GASTBEITRAG: Mobilität im Jahr 2050: Small, Intelligent, Light, Efficient

Mit Prognosen ist es so eine Sache. Zu behaupten, man wüsste,  wie sich Menschen im Jahr 2050 fortbewegen, grenzt an Anmaßung. Prognosen für einen derart langen Zeitraum liegen umso mehr daneben, je genauer sie angeblich sind.  Es geht aber nicht darum, technische Zukunftsszenarien zu entwerfen, sondern um eine Vision, auf die man hinarbeitet. Denn die Zukunft entwickelt sich nicht zwangsläufig entlang technischer Gesetzmäßigkeiten,  sondern man muss sie wollen.

Diese Vision heißt bei Greenpeace: klein, intelligent, leicht, und effizient, oder englisch: Small, Intelligent, Light, Efficient, kurz : SmILE. Diese vier Begriffe bringen die Anforderungen an nachhaltige Mobilität und an zukünftige Fahrzeuge auf den Punkt. Nicht zufällig ist das auch der Name unseres sogenannten „3 Liter Autos“, mit dem wir vor 14 Jahren zeigen konnten, dass mit vorhandener Technik der Spritverbrauch auf die Hälfte reduziert werden kann.

SmILEMobilität muss nachhaltig und wirtschaftlich sein

Die Mobilität der Zukunft muss sich, um nachhaltig ebenso wie wirtschaftlich zu sein, auf das Notwendige beschränken. Was „notwendig“ ist und was „überflüssig“, ist eine gesellschaftspolitische Diskussion, aber klar ist, dass die notwendigen Transporte von Mensch und Gütern so effizient wie möglich gestaltet werden müssen und dass sie bezahlbar sind – damit möglichst alle an ihr teilhaben können. Schon aus diesem Grunde wäre es töricht, sich schon heute auf Technologien zu versteifen, die vielleicht später hinderlich sind.

Abschied vom Öl

Hinzu kommt der unumkehrbare Abschied vom Öl. Es wird nie mehr einen Energieträger mit auch nur annähernd gleicher Energiedichte geben wie heute das Öl. Versuche, das „All- purpose- vehicle“, also das heutige „Auto“ mit eineinhalb Tonnen Gewicht und Reichweiten von fast 1000 Kilometer, als Grund­pfeiler der Mobilität zu erhalten, sind zum Scheitern verurteilt, ein elektrischer Antrieb wird daran nichts ändern. Das Elektroauto mit den Eigenschaften eines Autos mit Verbrennungsmotor wird es nicht geben.

Zauberwort „Diversifizierung“

Das Zauberwort zukünftiger Mobilität ist  deshalb: „Diversifizierung“. Der Verzicht auf das energieeffiziente Öl, die schwächeren und an die jeweiligen Erfordernisse angepassten Energieformen, steigende Kosten und die Klimadiskussion – diese Kombination wird einen neuen Pragmatismus erzwingen: wichtig ist allein, ob das Fahrzeug für den jeweiligen Zweck geeignet ist, egal ob Fahrrad, Roller, oder auch ein Auto. Und ob man es besitzt oder mietet, leiht, least, austauscht, all das wird von Fall zu Fall entschieden.

Um dieser Vision nahezukommen, muss man vor allem sehr genau wissen, was ihr entgegensteht, und was man deshalb NICHT will. Genauso dringend wie die Schritte in die richtige Richtung ist das Vermeiden von Fehlern, die vielleicht unumkehrbar sind:

Konkret wollen wir deshalb NICHT, dass mithilfe des „Elektrohypes“ und der Propaganda für angeblich „emissionsfreies Fahren mit grünem Strom“ auch in Zukunft das „Auto“ als Basis von Mobilität festgeschrieben wird.

  • Wir wollen ganz generell NICHT, dass Pflöcke eingerammt werden, die die zukünftige Mobilität auf eine bestimmte Technik festlegen, etwa auf eine bestimmte Ladeinfrastruktur für Elektroautos. Dafür ist es zu früh, wenn wir noch nicht einmal wissen, wie das zukünftige Elektrofahrzeug aussieht, ganz zu schweigen von zukünftigen Geschäftsmodellen. Das gesellschaftliche Kernthemas „Mobilität“ ist zu wichtig, als dass es bestimmten Interessengruppen überlassen wird – mit Ladesäulen wird nicht Mobilität gesichert, sondern der Zugriff auf Mobilität und Kunden.
  • Wir wollen NICHT, dass es – anstelle anderer, leichter und effizienterer – nur zusätzliche Elektroautos als Zweit- oder Drittwagen gibt. Sie stehen in Konkurrenz zu anderen Mobilitätsangeboten, insbesondere einem verbesserten ÖPNV und den zahllosen Konzepten des „nutzen statt besitzen“. Sie fördern nicht, sondern unterbinden den Aufbau intelligenter integrierter Mobilität.
  • Wir wollen NICHT, dass bestimmte Technologien der Technik wegen subventioniert werden, sei es durch direkte Finanzhilfen oder durch Bevorzugung im Straßenverkehr (bevorzugter Parkraum oder Fahrspuren für Elektroautos).
  • Und natürlich wollen wir NICHT, dass Spritspartechniken beim herkömmlichen Auto fast ausschließlich dazu genutzt werden, Gewichte und Leistung weiter zu steigern, anstatt den effektiven Verbrauch entsprechend zu senken. Würden heute die vorhandenen Techniken – ob bluemoten, blue efficiency oder efficient dynamics – konsequent genutzt, hätten wir Verbrauche um 3 Liter und CO2 Emissionen unter 70 Gramm als Normalfall – Werte, die auch auf lange Sicht kaum von Elektroautos zu erreichen sein werden.

Weichenstellung und Einstieg in neue Mobilitätsformen

Falsche Entwicklungen, vor allem solche, die echte Weichenstellungen in die falsche Richtung wären, müssen verhindert werden. Was aber muss heute geschehen, um unserer Vision näher zu kommen? Klimaschutz genauso wie der Einstieg in neue Mobilitätsformen fängt dort an, wo es am schnellsten und wirkungsvollsten geht: beim herkömmlichen Auto:

  • Wir wollen endlich den Einstieg in eine „Downsizing“- Spirale: Bei jedem neuen Modell müssen die Gewichte runter, muss die maximale Leistung runter. Autos müssen endlich ihr Effizienzpotential tatsächlich nutzen. Das bringt Verbrauch und CO2 in kürzester Zeit nach unten und geht erheblich schneller und wirkungsvoller als „Warten auf Godot“ – das Elektroauto. Die eine Million Elektroautos, wenn sie denn wirklich käme und wenn sie ausschließlich mit „grünem Strom“ führe – was eine unsinnige Annahme ist – würde dann noch nicht einmal soviel CO2 einsparen wie das wegen seiner „Wirkungslosigkeit“ oft geschmähte, aber immerhin kostenlose, Tempolimit.
  • Wir wollen, dass sowohl der öffentliche Verkehr wie auch andere, nicht an Privatbesitz geknüpfte Formen der Mobilität massiv unterstützt und ausgeweitet werden, vor allem die erheblichen Barrieren gegen die Nutuzung des ÖPNV müssen schnellstens gesenkt werden. (Vereinfachung der Tarife).
  • Wir wollen, dass immer mehr „grüner“ Strom in die Netze kommt. Das ist die Voraussetzung für schadstofffreie Elektromobilität, denn erst dann werden Fahrzeuge „grün“, nicht anders herum: Mehr Elektroautos bewirken per se keine einzige zusätzliche „grüne“ Kilowattstunde, aber ein „grüneres“ Netz ermöglicht „grünere“ Elektrofahrzeuge und ist Vorbedingung. Wer Elektroautos auf die Strasse bringen will um damit das Stromnetz „grüner“ zu machen, zäumt das Pferd vom Schwanz auf.
  • Wir wollen, dass sich die Forschung den wirklich zentralen Aufgaben zuwendet- der Speicherung von Energie, einem Zukunftsthema von überragender Bedeutung, insbesondere beim absehbaren Zuwachs an Windenergie – dies auch, damit endlich das Gerede über angebliche Speicherpotentiale von Windstrom in Autobatterien aufhört.
  • Wir wollen, dass schrittweise Siedlungsstrukturen angestrebt werden, die eine weitere Zersiedlung der Landschaft und damit weiteren „Bedarf“ an Autos unterbinden- weg mit der Pendlerpauschale.

Elektromobilität und Hybridisierung

Das alles schließt nicht aus, dass an Elektromobilität weitergeforscht wird – aber an Elektromobilität, nicht allein an „Elektroautos“. Die Zeit ist zu kostbar, um darauf zu warten, „first things first!“ Es sei darauf hingewiesen, dass es natürlich längst Elektromobilität gibt: im Schienverkehr ist der elektrische Antrieb schon lange selbstverständlich.

Ja, es bleibt bei alledem noch die Frage nach der Mobilität „auf dem flachen Land“ – ein Anwendungsfall für Hybridisierung und range extender. Aber auch hier gilt: je geringer die Gewichte und die Übermotorisierung, desto effizienter das Fahren, egal ob fossil oder elektrisch.

Mobilität muss entwickelt werden aus einem integrativen Ansatz, und sie muss „Small, Intelligent, Light, Efficient“ sein. Sie darf nicht eingeschränkt werden durch die brachiale Durchsetzung einer einzelnen Technik (E- Auto), durch Interessen einzelner Branchen, oder durch bestimmte Nutzungsformen. Wesentliche Träger der urbanen Mobilität werden neue, leichte und individuell angepasste Fahrzeuge wie Twike, Pedelec, E- Roller etc. sein, einem Feld, auf dem Elektromobilität auch heute schon erfolgreich ist, und natürlich werden -auf dem „Land“- auch angepasste Autos in geringerem Umfang dazu gehören. Es wird aber keinen einzelnen dominierenden Träger der gesamten individuellen Mobilität mehr geben, so wie heute noch das „all-purpose-Auto“. Technisch wird Hybridisierung in diversen Spielarten auch langfristig eine wichtige Rolle spielen. Das Schlüsselwort zukünftiger Mobilität aber heißt: Diversifizierung.

Mobilität ohne Abhängigkeiten

Hauptgebot ist und bleibt: „offen bleiben“ für diese sich anbahnende Diversifizierung und nicht die heutigen Abhängigkeiten durch andere, neue, ersetzen. Die schrittweise Elektrifizierung des Antriebs darf nicht dazu führen, dass zukünftige Mobilität abhängig wird vom Einfluss der Stromversorger (über Tarife, Ladezeiten, Zugang zur Batterie, zum Kunden). Funktionierende Mobilität ist ein individuelles Grundbedürfnis und unabdingbarer Bestandteil der Gesellschaft. Sie ist zu wichtig, als dass man sie den Interessen einer Industrie unterordnen dürfte, gleichgültig ob Autoindustrie oder Stromversorger.

wolfganglohbeck_portraitÜber den Autor:

Wolfgang Lohbeck ist Dipl. Ing. Architekt und Politologe.

Er arbeitet seit 27 Jahren bei Greenpeace und ist dort verantwortlich für Auto und Verkehr, sowie für technische Lösungsansätze und Projekte verschiedenster Art.

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