Ab in die Wüste!!! (III) – Die Rallye

[Hier geht’s zum 2. Teil]

Stuttgart – Sete – Sahara oder vom Schneechaos in die Wüste

Bei unserer Anreise nach Marokko war wirklich alles dabei: Komplettes Schneechaos in Stuttgart, ein mit Kleider- und Spielzeugspenden „leicht“ überladener Sprinter, eine Irrfahrt durch Lyon trotz Navi, kalte Pizza nachts um 2 Uhr, sibirische Temperaturen bei der technischen Abnahme in Sete und eine ziemlich marode Fähre, aber das alles waren Kleinigkeiten und konnte uns den Spaß nicht verderben, den wir zusammen mit unseren Mechanikern Henner und Benni und den anderen Rallyeteilnehmerinnen hatten.

routeNach dem feierlichen Festakt der Hafeneröffnung in Tanger – mit wirklich sehr leckerem Buffet – konnten wir unsere Spenden abgeben. Die Hilfsorganisation Coeur des Gazelles sammelt jedes Jahr Kleider- und Spielzeugspenden für die Nomaden im Rallyegebiet und verteilt diese an bedürftige Familien, deren Kinder sich über einen kleinen IKEA-Bleistift mehr freuen als bei uns ein normaler Jugendlicher über sein neues IPhone. Die Organisation baut darüber hinaus Schulen und Brunnen und kümmert sich um die medizinische Versorgung der Nomaden, für die ein Arztbesuch unvorstellbarer Luxus darstellt. An Spenden kamen dieses Jahr rund 5 Tonnen zusammen, von denen gut eine Tonne von uns mitgebracht wurde. An dieser Stelle noch mal ein herzliches „Danke Schön“ an alle Spender.

Abends fand noch ein weiterer Empfang mit einigen Wirtschaftsgrößen des Landes statt. Dazu muss man muss wissen, dass die Rallye Aicha des Gazelles in Marokko einen unglaublich hohen Stellwert hat. Besonders deutlich wird dies durch die Schirmherrschaft des Königs und dass es den Rallyeteilnehmerinnen als Einzigen neben dem hochrangigen Teil der königlichen Familie erlaubt ist, das marokkanische Königswappen zu tragen. Diese Wertschätzung hat als kleinen Nebeneffekt zu Folge, dass allen voran die zahlreichen Polizisten in Marokko sämtliche Augen zu drücken, wenn man sich nicht so 100%ig an die peniblen Verkehrsregeln hält und in Städten oft der fließende Verkehr angehalten wird, um ein paar Rallyefahrzeugen, die auf dem Weg in die Sahara sind, freundlich winkend den Vorrang zu gewähren.

Ich könnte nun über jede Etappe etwas erzählen, aber das würde vermutlich den Rahmen sprengen. So möchte ich nur ein paar Etappen herausheben.

Etappe 1 oder ESP ist schon ne feine Sache
„C’est 4 heure – Bonjour!“. 4 Uhr morgens, die Nacht war zu Ende und wir kamen uns vor, als wären wir erst gerade ins Zelt gekrochen. Das war er also unser Weckruf für die nächsten Tage. Schnell anziehen, was in einem Ein-Mann-Wurf-Zelt gar nicht so einfach war, in der Dunkelheit alles zusammenpacken und im Auto verstauen.
Vor den Sanitärcontainer standen schon die Ersten an und so wir stellten uns brav mit Kulturbeutel und Klopapier bewaffnet in die Schlange der „weißen Westen“. Diese weiße Weste trugen alle Rallyeteilnehmerinnen und zwar immer und die ganze Zeit. Ein Ablegen war nur unter der Dusche und beim Schlafen vorgesehen.
Die ersten beiden Checkpoints des Tages haben wir recht einfach gefunden. So motiviert fuhren wir voller Tatendrang weiter und landet völlig überraschend in einem tiefen Graben. Den hatte ich komplett übersehen, was zur Folge hatte, dass es ganz übel krachte als wir unsanft drüber holpern. Augenblicklich tauchte eine ungute Fehlermeldung auf „ESP – Werkstatt aufsuchen.“ Wie wenn das nicht genug gewesen wäre, schlug unser Unterbodenschutz ganz furchtbar gegen das Getriebe, dass wir dachten von Geräusch her nun mit einem Traktor zu fahren. Wenige Augenblicke später leuchteten „ABS – Werkstatt aufsuchen“ und „Bremsen – Werkstatt aufsuchen“ auf. Na super! Natürlich hätte wir ja sehr gerne und auch sofort eine Werkstatt „aufgesucht“, nur war hier im Nirgendwo irgendwie keine zu finden. So fuhren wir eben ohne ESP, mit beängstigenden Fahrgeräuschen und einem  ziemlich mulmigen Gefühl weiter.
Und natürlich kam es wie es kommen musste, wir mussten durch ein winziges Sandgebiet und blieben 2 Meter vor dem rettenden harten Untergrund stecken, weil wir kein ESP mehr hatten. 2 ½ Stunden kämpften wir verzweifelt gegen abwechselnd einzeln! durchdrehende Räder, um letztendlich mit einer komplexen Konstruktion aus Steinen, Sandblechen und Schaufeln das scheinbar Unmögliche zu schaffen.“McGuiver“ läßt grüßen und unser Viano war frei!
Nachdem wir alle restlichen Checkpoints erreichten hatten, machten wir uns mit Einbruch der Dämmerung auf den Rückweg und blieben wir kopfschüttelnd und mit einem gewissen Galgenhumor in einem Qued, einer Kombination von Sand und ziemlich hohen Gasbüscheln, stecken. Nach gut 2 Stunden waren wir wieder frei, allerdings war es stockdunkel und Bettina hatte nichts mehr zum Orientieren. Wir konnten am Horizont nur erahnen, dass es dort durch das Biwak heller sein könnte und fuhren einfach mal in diese Richtung. Was folgte war eine 4-stündige Irrfahrt durch die Nacht, die aber letztendlich erfolgreich war und völlig abgekämpft, aber sehr glücklich kamen wir gegen halb 12 zurück ins Biwak.
Die Mechaniker leisteten über Nacht tolle Arbeit. Am nächsten Morgen klebte ein Post-It-Zettel auf dem Armaturenbrett mit den Worten „Alles repariert – wir haben den Unterboden gerade gebogen und ein Stecker wieder draufgesteckt – das  ESP geht wieder und ihr habt keine Warnmeldungen mehr. Übrigens, wo habt ihr denn euren linken Radlauf und eure Anhängerkupplung gelassen? Liebe Grüße und viel Spaß Henner und Benni“.

Etappe 3 – Übernachtung in der Wüste und sieben Stunden Suche ohne Erfolg
Wir wurden immer besser und am ersten Tag der Marathonetappe legten wir eine fast perfekte Fahrt hin. Fast perfekt, weil wir einmal sehr souverän an einem Checkpoint vorbeifuhren, obwohl wir schon zu Fuß dort waren. Man überschätzt einfach die Strecke, die man zu Fuß geht, wenn man die mit dem Auto zurücklegt. Eigentlich macht das ja nichts, man dreht um und fährt zurück. So die Theorie, nur die Praxis sah anders aus –  wir steckten mal wieder im Sand fest. Wir grinsten nur, schüttelten den Kopf und fingen unter lautem Gelächter und dummen Kommentaren, wie denn sowas passieren kann, an zu graben.
Der Rest war fast ein Kinderspiel. Sehr zielsicher navigierte uns Bettina auf direktem Weg durchs ziemlich anspruchsvolle Gelände und so waren wir weit vor den anderen am 6. Checkpoint, an dem wir übernachten wollten. Nach und nach kamen in der Dämmerung andere Teams dazu. So hatten wir am Lagerfeuer sehr nette Gesellschaft und einen Übernachtungsgast auf unserem Dach.
Der nächste Morgen begann fast ideal. Der 7. Checkpoint war schnell erreicht, wir lagen gut in der Zeit und zum 8. Checkpoint war es nicht weit. Frohen Mutes fuhren wir ins vermeindliche Zielgebiet, sicher in der Annahme, dass wir die ersehnte Fahne augenblicklich vor Augen haben sollten. Nur sahen wir keine Fahne, sondern trafen viele andere Teams. Alle auf der Suche nach Checkpoint 8.
Bettina lief mit der Karte herum und sagte, dass hier irgendwas nicht stimmte und die Berge nicht mit der Karte übereinstimmen würden. Soweit so „gut“ nur wo wir waren, wussten wir leider wie die anderen 16 Teams, die wir getroffen hatten auch nicht. So verbrachten wir nach dem Motto „Zu viele Köche verderben den Brei“ eine lauschige Zeit bei der gemeinsamen, erfolglosen Suche nach einer roten Fahne.
Nach sieben Stunden „im Kreis fahren“ entschieden wir uns alle die Suche sein zu lassen. Erstens, weil wir den Checkpoint auch nach 9 Stunden nicht finden würden, zweitens wir noch mindestens zwei Stunden Fahrt zum Biwak vor uns hatten und drittens – wer hätte es gedacht – es wurde mal wieder dunkel!
Also machten sich dieses Mal gleich vier Autos (2x Dacia, 1x Renault und 1x Mercedes) aus der Crossover-Klasse auf, das aussichtlose Rennen gegen die Zeit und Dunkelheit zu gewinnen. Im Formationsflug mit Autobahngeschwindigkeit rasten wir durch die Wüste. Für unseren Viano und die beiden speziell aufgebauten Rallye-Dacia kein Problem. Der Renault – der eigentlich auch speziell für Rallyezwecke aufgebaut wurde – hingegen konnte den Belastungen nicht stand halten und musste von uns mitten in der Wüste notdürftig repariert werden.
Dass und wie wir letztendlich – natürlich tief in der Nacht – Stunden später das Biwak erreichten, war eine Mischung aus Glück, Können und der freundlichen Hilfe von hier nicht weiter Genannten.

Der Endspurt – die Etappen 6 und 7
„Wenn ihr gewinnen könnt, ist es egal was ihr mit dem Auto macht. Das hält viel aus. Hauptsache es rollt noch irgendwie über die Ziellinie“. Genau das hatte unser „Backoffice“-Team – Henner  und Benni – gesagt. Wir hatten die beiden sehr ins Herz geschlossen und wollten ihnen natürlich gerne ihren Wunsch nach einem Sieg erfüllen. Der Abstand zu Platz eins war immer geringer geworden und wir hatte eine echte Chance zu gewinnen.
Mit diesem Wissen machte wir uns auf den Weg und landeten mitten im Wechselbad der Gefühle. Der Tag begann nicht besonders gut und wir taten uns wirklich sehr schwer. Die Sicht war so schlecht, dass es rein gar nichts zum Orientieren gab. Wir wussten zwar wo wir waren, aber da war soviel Sand und das einfach nichts für uns. Wir stecken fest und ich bekam richtig schlechte Laune. Mit der Hilfe eines anderen Teams kamen wir frei und fuhren weiter. Meine Laune besserte sich wieder, aber da wir gar nichts zum Orientieren hatten, bekam nun Bettina schlechte Laune. Sie stieg aus Dach, dreht sich einmal im Kreis, raufte sich entnervt die Haare und brachte den besten Spruch der Rallye: „Ich könnte kotzen oder heulen – such dir was aus“. Ich schaute zu ihr hoch, musste grinsen und antwortete: „Äh, keines von beidem?“. Das brachte uns beide zum Lachen und alles war wieder in Ordnung. Wenig später fanden wir doch den gesuchten Checkpoint und wurden dort freundlicherweise mit Kaffee und Keksen versorgt. Vermutlich sahen wir beide doch ziemlich fertig aus.
Kaffee und Kekse haben in der Tat sehr geholfen, weil was dann folgte, war unglaublich. Die Zeit war mal wieder knapp, aber mit schlafwandlerischen Sicherheit fanden wir Checkpoint um Checkpoint. Wie von Sinnen rasten wir Luftlinie über die Berge. Durch ein Gelände, das unser tapferer Viano nur unter ständigem Kontakt des Unterbodenschutzes mit den fiese Felsen und tiefe Gräben überwand. Voller Adrenalin erreichten wir Checkpoint 6 und wussten, wenn wir heute noch den siebten erreichten, waren wir auf Platz eins.
Wir mussten dazu nur in einer Stunde eine Strecke bewältigen für die im schnellsten Fall 1,5 Stunden avisiert war, aber mit unserem Viano war das zu schaffen. Also gaben wir wirklich alles und das war leider ein wenig zu viel. Etwa in der Mitte der Wegstrecke verloren wir durch die ungemeinen Vibrationen ein hinteres Ausstellfenster komplett und das andere fast. Als wenig später noch beide Dämpfer komplett ihren Dienst aufgaben, war an eine schnelle Weiterfahrt aus Sicherheitsgründen nicht mehr zu denken und so hopsten wir – wie ein Känguru – in gemächlichem Tempo über die Unebenheiten der Strecke.
Obwohl wir die „Öffnungszeit“ des siebten Checkpoint um 15 Minuten verpasst hatten, war noch alles drin. Zu Beginn der letzten Etappe hatten wir noch 60 Punkte Rückstand zu Platz eins und wir waren immer noch im Rennen. Alles was wir tun mussten, war alle Checkpoints zu erreichen und hoffen, dass die anderen patzten.
Wir wussten, dass das Dacia-Team mit ihrer Rallyeversion des Dusters den direkten Weg durch die großen Sandgebiete nehmen konnte. Wir hingegen mussten mit unserem Serien-Viano die Checkpoints über Pisten und durch die kleinere Sandgebiete anfahren. Das war zwar der längere Weg, aber für uns der einzig Mögliche. Doch ein aufkommender Sandsturm machte unser Ambitionen zu Nichte. Binnen Minuten wurde die Sicht immer schlechter, weil der starker Wind den Sand extrem aufwirbelte. Wir versuchten 4 Stunden und viele Male von der Piste aus das kleine ca. 3,5 Kilometer lange Sandgebiet zu Checkpoint 3 zu durchqueren. Doch mit maximal 10 Meter Sicht und spätestens 1,5 km später blieben wir immer wieder stecken und mussten unser Auto im übelsten Sandsturm freigraben. Wir berieten uns und entschieden „Es macht einfach keinen Sinn!“. So verabschiedeten wir uns von Platz eins und fuhren zu unserem Nachtlager.

Der perfekte Tag – Tag 2 der letzten Etappe
So frustierend der Tag zuvor endete, so gut lief der letzte Rallyetag. Als hätte jemand Bettina die Ideallinie nachts ins Ohr geflüstert, verschenkten wir keinen einzigen Kilometer. Gefolgt von 3 Autos mit Journalisten legten wir den perfekten Tag hin. Ich befolgte brav alle Richtungsanweisungen und erstarrte fast in Erfurcht, ob dieser Meisterleistung der Navigation. Völlig entspannt fuhren wir von Checkpoint zu Checkpoint und hatten sogar noch Zeit eine kleine Show für die Hubschrauberaufnahmen abzuliefern. Stunden vor den anderen Teams erreichten wir den letzten Checkpoint und anschließend das Biwak.
Wir waren zwar nicht Erster geworden, aber diesen Tag konnte uns niemand nehmen. Einen versöhnlicheren Abschluss hätte es nicht geben können. Vergessen waren alle Strapazen, der feine Sand, der überall war und all die Anstrengung der letzten Tage. Wir fielen uns in die Arme und waren einfach nur glücklich, das Abenteuer unseres Lebens mit soviel Spaß und als Team überstanden zu haben.

Resümee oder was bleibt?

Was bleibt, ist kaum in Worte zu fassen. Sicherlich gab es Augenblicke, an denen man sich gefragt hat, wieso man das eigentlich macht.Ab in die Wüste!!! Aber am Ende überwiegen Eindrücke, die unglaublich schön waren und von denen man – auch wenn sich das nun sehr pathetisch anhört – ein Leben lang zehren kann. Man schließt die Augen und schon fallen einem schöne Situationen, atemberaubende Bilder und kleine Anekdoten ein.
Wir sind sehr dankbar und wissen es wirklich sehr zu schätzen, dass wir die Möglichkeit hatten an der Rallye teilzunehmen und möchten uns an dieser Stelle aufrichtig bei allen Verantwortlichen und Beteiligten bei Mercedes-Benz Vans und im Personalbereich sowie bei unseren Kollegen bedanken.
Wir würden uns jederzeit erneut auf das Abenteuer „Rallye Aicha des Gazelles“ einlassen – gemeinsam als Team. Denn aus der zufälligen Fahrgemeinschaft nach Münsingen sind echte Freundinnen geworden, die gemeinsam durch dick und dünn gehen.

Links zu weiteren Bilder:

http://dancampbelllloyd.zenfolio.com/

Facebook-Profil von  Andrea Spielvogel

Update 25.10.2010: Wer den Rallye des Gazelles 2010 Film nicht gesehen hat, kann dies jetzt online bei N24 nachholen.

N24 Transportwelt

Frauen-Wüsten-Rallye Aicha des Gazelles


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