Auf dem Weg zur Formula Student Germany 2009

Vorhang auf für meinen Blick auf die Formula Student Germany 2009:

Eine Werkstatt. 10 Menschen mit verschränkten Armen und angespannten Gesichtern stehen im Kreis. In ihrer Mitte ein Gestell, darin montiert ein Motor. Leitungen und Kabel erzeugen ein Wirrwarr. Es erinnert an einen Patienten auf der Intensivstation. Einer steht mit dem Feuerlöscher im Anschlag da. Wir versuchen zu starten. Der Anlasser dreht, der Motor hustet, keucht, stirbt wieder ab, berappelt sich, läuft. Jubel!

So würde das erste Mal, das wir unseren Motor gestartet haben, wohl in einer Regieanweisung stehen. Wir, damit meine ich BA Engineering, das Formula Student Team der DHBW Stuttgart. Ich selbst bin DHler bei der Daimler AG im Studiengang „International Business“, 6. Semester und seit Oktober 2008 bei BA Engineering an Bord. Im Moment sitze ich in unserer Werkstatt am Rotebühlplatz auf dem Sofa und beobachte, wie unser Auto für die morgige erste Testfahrt vorbereitet wird. Aber erstmal der Reihe nach:

Motor im Prüftsandsgestell

Seit Januar wissen wir, dass wir im August in Hockenheim auf die Jagd nach Zeiten und Wertungspunkten gehen werden. Klingt einfach, ist es aber nicht. Es gibt 78 Startplätze in Hockenheim. Am 16. Januar 2009 um 13:00:00 MEZ wurde die Anmeldung im Internet freigeschaltet, ab 13:00:08 gab es nur noch Plätze auf der Warteliste zu gewinnen. Noch mal in aller Deutlichkeit: Nach 8 Sekunden war Formula Student Germany ausgebucht und wir sind dabei!!! Alles andere wäre auch eine Katastrophe gewesen, denn im Januar war unser Auto schon so gut wie fertig konstruiert und konnte im CAD bereits bewundert werden. Da ging mein Job im Team erst so richtig los. Denn außer Daten im CAD existierte nichts! Als Daimler DHler versuchte ich selbstverständlich, meine Verbindungen ins Unternehmen zu nutzen, um Unterstützung für unser Projekt zu bekommen. Erste Versuche machten schnell klar: Einfach melden und Kontonummer angeben läuft nicht. Nachvollziehbar, denn beim Daimler hat wohl jedes Formula Student Team in Deutschland schon nach Geld angefragt. Stattdessen lautete die Devise: Abteilungen, die uns helfen könnten, finden, anschreiben, für unser Projekt begeistern und dann Termine organisieren, Sponsoringvertrag aufsetzen usw.

Zusammen mit den 10 technischen Daimler DHlern im Team konnten wir so viele Abteilungen begeistern, dass heute der Daimler Aufkleber groß auf unserem Auto prangt. Wir haben unseren Motor mit der Hilfe von Daimler appliziert, haben die Form für unsere Außenhaut im Rapid Prototyping Verfahren bei Daimler gefertigt, unseren Abgaskrümmer gebogen und geschweißt, Teile der Aufhängung gefertigt und vieles mehr… Mit unseren Daimler Kontakten, der Hilfe vieler anderer Firmen auf- und abwärts des Neckars und durch unermüdliche Arbeit in unserer Werkstatt ist so ein formschöner Renner namens SLEEK entstanden.

SLEEK auf dem Schlossplatz

Vor zwei Wochen haben wir SLEEK der Öffentlichkeit vorgestellt. Die Vorbereitungen für den Empfang von 300 Gästen waren aufwändig und die Fertigstellung von SLEEK hätten auch unsere Freunde aus Japan nicht besser „just in time“ hinbekommen. Aber: Der kurze Augenblick, in dem Scheinwerfer die Dunkelheit zerschnitten, das Gitarren Riff in Jamiroquai’s „Deeper Underground“ die Stille füllte und das Tuch langsam von SLEEK glitt, in diesen Sekunden fühlte man, warum man dabei ist und diese Sekunden kann man nicht vergessen.

Jetzt liegt SLEEK wieder in Einzelteilen in der Werkstatt. Öl tropft aus dem offenen Motor. Benzindämpfe wabern in der Luft, irgendwas hat beim Tank Leerpumpen nicht geklappt… Gut, dass die Flex ihre Funken ein paar Meter weiter weg versprüht. Der Rahmen liegt ohne sein Innenleben auf einem Tisch, ein paar Kabel hängen müde heraus. Zum Beat der dezenten Elektromusik wird geschraubt, geflucht, angepasst, vermessen und gescherzt.

SLEEK kurz vor der ersten Fahrt

In drei Wochen ist es soweit – den Formula Student Circus zieht es nach Hockenheim. Nicht nur die Techniker werden dann prüfend ihre Teile im Blick haben, auch wir Wirtschaftler treten dann zu den sogenannten „Static Events“ an. Dafür bereiten wir einen Business Plan vor, den wir vor einer Expertenkommission präsentieren werden. Schön, die Dinge aus den Vorlesungen mal anwenden zu können. Nur schlecht, dass im Skript nicht steht, wie viele Autos wir im Jahr verkaufen können, was ein Weekend Racer bereit ist, für unseren SLEEK zu zahlen, wie wir eine Produktion am besten organisieren, wie wir dem Kunden die technischen Vorzüge unseres Autos am besten vermitteln, usw… Was kostet es eigentlich, unser Auto in Kleinserie zu produzieren? Um das herauszufinden, mussten wir jedes verbaute Teil und jeden Fertigungsprozess akribisch beschreiben und so unsere Kosten berechnen. Auch für die Produktionskosten werden Wertungspunkte verteilt. Im dritten Static Event, der Design Presentation, werden wir unsere technischen Highlights erklären und die Konstruktion erläutern und verteidigen. Denn auch hier gibt es wieder viele Punkte zu gewinnen.

Aber jetzt zählt erst einmal, dass das Auto morgen fährt. Deshalb ist jetzt fürs erste genug gebloggt. Auch für einen BWLer wie mich findet sich heute etwas zu schrauben. Und wenn nicht, der Business Plan kann immer ein bisschen Aufmerksamkeit vertragen…


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