer Gruppenübersichtstafel erklärt, wie hoch die einzelnen Arbeitstakte überhaupt ausgereizt sind. In einem kaum zu bremsenden Schwall erklärte man ihnen, dass die Kollegen am Montageband für den einen Handgriff 1,2 sek. Zeit bekommen und für den nächsten beispielsweise nur 0,6 sek. Ich denke spätestens da ist den Theater und Kulturinteressierten bewusst geworden, was für ein Auslastungs- und Anspannungsgrad in so einer durchorganisierten Montagelinie steckt.

Nach einem kurzen Ausflug in die tägliche Shopfloor Runde übernahm eine Kollegin von der Montagelinie die Gruppe. Nicht nur, dass man sich plötzlich wieder in einer ganz anderen Arbeitswelt bewegte, auch der persönliche Teil rückte nun wieder sehr in den Vordergrund. So erzählte sie etwa wie sie nach ihrer Geburt zu ihrem Namen gekommen ist, spielte einen Ausschnitt ihrer Techno-Musik vor die sie gerne hört, und las sogar noch aus dem Buch „Hannibal Lector“ vor, an dem sie sich gerade vergnügte.

Nach einem kurzen Ausflug in die Arbeitswelt am Montageband tanzte dann plötzlich ein Mitarbeiter der Logistikfirma seine im Verein für Turniertanz gelernten Tanzschritte vor. Schon wieder ein Szenenwechsel hinter neuem Bühnenbild und einem völlig anderen Menschen. Plötzlich erfährt man wie schwierig es ist eine Tanzpartnerin zu finden wenn man Schichtdienste arbeiten muss oder aber die Gedanken, die er sich macht, wenn man den ganzen Tag arbeitet und sich ausmalt was die eigene Katze zuhause wohl gerade anstellt. Auch hier gab es eine gelungene Mischung aus Arbeits- und Privatleben. So konnte man während der Erzählung miterleben, welche Arbeit es macht den Routenzug für die Teileversorgung zu bestücken.

Als gelungener Abschluss stellte sich dann heraus, dass der Mitarbeiter des Werkschutzes, welcher die Gruppe während der ganzen Vorstellung begleitete, plötzlich nicht nur seine Rolle als Werkschützer ausübte sondern auch Teil des Theaterstücks wurde. So erfuhr man unter anderem, dass sein Funkgerät eine “Totmann-Stellung” beinhaltet was soviel bedeutet wie, wenn er aus welchem Grunde auch immer auf dem Boden liegen sollte,  in der Zentrale ein Alarm ausgelöst wird. Zu guter letzt bestand die Inszenierung noch aus einer Runde durch die Montagehalle bei der einige Details aus dem zufälligerweise ausgeübten Hobby des Theaterspielens offengelegt wurden.

Zum Abschluss gab es dann noch einmal nachdenklich Worte. So erklärte der Werkschützer, Bezug nehmend auf einen Roboter der auf der Hallentour betrachtet wurde, dass er die Automatisierung als Plädoyer  gegen die Vollbeschäftigung sehe und er sich frage, ob er irgendwann auch mal ersetzt wird.

Das ganze Theaterprojekt hat im Werk Berlin für viel Diskussionsstoff gesorgt. Bis zum Schluss kam im Gespräch mit Kollegen immer wieder die Frage auf was, bzw. ob das Kunst sei oder nicht. Als aktiver Mitgestalter kann ich sagen, ja es ist Kunst. Allerdings mit einer positiven Einschränkung, nämlich der Fokussierung auf die Menschen, die in so einem Industriewerk arbeiten, unabhängig von ihrer Stellenbeschreibung in dieser Firma. Denn nicht nur bei den externen Besuchern, auch bei den internen Teilnehmern wurde es geschafft, den oft in so vielen Arbeitsjahren manifestierten Blickwinkel zu lösen und viele Dinge mit andern Augen zu sehen. Und für mich kann ich auf jeden Fall sagen, dass ich die Rolle gespielt habe die mir am besten liegt – nämlich Mensch zu sein.

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