Virtuelle Zertifizierung – Virtual Reality bei Mercedes-Benz

Wachsende Modellvielfalt und Produktkomplexität erfordern innovative Lösungen. Der Einsatz von Virtual Reality ermöglicht (entlang der Entwicklungsabläufe und Meilensteine) die Absicherung bzw. Untersuchung ohne den Einsatz von Hardware und ist daher in der Lage in einem frühen Stadium wichtigen Entwicklungsschritten oder bedeutenden Entscheidungen einen Beitrag zu leisten. Im Blog wurden bereits Beiträge über die Bedeutung der digitalen Entwicklung verfasst. Diesen möchte ich meine persönliche Erfahrung hinzufügen.

Virtual Reality CenterNach meinem Einstieg in das Virtual Reality Center (VRC) im März 2008 beschäftigte ich mich mit dem gesamten Portfolio und war begeistert von der Aufgabenvielfalt und der engen Zusammenarbeit mit den verschiedenen Bereichen im Mercedes-Benz Technology Center, wie beispielsweise dem Design, die einzelnen Baureihen und dem After Sales. Eine Vielfalt von Möglichkeiten durch VR erstreckt sich über die Phasen der PKW Entstehung. So ermöglicht ein digitaler Prototyp, alle wesentlichen Funktionen des Fahrzeuges darzustellen und beispielsweise Crashverhalten, Baubarkeitszustände, Ergonomieabsicherung, Fahrsimulation oder Strömungsvisualisierung zu beschreiben und zu simulieren.

Einsatzfelder der Virtual Reality

Wirklichkeitsnahe zwei- oder dreidimensionale Darstellungen des gesamten Fahrzeuges oder von Teilen veranschaulichen die Berechnungs- und Simulationsergebnisse.

Zertifizierung Virtual RealityZurück zum Thema virtuelle Zertifizierung. Ausgehend von dieser Tatsache, entstand letztes Jahr im April die Idee – nach dem Prinzip “Vorhandenes Einsetzen“ – das Portfolio vom VRC durch die virtuelle Zertifizierung zu erweitern.

Ziel der virtuellen Zertifizierung ist dabei die Abnahme des jeweiligen Fahrzeugs ohne den Einsatz von Hardware/Prototypen sondern rein durch das virtuell aufbereitete Modell. Nach Rücksprache mit meinem Teamleiter Hr. Jäger und dem Fachbereich der PKW Zertifizierung erhielt ich den Startschuss für das Projekt “VRZ – Virtual Reality Zertifizierung“.

Das Ziel war die Fahrzeugtypzertifizierung (zunächst nur das Exterieur), der aktuellen E-Klasse Limousine (genau: BR 212 ECE) in den folgenden Disziplinen:

  1. Außenkante nach ECE-R26: Prüfung Außenbereich von Radien und Kanten.
  2. Radabdeckungen nach EG 78/549: Prüfung der Überdeckung von den Randkanten.
  3. Kennzeichen nach 70/222 EWG: Prüfung vom Abstand zwischen Kennzeichenschild und Fahrbahn sowie der Neigung.

Die bereits vorhandenen Konstruktionsdaten von der BR212 wurden uns vom Fachbereich zur Verfügung gestellt und waren die Basis für die Aufbereitung der virtuellen E-Klasse. Alle Modellreihen wie Avantgarde, Elegance und Classic waren Bestandteil des VR-Modells und ermöglichten die unterschiedlichen Bauteile (Kühlermaske, Stoßfänger, Zierleiste, Auspuffblende, etc.) bequem per Mausklick zu schalten. Zusätzlich wurde die Szene mit Hilfsgeometrien (100mm Kugel und 30 Grad Kegel), die für die Messung der genannten Disziplinen erforderlich sind, bereichert. Diese werden bei der “nichtvirtuellen Zertifizierung“ als Prüfelemente eingesetzt. Durch die Verfeinerung der Szene mit einem passenden Hintergrundbild (Parkhaus Deck) war uns Pilotfahrzeug für die Zertifizierung gewappnet.

Pilotfahrzeug

Im Juli war es soweit. In Anwesenheit vom TÜV und dem Zertifizierungsbereich visualisierten wir das 1:1 Modell an die Powerwall. Auf diese Art ermöglichten wir die die Messung bzw. Prüfung der Disziplinen. Der Vorteil lag sozusagen in der Hand, durch die Mike (Steuerelement für die Powerwall) konnte der Prüfer die Hilfsgeometrien an den kritischen Bereichen ansetzen, das Fahrzeug in die gewünschte Position drehen und direkt messen. Auf Anweisung visualisierten wir die Unterschiede der Ausstattungsvarianten. Nach einer zweistündigen Prüfung waren alle Anwesenden, ganz besonders ich, über die positive Resonanz sehr glücklich, denn zum einen wurden alle Vorgaben erfüllt und zum anderen erhielten wir ein tolles Feedback.

Kurze Zeit später folgten weitere Zertifizierungen wie beispielsweise die Modellpflege der S-Klasse (BR 221). An diesem Termin nahm neben dem TÜV auch das Kraftfahrtbundesamt teil um die “Daimler Methode“ zu inspizieren. Im Januar 2009 folgte die Zertifizierung vom E-Kombi (S212) in Anwesenheit vom TÜV, Kraftfahrtbundesamt und Verkehrsministerium.

Virtual Reality PowerwallWichtig ist zu wissen, dass in der Regel der Lebenszyklus eines Fahrzeugs 7 Jahre beträgt. In diesem Zyklus durchläuft diese Baureihe neben dem Neuanlauf (Markteinführung) auch weitere Phasen wie die Modellpflege (auch Facelift genannt) sowie die Einführung von diversen Paketen (AMG, Sportpaket, …). Hinzukommt die Variantenvielfalt der einzelnen Fahrzeuge (Limousine, Kombi, Cabrio, …), dies ergibt in Summe eine Vielzahl von Zertifizierungen pro Baureihe! Erwähnenswert sind zum Abschluss die vorliegen Vorteile. Die Zertifizierung ist nicht an fertig produzierte Fahrzeuge gebunden und kann zu einem früheren Stadium (Quality Gate) erfolgen, dies spart Zeit und garantiert einen höheren Reifegrad unserer Produkte. Von Bedeutung ist auch, dass Änderungen in diesem frühen digitalen Stadium einfacher umzusetzen sind und kaum kostenintensive Maßnahmen nach sich ziehen.

Das Projekt “VRZ-Virtual Reality Zertifizierung“ wurde zur “Succes Story“ für mich und das VRC sowie eine neue Innovation von Mercedes-Benz Cars.


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