Auf den Spuren von Lawrence von Arabien

Es war Anfang Mai und in Deutschland herrschte schlechtes Wetter, nicht der leiseste Anschein von Klimawandel schien sich zu zeigen. Wie viele andere Deutsche auch, so suchten wir unser Heil in der Flucht mit dem PKW in Richtung Süden, wobei Süden allerdings nicht Italien sondern Jordanien sein sollte, das große Ziel unserer ersten Rallye.

Wir, 5 Daimler-Mitarbeiter, machten uns als Team Wüstensterne im Rahmen der Allgäu-Orient-Rallye auf von Oberstaufen nach Jordanien zu fahren. Eine Low-Budget-Rallye, bei der die Fahrzeuge älter als 20 Jahre sein müssen oder einen Wert < 1111,11€ besitzen und die einem guten Zweck dient, da die Rallye-Fahrzeuge in Jordanien versteigert und mit dem Geld lokale Hilfsprojekte unterstützt werden, die Benztown-Beduinen berichteten hierzu bereits.

Die Entscheidung dem schlechten Wetter aus Deutschland zu entfliehen, fiel allerdings nicht ganz so spontan wie es sich hier vielleicht anhören mag. Wir beschäftigen uns ca. 5 Monate mit der Suche nach geeigneten Fahrzeugen, Sponsoren, der Beschaffung von Material und Ausrüstung sowie der Planung möglicher Routen, bevor wir am 29.04.2010 um 08:08 Uhr endlich in Oberstaufen die Rallye antreten konnten.

Neben einigen Fixpunkten wie z.B. Istanbul und den Grenzübergängen nach Syrien und Jordanien,
war die Streckenwahl größtenteils uns selbst überlassen, möglichst viele Länder zu durchfahren gab allerdings extra Punkte. Unsere Wahl fiel auf eine Route, die uns von Deutschland nach Österreich, Italien, Slowenien, Kroatien, Bosnien-Herzegowina, Serbien, Bulgarien, Griechenland in die Türkei und von dort über Syrien ins, im südlichen Jordanien liegende, Wadi Rum führen sollte. Entsprechend dem Rallyereglement ging es immer über Landstraßen, da Autobahnen und Mautstraßen tabu waren, wie auch Navigationsgeräte. Abgesehen davon ist es uns bis heute auch ein Rätsel, ob diese überhaupt syrische Wüstensträßchen beinhaltet hätten.

Neben landschaftlich tollen Eindrücken, wie z.B. den Lienzer Dolomiten, die Adria und den Bosporus gab es auch immer wieder Eindrücke, die uns zum Nachdenken anregten. Die Fahrt durch ehemals umkämpfte Gegenden in Bosnien-Herzegowina, in denen sich immer noch die Spuren von Einschüssen oder Granatexplosionen an den Häuserwänden abzeichnen, wird uns im Gedächtnis bleiben.

Auf kurvigen, engen und zum Teil gebirgigen Landstraßen hieß es für uns einige Tage von morgens um 07:00 bis ca. 24:00 Uhr im Auto zu verbringen, unterbrochen nur durch Tankstopps sowie das abendliche Essen von ca. 1,5 Stunden. Eine der Aufgabe der Rallye war es nämlich, für jeden Tag ein Rezept und ein Bild von einem Gericht, welches wir gegessen haben, zu beschaffen. Nicht immer einfach, wenn man der Landessprache nicht mächtig ist.

Aufgrund einer weiteren Rallyeregel, die Übernachtungen im Hotel auf 11,11€ pro Person und Nacht begrenzte, versuchten wir Campingplätze zu nutzen, um zumindest in den Genuss einer Dusche zu kommen. In unseren ADAC-Karten waren glücklicherweise auch so einige Campingplätze eingezeichnet. Leider stellte sich dabei des Öfteren heraus, dass diese entweder gar nicht existierten oder wir aufgrund der Nebensaison vor verschlossenen Türen standen. Folglich blieb uns damit die eine oder andere Dusche verwehrt und wir mussten notgedrungen auf „wilde“ Campingplätze ausweichen. Interessant sind hierbei vor allem die gravierenden Unterschiede die sich in der Wahrnehmung einstellen, wenn man sich z.B. in der Dunkelheit an einem freundlich wirkenden See niederlässt und dann beim Frühstück und Tageslicht feststellt, dass dieser doch eher einer Müllkippe ähnelt und man von auf dem Rücken schwimmenden Fischen begrüßt wird.

Pünktlich am 04. Mai erreichten wir Istanbul, die Perle am Bosporus, was bei dem Flair der Stadt mit Ihren kleinen, verwinkelten Gassen, auf denen sich speziell am Abend ein Großteil des Lebens abspielt, sicherlich keine Übertreibung ist. Der kommende Tag sollte für uns eine besonders interessante Rallyeaufgabe bereithalten. Vom Foyer des türkischen Rundfunksenders TRT galt es schnellstmöglich, inklusive Le Mans-Start, mit den Autos zu einem Punkt zwischen der Hagia Sophia und der blauen Moschee zu kommen um dort ein Photo mit dem gesamten Team auf einem der Autos zu machen. Mit dem Schwenk der Startflagge rannten wir zu den Autos.

Verwickelt in ein packendes Match mit dem Team der Motorbienen ging es zuerst über zweispurige Straßen am Ufer des Goldenen Hornes entlang und dann weiter durch die verwinkelten Straßen dieser 13 Millionen Einwohnermetropole in Richtung der blauen Moschee. Angespannt parkten wir unsere Fahrzeuge und stellten fest, dass wir uns gerade eine sehr gute Ankunftszeit gesichert hatten. Glücklich über dieser Zeit im Roadbook verließen wir mit der Fähre Europa in Richtung Asien, dem nächsten Etappenziel entgegen.

Damit uns, zumindest aus Sicht des Rallyekomitees, nicht langweilig wurde durften wir in Ankara ein von uns einstudiertes türkisches Lied vor laufender Kamera vortragen. Mit tatkräftiger Unterstützung durch daheim gebliebene Arbeitskollegen gelang es uns die ersten 4 Strophen der dortigen Version von „Old Mc Donald had a Farm  – Ali Babanin“ zum Besten zu geben. Für den Eurovision Contest hätte es wohl nicht gereicht, aber es brachte uns eine hohe Punktzahl hinsichtlich der Lösung unserer Rallyeaufgaben. Erleichtert, da die 6 stimmige Variante des Liedes während der Fahrt entsprechend schwierig einzuüben war, steuerten wir ein von uns selbst gewähltes Ziel an. Das Mercedes-Benz Türk Werk in Aksaray. Da bereits im Vorfeld klar war, dass unser Weg uns in die Nähe dieses Werkes führen würde, hatten wir uns hier eine Werksbesichtigung gesichert.

Als PKWler bekamen wir hier einen spannenden Einblick in die türkische Truckproduktion und Gastfreundschaft, bevor wir uns auf den weiteren Weg in Richtung syrischer Grenze machten. Erst einmal dort angekommen, erwartete uns eine rallyeuntypische Herausforderung Geduld und finanzielles Geschick. Sechsmal hieß es in der Schlange anstellen, warten, in der neuen Schlange anstellen und wieder warten und zu den richtigen Momenten 2 $ Bakshish in den Reispass zu legen, damit man die benötigten Stempel bekam. Nach fünf nervenaufreibenden Stunden des Wartens durften wir die Grenze endlich um 04:30 Uhr morgens in Richtung Süden durchqueren. Es galt einige Aufgaben im syrischen Königreich zu erledigen, die uns in die Wüstenstadt Palmyra, unweit der irakischen Grenze brachte und uns in die Regeln der arabischen Badekunst im ältesten Hammam von Damaskus eintauchen ließ.

Endlich einmal in Jordanien angekommen verbreitete sich schnell richtiges Rallyefeeling. Auf den Spuren des Lawrence von Arabien ging es in Richtung Wadi Rum. Nach den ersten Kilometern erwarteten uns bereits die Tücken der Wüste. Ab jetzt sollten immer wieder Abschnitte mit sehr weichem und tiefem Sand auftauchen, sehr gut daran zu erkennen, dass sich hier bereits andere Rallyeteams mit ihren festgefahrenen Fahrzeugen tummelten. Da unsere 124er leider nicht mit Allradantrieb ausgestattet waren, gab es für uns nur die Möglichkeit fehlenden Antrieb durch Geschwindigkeit zu kompensieren. Sofern man nicht unter die 80 km/h Grenze fiel, sichert uns immer genügend Schwung um gegebenenfalls einfach durch diese Sandlöcher durchzurutschen. Diese nicht ganz materialschonende Fahrweise kostete uns allerdings zweimal den  Unterbodenschutz sowie einen Reifen. Mit der Quote waren wir gegenüber aufgerissenen Ölwannen und gebrochenen Vorderachsen allerdings noch recht gut unterwegs, zudem mussten wir nicht, wie viele der anderen Rallyeteam die Nacht in der Wüste verbringen.

Der nächste Morgen wartete mit dem letzten offiziellen Teil der Rallye auf uns, die Wüstensonderprüfung. Auf einem festgelegten Parcours von ca. 8 km Länge, der uns um einen kleinen Berg und eine Kamelrennbahn herum führte, musste wir jeweils als Team die schnellstmögliche Zeit fahren. Bei Spitzengeschwindigkeiten von 150 km/h und einigen doch deutlich tiefer als erwarteten Wasserläufen auf der Strecke, die uns zu spannenden Ausweichmanövern zwangen, war dies sicherlich eines der Highlights der Rallye.

Nachdem nun der offizielle Teil unserer Reise vorüber war, führte uns unser Weg  über die Sehenswürdigkeiten des Landes zur Abschlussfeier nach Amman. Bei der Abgabe der Fahrzeuge für die Versteigerung, mit deren Erlös die bereits erwähnten lokalen Hilfsprojekte unterstützt werden, konnten wir einen letzten Blick auf die bunte Vielfalt der teilgenommenen Fahrzeuge werfen. Die Abschlussfeier, an der „vulkanbedingt“ leider die Schirmherrin der Rallye, Prinzessin Bashma nicht teilnehmen konnte, bildete einen gelungenen Abschluss der Rallye. Mit vielen Eindrücken, Emotionen und nicht zuletzt gutem Wetter im Gepäck zogen wir zurück nach Deutschland. Ob wir wieder an einer Rallye teilnehmen  –  Inshallah …


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