Formula Student – Ein Rückblick

Ich liege auf der „Dachterrasse“ unseres Renntransporters, die letzten Sonnenstrahlen scheinen über die Haupttribüne hinweg ins Fahrerlager in Hockenheim, im Hintergrund ein Klangteppich aus hochdrehenden Motoren, fleißiger Werkstattarbeit und den gedämpften Redefetzen von Menschen. Dies ist mein mentales Foto des ersten Tags der deutschen Formula Student in Hockenheim 2009.

Seit dem sind 6 Wochen vergangen, in denen ich eine Bachelorarbeit abgegeben, eine mündliche Abschlussprüfung bestanden und einen guten Berufseinstieg im Konzern gefunden habe. Da diese Aufgaben mich ganz gut beschäftigt haben, habe ich diesen Erlebnisbericht erst jetzt im September verfasst.

Unser Zeltlager hatten wir bereits am Mittwoch im badischen Kiefernwald auf einem schmalen Streifen Wald zwischen Autobahn und Rennstrecke aufgeschlagen. Donnerstagvormittag haben wir unser Auto durch fast alle technischen Abnahmen gebracht, nur ein kleines Problem mit der

Applikation unseres Motors hat uns beim Bremstest gestoppt. Beim Auskuppeln bei Vollbremsungen aus hoher Drehzahl starb der Motor ab. Aber wer 1,5 Jahre, 200.000 Euro und jede Menge Herzblut in ein Wochenende investiert, der kann auch fix die Motorapplikation anpassen.

Donnerstagabend lag ich dann auf dem Renntransporter, im Kopf ich ein widersprüchliches Gemisch aus Zufriedenheit und Unruhe. Auf der einen Seite lief das Auto, ich hatte einen Platz zum Schlafen und sogar ein gutes Abendessen gehabt (wer grillen kann, ist klar im Vorteil…). Dazu diese dichte Rennsportatmosphäre und die ganzen anderen „Bekloppten“.

Auf der anderen Seite gingen am nächsten Tag die Wertungsevents los. Für mich hieß das konkret, dass ich den Business Plan meines Teams vorstellen würde. Ich hatte den Business Plan meiner Inneneinrichtung zwar schon diverse Male präsentiert, entspannte Vorfreude stellt sich aber trotzdem nicht ein.

Freitag – Der Business Plan

Um 1050 war es soweit: Crunchtime, Baby! Eine Viertelstunde präsentierte ich unseren Business Plan. Obwohl die Präsentation sehr gut lief, hatte ich ein eher mäßiges Gefühl, da die Fragen hinterher nicht völlig unberechtigte Einwände gegen das Gesamtkonzept gezeigt hatten. Jedenfalls war jetzt Freitagmittag und mein wichtigster Job war erledigt, Zeit sich einmal richtig im Fahrerlager umzusehen und sich beeindrucken zu lassen:

Da gab es ein Auto aus Kanada, das nur 160 Kilo wog (unser Auto wiegt rund 300 kg). Die filigrane Konstruktion beeindruckte sogar mein ungeschultes Auge. Da waren zum Großteil aus Kohlefaser gefertigte Autos. Ich weiß gar nicht, wen ich mehr bewundern soll: Den Konstrukteur des Autos oder den Organisator, der die Fertigungspartner an Land gezogen hatte. Kohlefaser en masse gab es auch am MP4-23, unserem (unser in diesem Fall = Daimler) Weltmeisterauto von 2008, das am Mercedes Stand ausgestellt war. Jedes Unternehmen, das entfernt mit Autos zu tun hat, war an diesem Wochenende in Hockenheim vertreten. Die besonders offensiven Unternehmensvertreter sprachen einen relativ unverblümt auf „Entwicklungschancen“ etc. in ihren Unternehmen an. Deren Enthusiasmus ließ beim dezenten Hinweis darauf, dass wir als BA-Studenten quasi schon verheiratet sind, aber schnell nach. Trotzdem lustig.
Daimlers Mannen waren deutlich subtiler auf Personalakquise und schickten Bernd Schneider samt eines verschärften C 63 mit jeweils drei Mitfahrern um die Strecke. Dieser C63 hatte 4 Schalensitze, einen Käfig, kaum Innenraumverkleidung und was weiß ich noch. Auch die Endschalldämpfer waren deutlich hörbar ins Potenzsteigerungsprogramm miteinbezogen worden. Unfassbar, wie rotzig und gleichzeitig sonor diese Karre die aufgestellten Nackenhaare im Staccato der acht Kolben tanzen ließ…

Freitagabend – Die große Überraschung

Von den 78 vorgestellten Business Plänen wurden drei ausgewählt, um am Abend auf der Bühne vor den versammelten Teams im direkten Duell um die ersten drei Plätze zu präsentieren. Wir waren dabei, hell yeah! Meine mentale Spannung glich zu diesem Zeitpunkt der einer ungenutzten Hängematte, denn damit hatte ich überhaupt nicht gerechnet…

Spätestens nach der Präsentation des ersten Mitbewerbers, dem Team aus Delft in Holland, war mein Blutdruck aber wieder hergestellt. Trotz wöchentlichen Anschauungsunterrichts in drei Jahren BA-Studium bei Daimler hatte ich noch nie eine so gute Powerpoint Präsentation gesehen. Danach präsentierte das Team aus Padua. Zum Inhalt kann ich leider nicht viel sagen, ich war zu aufgeregt um richtig aufzupassen. Auch die Erinnerung an meine eigene Präsentation verliert sich in einem diffusen Mix aus Aufregung, Scheinwerferlicht und Schlussapplaus. Nicht zu fassen, was es für einen Unterschied macht, vor drei oder vor mehreren hundert Menschen zu präsentieren. Mein Vortrag muss aber nicht völlig verkehrt gewesen sein, denn im Endergebnis teilten das Team aus Padua und wir uns den ersten Platz. Erster im Business Plan, was ein Abschluss des Freitags!
(Unter diesem Link sind alle drei Finalisten zu sehen: http://formulastudent.tv/2009/08/business-plan-presentation-finals/ Delft 4:00, Padua 17:45, Wir: 33:30)

Samstag – Der Beschleunigungswettbewerb

Samstags begannen die dynamischen Disziplinen auf dem Programm. Im Beschleunigungswettbewerb ging unserem Motor leider etwas die Luft aus. Wieder war es die Applikation, die den Motor nur bis zu einer bestimmten Drehzahl drehen ließ. Wir hatten die Applikation extra den genau an diesem Tag herrschenden Witterungsbedingungen angepasst.

Das ging leider etwas schief, so dass wir uns mit unserer Zeit im letzten Drittel des Klassements einordneten, obwohl unsere Testzeiten locker für die bessere Hälfte gelangt hätten. Weiter ging’s zum „Skid Pad“, einer doppelt gefahrenen Acht, die besonders Aufschluss über die Güte des Fahrwerks geben soll. Hier erreichten wir eine Zeit im guten Mittelfeld. Das Highlight des Tages war der „Autocross“, eine fliegende Runde auf einem abgesteckten Kurs. Im letzten unserer vier Versuche konnten wir die magische Marke von 60 Sekunden für eine Runde knacken. Dieser Moment hängt ebenfalls seitenfüllend in meinem mentalen Fotoalbum: Das ganze Team saß auf einer der Tribünen, während unsere Fahrer das Auto um den Kurs jagten. Dreimal waren wir knapp an den 60 Sekunden gescheitert. Der Moment als nach dem letzten Versuch die 59 auf der Zeitentafel erschien, war ein klassischer Fall für die Kreditkartenwerbung („priceless“ und so weiter). Große Emotionen in Hockenheim…

Sonntag – Der Rückschlag

Vom Sonntag kann ich keinen eigenen Erlebnisbericht liefern. Da ich meine Bachelorarbeit am folgenden Montag abgeben musste, bin ich samstagabends zurück nach Stuggi gefahren. Der Spruch: „Geh, wenn es am schönsten ist“ trifft das Timing meiner Abreise leider perfekt. Sonntagmorgens brach beim Testen der Antrieb unserer Ölpumpe.

Trotz fieberhafter Reparaturversuche, einem Nachbau des kaputten Teils vor Ort und der Hilfe anderer Teams haben wir den Öldruck nicht mehr über den Atmosphärendruck bekommen. Ohne Öldruck konnten wir den „Endurance“, die Königsdisziplin über 22km auf Zeit, nicht starten. Unser Ziel, bester Newcomer zu werden, geriet so außer Reichweite. Das ist besonders bitter, da wir ein deutlich schnelleres Auto (und einen deutlich besseren Business Plan *g*) hatten als die Konkurrenz. So endete unser Wochenende leider in moll.

Heute, es ist mittlerweile September, wiegt der Ausfall in Hockenheim nicht mehr so schwer. Wir, 40 Studenten, haben ein schnelles Rennauto gebaut! Ein komplettes Auto! In der Firma brauchen tausende dazu 5 Jahre, wir haben es – mit allen Imperfektionen – in 1,5 Jahren geschafft. Zugegebenerweise verbauen wir (wir = Daimler) nicht ganz so viel Panzertape pro Fahrzeug, aber ich bin jedesmal wieder fasziniert, wenn ich unser kleines Baby sehe. Ich hoffe, dieser Funke springt durch diesen Bericht und die Fotos auch auf Unbeteiligte über. Unsere neue Saison startet so langsam, so dass demnächst im Konzern wieder das ein oder andere Telefongespräch mit Worten wie: „Formula Student“, „Unterstützung“, „Daimler DH-Studenten“ usw. beginnen dürfte…

Bis dahin, keep racing!

Hier geht’s zu Impressionen auf Slideshare.


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