INTERVIEW: Bessere Umweltbilanz durch „GreenIT“

Hartwig Faber leitet bei Daimler innerhalb der ITM (Information Technology Management) den Bereich ITI (IT Infrastruktur und Betrieb). Er hat das Projekt „GreenIT“ initiiert. „GreenIT“ steht für den bewussten Umgang mit der Ressource Energie über alle Aspekte der Informationstechnologie hinweg. ITM leistet mit dem Projekt „GreenIT“ einen Beitrag zum Umweltschutz und reduziert gleichzeitig die Betriebskosten.

Wie ist das Projekt GreenIT entstanden?

Zunächst ist es wie oft im Arbeitsalltag: es müssen Kosten eingespart werden. Wenn man dann Ideen sammelt und mal ausrechnet, was z.B. ein moderner Drucker kostet gegenüber einem Alten, was er an Papier und Energie verbraucht und was ganz real an CO2-Ausstoß vermieden wird – und das dann noch mal 1.000 oder mal 10.000 nimmt. Hochgerechnet über mehrere Jahre kommen da richtig große Beträge raus in Tonnen CO2 , die nicht ausgestoßen werden und Millionen Euro für Strom-Kosten, die nicht gezahlt werden müssen. Und das nur für Drucker! Es wird schnell klar, dass wir hier aus der IT heraus mehr tun können und auch mehr tun müssen… Und so ist unser Projekt „GreenIT“ entstanden.

Um was geht es bei GreenIT?

Ganz kurz gesagt: „Ökonomisch denken – ökologisch handeln“. Wir können hier etwas für unsere Umwelt tun und gleichzeitig Kosten senken. Weltweit verursacht die IT derzeit etwa zwei Prozent des gesamten CO2-Ausstoßes. Das entspricht der Emission des gesamten Flugverkehrs weltweit. Diesen Vergleich findet man heute bereits an vielen Stellen, er zeigt aber sehr anschaulich die gewaltige Dimension an CO2-Einsparpotential in der IT, dem wir hier gegenüberstehen.

Dieser Vergleich zeigt aber noch etwas anderes. Es gibt da 98% an CO2-Ausstoß, der nichts mit IT zu tun hat. Wenn wir es schaffen, mit Hilfe intelligenter IT-Lösungen in diesen Nicht-IT-Bereichen ebenfalls Energieeinsparungen zu erzielen, dann haben wir hier einen noch viel größeren Hebel in der Hand.

Welche konkreten Ziele verfolgen Sie mit dem Projekt GreenIT?

Auf der einen Seite wollen wir unsere gesamte IT-Infrastruktur energiesparender betreiben – also die Rechenzentren, Netzwerke, PCs, Drucker, Monitore, usw. Ein Thema dabei ist die Konsolidierung und Virtualisierung von Rechnern und Speichersystemen. Früher waren 10-20% Rechnerauslastung bereits Spitzenwerte. Trotzdem läuft der Rechner, verbraucht Energie und erzeugt Wärme, die abgeführt werden muss. Heute können wir mit solchen Ansätzen mehrere virtuelle Rechner auf einen real existierenden Rechner setzen. Der Energieverbrauch bleibt annähernd gleich – ebenso die Wärmeerzeugung. Wenn wir also zum Beispiel fünf Rechner virtuell auf einen abbilden können, sparen wir 80% an Energie – und zwar für den Strom und für die Klimatisierung. Ebenso brauchen wir weniger Stellfläche, kommen mit kleineren Räumlichkeiten aus und müssen natürlich auch weniger Rechner beschaffen, die dann nicht produziert, nicht transportiert, nicht gewartet werden müssen …

Ein ganz anderer Ansatz sind unsere Aktivitäten in Richtung Telefon-, Video- und Webkonferenzen. Auch dies sind schöne Beispiele, wie wir mit Hilfe von IT-Lösungen Energie einsparen und den damit verbundenen CO2-Ausstoß reduzieren können. Jeder vermiedene Kilometer mit dem Auto oder gar dem Flugzeug verbessert hier unsere Energiebilanz und schont gleichzeitig unsere Budgets – nicht nur in dieser angespannten Wirtschaftslage.

 

Auf der anderen Seite wollen wir durch den verstärkten Einsatz von IT in den Fachbereichen Ressourcen schonen. In der Fahrzeugentwicklung, zum Beispiel, werden mit Hilfe der IT Fahrzeug-Crashs simuliert. Wir vermeiden damit teure, reale Tests, bei denen bisher mehrere echte Fahrzeuge zu Schrott gefahren wurden, deren Produktion zuvor viel Energie verbraucht hat. Oder nehmen sie die Virtual Reality. Auch hier werden durch IT-Systeme reale Welten simuliert, was es uns ermöglicht, mit Alternativ-Modellen von Baugruppen und Teilen zu arbeiten, lange bevor sie real produziert werden. Oder die digitale Fabrik, die bereits Teile „produziert“ und Produktionsabläufe abbildet, lange bevor die Bagger zum Bau der Fabrik mit der Arbeit beginnen.

Ein ganz wichtiger Aspekt darüber hinaus ist es, das Umweltbewusstsein bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu erhöhen. Jeder von uns kann was tun, denken wir nur an solche „Kleinigkeiten“ wie das Licht oder den PC am Abend auszuschalten.

Mit welchen Mitarbeitern stemmen Sie das Projekt?

Wir haben für GreenIT einen Projektleiter gewonnen, der diese Aufgabe zusätzlich zu seiner Linienfunktion mit einem kleinen Backoffice vorantreibt. Unsere Kompetenzteams aus den Standorten tragen mit ihrem Know-how dazu bei, dass die IT-Landschaft besser genutzt wird. Sie tauschen Erfahrungen aus und bringen Innovationen in den IT-Betrieb. Daneben gibt es in allen Bereichen unseres Unternehmens hoch engagierte Kolleginnen und Kollegen, die ihr eigenes Fachgebiet mit Unterstützung der IT energieeffizienter gestalten. Viele meiner genannten Beispiele sind ja keine IT-Themen im eigentlichen Sinne. Das kann und will die IT nicht alleine stemmen. Hier funktioniert die Zusammenarbeit mit vielen Fachdisziplinen hervorragend.

Wie ist die Vorgehensweise des Projekts?

Im ersten Schritt haben wir Potenziale zur Effizienzsteigerung und Kostensenkung identifiziert und daraus ca. 100 Maßnahmen abgeleitet. Dabei haben wir uns mit anderen Firmen und unseren IT-Lieferanten ausgetauscht. Im zweiten Schritt werden diese Maßnahmen bewertet und umgesetzt. Im Schritt drei messen wir die Ergebnisse mit Hilfe einer „Balanced Scorecard“ und stellen die Nachhaltigkeit fest, indem wir auf Basis definierter Kennzahlen die kontinuierliche Verbesserung unserer Prozesse verfolgen können.

Welche Ergebnisse hat das Projekt bisher erzielt?

Im letzten Jahr haben wir z.B. die Anzahl der Drucker in den Büros und in der Fertigung signifikant reduziert und gleichzeitig gegen aktuelle energiesparende Modelle getauscht. Diese Maßnahme spart uns unter anderem jedes Jahr 13 Millionen kWh Strom oder 910 Tonnen CO2 und ist damit ein ganz konkreter und fassbarer Beitrag für unser GreenIT-Projekt.

Ein anderes Beispiel sind die Einsparungen bei Software-Updates. Bisher wurden sie meist nachts durchgeführt, um die Anwender nicht während der Arbeit zu behindern. PCs und Notebooks mussten die ganze Nacht angeschaltet blieben, auch wenn für die eigentliche Installation nur Minuten benötigt wurden. Inzwischen fahren wir die PCs per Fernsteuerung hoch, spielen die neue Software ein und fahren sie danach wieder herunter.
Seit einiger Zeit setzen wir in Rechenzentren Server ein, deren Umgebung wir virtualisieren. Auf einem physischen Server laufen so mehrere virtuelle Server. Wir sparen damit am Administrationsaufwand, am Platzbedarf, den Anschaffungs- und Wartungskosten sowie dem Energiebedarf für Strom und Kühlung im Rechenzentrum.
Schon jetzt zeigt sich, dass durch diese Konsolidierungsmaßnahmen die IT-Systeme besser ausgelastet sind und sich damit der Energiebedarf gesenkt hat.

Welchen Beitrag kann jeder Einzelne von uns leisten und welche Rolle spielen dabei die Mitarbeiter?

Unsere Mitarbeiter spielen eine sehr große Rolle. Ihr umweltbewusstes Handeln trägt wesentlich zum Erfolg des Projekts bei. Die IT ist ja kein Selbstzweck. Es gibt immer einen Nutzer für ein IT-System, der natürlich auch mit seinem Nutzerverhalten Einfluss auf den Energieverbrauch nimmt. Und dann nutzen viele die IT nicht nur geschäftlich, sondern haben auch zu Hause einen PC, ohne sich immer Gedanken über dessen Energieverbrauch zu machen.
Über 20 Prozent aller Computerausdrucke werden noch am selben Tag weggeworfen. E-Mails werden zum Lesen immer noch ausgedruckt und landen dann im Papierkorb. Aus meiner Sicht wären über 40 Prozent des Druckaufkommens vermeidbar. Auch hier muss man die Kette weiterdenken: ein Baum muss gefällt und dem Produktionsprozess zugeführt werden, selbst Altpapier muss erst eingesammelt und ebenfalls dem Produktionsprozess zugeführt werden. Alles das kostet Energie und belastet unsere Umwelt. Doppelseitig auszudrucken ist noch nicht überall Standard.

Auch das Nutzen von Video- und Telefonkonferenz-Systemen anstelle der Dienstreise sind Beiträge jedes Einzelnen, Stromverbraucher abzuschalten, wenn man den Raum verlässt, spart Energie. Es gibt viele – oft vermeintlich kleine – Dinge, die aber in Summe ganz gewaltige Potenziale entfachen. Gerade in großen Unternehmen wie dem unserigen können wir alle gemeinsam wirklich was bewegen. Ich freue mich daher sehr über dieses vielfältige Interesse an unserer GreenIT-Initiative, in der wir Engagement bündeln und viele Kolleginnen und Kollegen zusammenarbeiten, um uns hier gemeinsam voranzubringen



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