Im Bikini von Berlin nach Hamburg

Der Mittwoch vor Himmelfahrt ist ein besonderer Tag. Mit meinen Kollegen stehe ich morgens an der Mercedes-Benz Niederlassung am Salzufer in Berlin und trinke den ersten Kaffee. Hellwach bin ich aber auch so, schließlich findet heute die Brennstoffzellenrallye von Berlin nach Hamburg unter dem Motto „Wasserstoff bewegt“ statt. Organisiert wird das Ganze von der Clean Energy Partnership, kurz CEP. Daimler hat sich mit Unternehmen wie Toyota, BMW, VW, Total, Shell, der Hamburger Hochbahn und weiteren in der CEP zusammengeschlossen, um Wasserstoff- und Brennstoffzellenmobilität in der Öffentlichkeit zu demonstrieren.

Voraussetzung Nummer eins, nämlich die marktreifen Autos, bringen wir mit. Für die Rallye fahren wir drei Mercedes-Benz B-Klasse F-CELL vom Salzufer in die Berliner Holzmarkstraße, dem Startpunkt der Rallye. Ich darf fahren, was ich ziemlich aufregend finde – ich habe nämlich noch nie am Steuer einer F-CELL gesessen. So steige ich also mit meinem Kollegen Christian, einem F-CELL Experten, ins Auto, drehe den Schlüssel im Zündschloss und frage mich und ihn: „Ist es schon an!?“ Ist es in der Tat, obwohl weder das vertraute Motorengeräusch aus einem normalen Auto noch etwas Anderes zu hören ist. Absolute Stille. Lediglich die Nadeln der Instrumente haben sich bewegt – das Auto ist fahrbereit. Geschaltet wird automatisch, ich gebe Gas und los geht’s. Auf dem Bildschirm sehe ich den Energiefluss durch das Fahrzeug, was mein Beifahrer spaßhaft als „Mäusekino“ bezeichnet.

Ein dezentes Schnurren ist zu vernehmen, ansonsten fährt sich diese Brennstoffzellen-B-Klasse wie eine B-Klasse mit Verbrennungsmotor. Durch die Berliner Innenstadt vorbei an Siegessäule und Tiergarten macht es richtig Spaß, das Auto ist spritzig und im Berliner Straßenverkehr kann das nicht schaden. Die Stuttgarter Autofahrer finde ich im Vergleich zu den Hauptstädtern geradezu zahm. Auf der Total Tankstelle in der Holzmarktstraße wird heute eine Wasserstofftankstelle eingeweiht, die Total, Linde und Statoil gemeinsam aufgebaut haben: Ein Beitrag zu Voraussetzung Nummer zwei, der Infrastruktur, denn ohne Tankmöglichkeiten nutzen die Brennstoffzellenautos niemandem.

Wasserstofffahrzeuge von Opel, Toyota, Ford, Volkswagen und BMW sind schon da. Und es ist richtig was los. Der norwegische Botschafter Sven Erik Svedman (Statoil ist ein norwegisches Unternehmen), der Parlamentarische Staatssekretär aus dem Bundesverkehrsministerium Dr. Andreas Scheuer, Staatsekretärin Maria Krautzberger, Journalisten, Vertreter der beteiligten Unternehmen – alle sind gekommen, um den Startschuss der Rallye zu erleben. Nach diversen Reden wird die Zapfsäule enthüllt. Es verhält sich ähnlich wie mit dem Auto: Spektakulär unspektakulär. Einerseits ist es (noch) etwas Außergewöhnliches, denn bisher gibt es erst wenige Tankmöglichkeiten dieser Art. Andererseits sieht diese Zapfsäule aus wie jene für Benzin, ganz gewöhnlich.

Nach diesem offiziellen Teil geht es in die Fahrzeuge. Von der CEP bekommen alle teilnehmenden Autos Außenspiegelüberzieher mit CEP-Logo verpasst, die hier liebevoll „Bikini“ genannt werden. Süß die Dinger – nur dass das Bikiniwetter fehlt. Immerhin ist es trocken. Dr. Andreas Scheuer, der oben erwähnte Staatsekretär, schwingt zusammen mit Dr. Klaus Bonhoff (NOW) die Startflagge und in einer Kolonne verlassen wir die Tankstelle Richtung Autobahn. Alle Fahrzeuge sehen aus wie normale Autos, fallen aber auf, weil sie zusätzlich zu den Bikinis eine spezielle Beklebung haben, die erkennen lässt, dass es sich um Brennstoffzellenfahrzeuge handelt.

Auf der Autobahn wird die Kolonne getrennt und auseinandergezogen – die Journalisten, die die Fahrzeuge fahren, wollen schließlich auch mal richtig Gas geben. Unsere B-Klasse F-CELL fährt bis zu 170 km/h – schneller geht’s auf dieser Strecke auch nicht. Geschwindigkeitsbegrenzungen und Blitzer am Autobahnrand sorgen dafür, dass man es nicht übertreibt. Der Fahrspaß ist aber groß und immer wieder sehen Fahrer anderer Fahrzeuge neugierig zu uns herüber oder begleiten uns ein Stück, um herauszufinden, was es denn mit diesen beklebten Fahrzeugen auf sich hat. So viele Brennstoffzellen-Autos, sieht man schließlich nicht alle Tage.

An der Autobahnraststätte in Stolpe haben wir unseren Zwischenstopp. Unsere B-Klasse F-CELL könnte die Distanz von Berlin nach Hamburg auch ohne Tankstop zurücklegen, aber es geht ja auch darum, den Tankvorgang zu demonstrieren. Die mobile Tankstelle von Linde erwartet uns bereits. Ein großer Lkw mit Wasserstoff. Der Techniker von Linde programmiert die richtige Druckzufuhr, setzt den Zapfpistole auf die Tanköffnung der F-CELL, verriegelt, fertig. Nach drei Minuten ist unser Auto getankt und kann Platz für die anderen machen. Beim ersten Mal kann es sicher nicht schaden, sich das Wasserstofftanken erklären zu lassen, aber dann schafft es der gemeine Autofahrer sicher auch ohne Hilfe. In Stolpe soll übrigens eine weitere fest installierte Wasserstofftankstelle entstehen – der perfekte Ort, um Berlin und Hamburg mit Wasserstofffahrzeugen zu verbinden.

Mich interessiert, wie es unter der Motorhaube aussieht, schließlich gibt es ja keinen Verbrennungs- sondern einen Elektromotor. Kaum ist die Haube oben, scharen sich die mitfahrenden Fotografen um das Fahrzeug und knipsen, was das Zeug hält. Der Motorraum sieht leer aus, zumindest ist nicht alles so dicht gedrängt wie bei einem Verbrenner. Ist ja auch nicht verwunderlich, da die wesentlichen Komponenten der B-Klasse F-CELL, d.h. Stack, Brennstoffzellensystem, Wasserstofftanks und Hochvolt-Batterie, im Sandwichboden untergebracht sind.

Nach der kleinen Fotoeinlage folgt die Mittagspause, in der über Verbrauch, Wasserdampfmenge (denn Wasserdampf ist ja das Einzige, was aus dem Auspuff herauskommt) und Fahreindrücke gefachsimpelt und diskutiert wird. Kleine Fachvorträge bieten zusätzliche Informationen.

Gegen 14 Uhr geht es weiter Richtung Hamburg. Die Fahrer tauschen, denn die Journalisten wollen schließlich verschiedene Fahrzeuge testen. Auf dem nächsten Teilstück bin ich Co-Pilot eines Journalisten des National Geographic. Mein Kollege hat auf all seine Fragen zum Fahrzeug, zur Technik und zu den notwendigen Rahmenbedingungen Antworten parat. Und ich selber lerne heute eine Menge dazu. Der große Vorteil der B-Klasse F-CELL gegenüber Elektrofahrzeugen mit Batterie ist die Reichweite. Dank der 700-bar-Technologie fahren unsere Fahrzeuge schon heute bis zu 400 Kilometer am Stück und das mit Platz für vier Personen und ohne Abstriche beim Kofferraumvolumen. Der zweite große Vorteil ist, dass das Tanken nur ein paar Minuten dauert und nicht stundenlang eine Batterie aufgeladen werden muss. Für Überlandfahrten eine grundlegenden Voraussetzung.

In Kleinserie wird es unsere F-CELL Autos noch in diesem Jahr geben. Kunden können sie leasen und erhalten eine umfassende Servicebetreuung. Und in Zukunft kommen mit höheren Stückzahlen dann auch niedrigere Preise.

Kurz vor Hamburg legen wir einen letzten Zwischenstopp ein, um uns mit allen Fahrzeugen zu versammeln und nochmals die Fahrer zu tauschen. Die verbleibenden 25 km in die Hamburger Hafencity fahren wir wieder im Konvoi, angeführt von einem Mercedes-Benz Bus mit Wasserstoffantrieb, aus dessen Auspuff nichts als Wasserdampf pufft.

Wir drehen eine Runde um den Horner Kreisel und treffen schließlich gegen 18 Uhr an unserem Ziel, dem Prototypenmuseum, ein. In der Hafencity ist bereits der Grundstein für eine weitere Wasserstofftankstelle gelegt. Hamburg und Berlin sind mit ihren Aktivitäten absolute Vorreiter in punkto Wasserstoffinfrastruktur und bilden eine wichtige Achse für die Etablierung dieser Technologie. Das Museum bietet eine tolle automobile Kulisse für die Willkommensfeier. Viele Vertreter aus Politik und Wirtschaft haben sich eingefunden, um uns zu begrüßen.

Der Tag hat gezeigt: Wasserstoff bewegt. Ich finde, die Demonstration ist gelungen. Am Ende des Tages werden die Fahrzeuge wie Rennpferde auf den Transporter verladen und sind kurze Zeit später schon auf dem Weg zu ihrem nächsten Einsatz bei der Weltwasserstoffkonferenz in Essen. Sollten Sie, liebe Leser, die Möglichkeit bekommen, ein Elektrofahrzeug mit Brennstoffzelle, wie die Mercedes-Benz B-Klasse F-CELL Probe zu fahren, lassen sie es sich nicht entgehen. Sie werden sicher so begeistert sein wie ich und viele andere Fahrer der CEP-Rallye.


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