Gottlieb Daimler (III): Ein Motor geht in Serie

3. Teil der Serie zum 175. Geburtstag von Gottlieb Daimler. Bereits erschienen: „Die frühen Jahre – vom Büchsenmacher zum Krisenmanager“ und „Ein Traum mit 100cm³„.

Schneller als auf der Straße setzte sich der von Daimler und Maybach konstruierte Motor auf dem Wasser durch. Am 9. Oktober 1886 meldet Daimler bereits seine „Einrichtung zum Betriebe der Schraubenwelle eines Schiffes mittels Gas- oder Petroleumkraftmaschine“ zum Patent an und präsentiert seine Boote mit diesem Antrieb bei verschiedenen Anlässen.

Auf das größte Interesse stößt die neue Antriebsquelle vor allem in Hamburg, wohin Daimler nun die Bootsmotoren in großer Stückzahl liefert. Das Gartenhaus wird für die vielfältigen Aktivitäten allmählich zu eng. Daimler macht sich also auf die Suche nach einer geeigneten Fabrikationsstätte. Bald wird er fündig in der Nähe seiner Wohnung auf dem Seelberg in den Bauten einer zum Verkauf stehenden Vernickelungsanstalt. Im Juli 1887 beginnen die Arbeiten in der neuen Fabrik mit 23 Arbeitern. Hier hat jetzt auch Maybach sein Konstruktionsbüro, Karl Linck führt den kaufmännischen Bereich.

Fabrikhalle Seelberg

Daimler wird von nun an sehr aktiv, um seinen Motor zu Lande, zu Wasser und in der Luft bekannt zu machen. Er baut mit Zustimmung des Gemeinderates eine kleine, von seinem Motor angetriebene Bahn für die Strecke vom Cannstatter Kursaal zum Wilhelmplatz. Auf dem Feuerwehrtag 1888 in Hannover erregt eine motorbetriebene 4-PS-Feuerspritze großes Aufsehen, und das vom Leipziger Buchhändler Wölfert konstruierte Luftschiff fährt mit Hilfe der „Standuhr“ die vier Kilometer von Cannstatt nach Kornwestheim. Es zeigt sich aber, dass der Einzylinder für etliche Einsatzgebiete noch zu schwach ist. Maybach entwirft einen Zweizylinder auf der Basis der „Standuhr“. Der neue Motor in V-Form mit einem Zylinderwinkel von 17° leistet 2 PS bei knapp über 600 Umdrehungen und erschließt neue Einsatzmöglichkeiten. Er wird in dem von Wilhelm Maybach 1889 konstruierten „Stahlradwagen“ eingesetzt. Es ist eine Automobilkonstruktion, die maßgeblich – vor allem in Frankreich – die Weiterentwicklung des Automobils prägt. Dort wird der Wagen anlässlich der Weltausstellung in Paris 1889 präsentiert.

Daimler Stahlradwagen

Max Duttenhofer, Generaldirektor der Köln-Rottweiler Pulverfabriken, und Wilhelm Lorenz, Vorstand einer Patronenfabrik in Karlsruhe, beschwören Daimler immer wieder, er müsse eine breitere finanzielle Grundlage für seine epochemachende Erfindung schaffen. Nach einem Vorvertrag vom 14. März 1890, der Daimlers Erfindungen in der projektierten Gesellschaft bestmöglich absichern soll, wird schließlich am 28. November 1890 eine neue Firma ins Leben gerufen, die „Daimler-Motoren-Gesellschaft“ (DMG). Daimler hält – wie Duttenhofer und Lorenz auch – mit 200 Aktien ein Drittel des Grundkapitals von insgesamt 600.000 Mark. Außerdem wird ihm zugesichert, dass seine engsten Mitarbeiter, Wilhelm Maybach und der Buchhalter Karl Linck, in den Vorstand berufen würden. Doch diese Zusage wird nicht eingehalten. Verärgert verlässt Maybach am 11. Februar 1891 die Gesellschaft, Linck folgt ihm ein halbes Jahr später.

Wilhelm Maybach

Mit Maybach verlässt der technisch fähigste Kopf die Gesellschaft. Sein Nachfolger, Max Schrödter, versteht von Verbrennungsmotoren nur wenig, die Firma gerät zunehmend in unruhiges Fahrwasser. Die bereits im Gründungsjahr von 22 auf 163 Mitarbeiter vergrößerte Belegschaft erweist sich für den komplizierten Maschinenbau als wenig qualifiziert. So sinkt die Produktivität während die Zahl der Reklamationen steigt. Es schmerzt Daimler sehr, dass die Firma ihr Potenzial nicht für die Vervollkommnung seines Motors einsetzt, sondern sich mit der Entwicklung anderer Produkte verzettelt. Die Verluste im dritten Geschäftsjahr in Höhe von 140.000 Mark eliminieren die Gewinne der ersten beiden Jahre völlig.

Daimler will diesen Tendenzen entgegensteuern und schließt 1891 einen geheimen Vertrag mit Maybach ab, um die Entwicklungsarbeiten in seinem Sinne fortzuführen. Zunächst benutzt Maybach seine Wohnung als Konstruktionsbüro, wo er ein neues Automobil entwickelt. Es sollte der „Riemenwagen“ werden. Als Produktionsstätte mietet Daimler den stillgelegten Gartensaal des Hotels Hermann in Cannstatt. Mit zwölf Arbeitern und fünf Lehrlingen stürzt sich Maybach auf neue Aufgaben. In jener Zeit entstehen der Spritzdüsenvergaser, der Urahn aller Vergaser, und auch einige Neuerungen am Kühlsystem, denn die unzureichende Motorkühlung ist eines der größten Probleme, die es zu lösen gilt.

Gartensaal Hotel Hermann

Die bedeutendste Schöpfung Maybachs ist aber ein Motor, der „Phoenix“ genannt wird. Motoren dieser Bauart – seine Zylinder sind stehend nebeneinander angeordnet und in einem Block gegossen – sollten später zum „motorischen“ Rückgrat der DMG werden. In diese Zeit fällt auch der Bau einer Werft am Neckar, die dem Bau von motorisierten Booten dient.

Derweil gerät die Position Daimlers in seiner Firma zusehends ins Wanken. Im März 1893 verliert er seine Stellung als technischer Leiter und bleibt nur noch Aktionär und Mitglied im Aufsichtsrat. Auch das Privatleben Daimlers erfährt eine bedeutende Änderung: Am 8. Juli 1893 heiratet er seine zweite Frau, Lina Hartmann, und beide unternehmen ihre Hochzeitsreise nach Chicago zur dortigen Weltausstellung. Dort hat der Daimlersche Lizenznehmer, William Steinway, der bereits seit 1888 Kontakte nach Cannstatt pflegt, eine ganze Palette der Produkte der DMG in Auftrag von Daimler ausgestellt. Darunter befand sich auch der von Maybach konstruierte „Stahlradwagen.“ Es ist das erste Automobil in den USA.

Gottlieb Daimler & Lina Hartmann

Der Abstieg der DMG ist indessen nicht zu bremsen. In dieser Lage beschaffen Duttenhofer und Lorenz, ohne Wissen von Daimler, einen Kredit über 385.000 Mark, und als die Bank die Rückzahlung anmahnt, drohen sie Daimler mit einem Konkurs über das Gesellschaftsvermögen. In diesem Falle würden sie aus der Konkursmasse alle Aktien erwerben. Als Alternative soll sich Daimler mit 66666,66 Mark abfinden lassen. Daimler stimmt zu, um nicht als „Bankrotteur“ seinen allseits guten Ruf zu verspielen. Am 10. Oktober 1894 verlässt er die DMG. Dieser Schritt sollte aber der Gesellschaft nicht zum Vorteil gereichen. Die DMG liefert nur noch wenige Fahrzeuge mit zudem erheblichen Mängeln aus.

Fortsetzung folgt.


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