INTERVIEW: Daimler Türk-Treff

Nejdet Niflioglu ist Leiter des ältesten und größten Mitarbeiternetzwerks in Deutschland. Sein Netzwerk, der Daimler Türk-Treff umfasst mittlerweile mehr als 300 Mitglieder. Der Daimler Türk-Treff ist eine Kommunikationsplattform zum Abbau von Vorurteilen und versteht sich als Netzwerk für erfolgreiche Integration ausländischer Mitarbeiter. Der Frauenanteil beträgt mehr als 25%. Das Netzwerk ist somit ein Vorbild für die Diversity-Aktivitäten des Daimler Konzerns.

Seit wann besteht dieses Mitarbeiternetzwerk?

Nedjet NifliogluDer Daimler Türk-Treff hat sich in den frühen 90ern aus einer losen Zusammenkunft von sechs türkischstämmigen Angestellten gebildet. Die Gründungsväter sind heute noch aktive Netzwerker, obwohl manche von ihnen bereits im Ruhestand sind. Zunächst haben wir versucht, türkischstämmige Kollegen zu finden, die nicht dem typischen Bild des „Türken am Fließband“ entsprachen.

Deshalb haben wir bewusst nach türkischstämmigen Kollegen mit akademischem Hintergrund gesucht. Wir waren damals selbst überrascht, wie viele das waren.
Die ersten Jahre haben wir dann gezielt dazu genutzt, die persönlichen Netzwerke jedes einzelnen Mitglieds in die Strukturen unseres Mitarbeiternetzwerks zu integrieren.

Was meinen Sie damit?

Wir haben sehr schnell festgestellt, dass unsere Mitglieder bereits tolle gesellschaftliche Engagements vorweisen können: Gründer und Vorsitzende von Studentenorganisationen, Vereinsvorsitzende und Menschen mit hoher sozialer Kompetenz. Diese einzelnen Beziehungsgeflechte wurden dann nun im Türk-Treff miteinander vernetzt.

Welche Vorteile sehen Sie darin für ein Unternehmen wie Daimler?

Über unsere Mitglieder haben wir ständig einen direkten Zugang zu Studentenvereinigungen, zu Hochschulen und deren Professoren. Solche Verbindungen benötigt ein Unternehmen gerade vor dem Hintergrund der Globalisierung ganz dringend. Beispielsweise für die Anwerbung von gut ausgebildetem Nachwuchs.
Darüber hinaus pflegen wir sehr gute Kontakte zu Wohltätigkeitsorganisationen, verschiedenen Vereinen und Verbänden, zu politischen Organisationen oder auch zu diplomatischen Vertretungen. Solche Verbindungen erhöhen die Akzeptanz in der Öffentlichkeit.

Wie wird der Daimler Türk-Treff in der Öffentlichkeit wahrgenommen?

Im Laufe der 16 Jahre, die unser Mitarbeiternetzwerk nun aktiv ist, hat es sich zu einem wichtigen und hierarchieunabhängigen Ansprechpartner entwickelt.
Der Daimler Türk-Treff dient als zentraler Anlaufpunkt für alle Themen, die die türkischstämmigen Mitarbeiter betreffen.
Wir werden als Kommunikationsplattform wahrgenommen und tragen zum Abbau von Vorurteilen und zur erfolgreichen Integration ausländischer Mitarbeiter bei.

Können Sie uns einige Beispiele dafür nennen?

Vor einigen Jahren hatte eine Fernsehproduktionsfirma angefragt, ob es in unserem Unternehmen eine türkische Familie gibt, die bereits in der dritten Generation beim Daimler arbeitet. Wunschgedanke für die „Familienkarriere“ war:
Der Großvater sollte als Bauer aus Anatolien nach Deutschland eingewandert sein und als Hilfskraft bei Daimler angefangen haben. Sein Sohn sollte hier eine Berufsausbildung gemacht haben und als Facharbeiter angestellt sein. Am Ende sollte dann der Enkel, als studierter Ingenieur, ebenfalls bei Daimler arbeiten. Eine solche Wunschfamilie würde dann in einer Fernsehproduktion unter dem Titel „Wie leben Ausländer in Deutschland?“ porträtiert.

Und, konnten Sie eine solche Familie im Unternehmen finden?

Wir haben sogar mehrere solcher Familien benennen können. Insgesamt schlugen wir drei oder vier Familien vor, die auch alle mit den Filmaufnahmen einverstanden waren. Eine dieser Familien wurde dann tatsächlich für die Fernsehdokumentation porträtiert.

Welchen positiven Aspekt hat das für die Integration?

Welches Unternehmen hat denn noch solche Mitarbeitergeschichten zu erzählen? Die Beschäftigung in der dritten Generation beim selben Arbeitgeber ist eine tolle Erfolgsstory, auf die wir gemeinsam sehr stolz sein können. Diese Familien fühlen sich in unserem Unternehmen wohl und sie fühlen sich dem Unternehmen verbunden. In einem Interview sagte einer unserer türkischstämmigen Kollegen: „…die Integration innerhalb der Werksgrenzen ist besser gelungen, als außerhalb…“ Das deckt sich übrigens mit der Schlagzeile der Esslinger Zeitung vom 29. August 2007 „Motorenwerk als Vorbild für Integration“. Gemeint war damit das Powertrainwerk Untertürkheim.

Sie kennen das genaue Datum der Schlagzeile?

Daimler Türk-TreffJa, denn am Tag zuvor hatten wir den Generalsekretär der CDU Ronald Pofalla zu Gast im Werk Untertürkheim. Wir wurden kurz zuvor von der Bundeszentrale der CDU angefragt, ob wir mit Herrn Pofalla das neue Grundsatzprogramm seiner Partei diskutieren würden. Dieser Termin lag vor dem Termin des Bundesparteitages der CDU in Hannover.

Bildunterschrift: Hakan Sidal, Mitarbeiter Werk Untertürkheim, Ronald Pofalla, Generalsekretär der CDU, Dr. Dieter Zetsche, Vorstandsvorsitzender Daimler, Nejdet Niflioglu, Leiter des Netzwerkes für die türkischstämmigen Mitarbeiter und Kemal Kabalakli, Mitarbeiter Werk Untertürkheim, 28.08.2007

Was hat das für ihr Netzwerk bedeutet?

Dass hier ein historisches Ereignis stattfand. Zum ersten Mal wurde das Grundsatzprogramm einer deutschen Regierungspartei mit türkischstämmigen Mitarbeitern eines Unternehmens diskutiert, bevor es der Parteibasis vorgestellt wurde. Das hat uns sehr stolz gemacht.

Wie ist die Akzeptanz im Unternehmen?

Der Türk-Treff ist sowohl auf Mitarbeiterebene als auch im Top-Management des Daimler Konzerns vernetzt und wird von diesem gefördert. Das Thema Corporate Social Responsibility hat in unserem Unternehmen einen sehr hohen Stellenwert. Ohne die Unterstützung unserer Führungskräfte wäre erfolgreiches Networking nicht möglich.

Wie ist dieser Erfolg zu erklären?

Wir stehen für die gelungene Integration von türkischstämmigen Menschen in unserem Unternehmen. Nicht nur dadurch, dass wir weit über 300 Angestellte, Akademiker und Führungskräfte als Mitglieder haben. Wir haben auch einen sehr hohen Frauenanteil in unserem Mitarbeiternetzwerk. Mit diesen Tatsachen wirken wir bestehenden Vorurteilen entgegen: Nicht jeder Türke arbeitet als ungelernte Hilfskraft und auf die Ausbildung der Töchter wird auch in türkischen Familien Wert gelegt. Bestehende Vorurteile lassen sich nicht in Podiumsdiskussionen abbauen. Lebende Beispiele sind besser als jedes Argument.
Nebenbei bemerkt, ist der Daimler Türk-Treff auch die größte private Initiativ- Organisation türkischstämmiger Menschen in Deutschland.

Gibt es auch Vorurteile von Türken gegen Deutsche?

Es gibt ausländische Eltern, die Ihren Kindern nach dem Studium, oder der Berufsausbildung empfehlen, sich nicht bei Daimler zu bewerben. Sie glauben, dass Menschen mit Migrationshintergrund keine Aufstiegschancen in unserem Unternehmen hätten. Diesem Vorurteil können wir durch unsere bloße Existenz entgegenwirken. Es gibt kein besseres Argument, als unsere Mitgliederliste. Wir leben gelungene Integration vor und beweisen, dass in diesem Unternehmen nicht die Herkunft der Mitarbeiter wichtig ist, sondern ihr Können und ihre Leistung die einzigen Maßstäbe für Ein- und Aufstieg bilden. Das betone ich immer wieder.

Ist das ein politischer Appell?

Nein. Eines unserer Erfolgsgeheimnisse ist, dass politische, religiöse, ideologische und weltanschauliche Themen in unserer Netzwerkarbeit absolut tabu sind. Wir freuen uns wenn unsere Arbeit positive politische Entwicklungen fördert, aber wir betreiben keine Politik innerhalb unseres Mitarbeiternetzwerks. Wir konzentrieren auf den kleinsten gemeinsamen Nenner. Wenn es Ihnen gelingt Geschlecht, Hautfarbe und sexuelle Neigung auszublenden, bleibt mehr Raum für Gemeinsamkeiten.

Das ist das Erfolgsgeheimnis?

Das beste Wissen nützt nichts, wenn man es nicht weitergibt. Deswegen haben wir uns selbst zum Best-Practice-Sharing verpflichtet. Wir möchten unser Wissen und unsere Erfahrung mit anderen Mitarbeiternetzwerken teilen, die Entstehung von weiteren Mitarbeiternetzwerken unterstützen und beim Aufbau behilflich sein. Wir bekamen bereits Anfragen von VW, BOSCH und Thyssen-Krupp. Ein Erfahrungsaustausch kennt keine Barrieren. Für uns ist dies das beste Zeichen der Anerkennung und das motiviert uns für die Zukunft.

Wer berichtete zuerst über ihre Aktivitäten. Die deutschen oder die türkischen Medien?

Als wir mit unserem Netzwerkarbeit starteten waren Vielfalt und Diversity noch nicht in aller Munde. Es fehlten deutschlandweit positive Beispiele für gelungene Integration von türkischstämmigen Menschen. Die türkischen Medien und Diplomaten zeigten sich als erste sehr interessiert an unserer Gruppierung, selbst als sie noch sehr klein war. Für sie waren wir Vorbilder für den gesellschaftlichen Aufstieg der eingewanderten Türken in Deutschland. Mit seiner Teilnahme an unseren Netzwerktreffen machte uns der türkische Generalkonsul dann noch interessanter für die türkischen Medien.
Highlight war eine Coverstory auf der türkische Zeitschrift Sahane mit dem Titel „Der Stolz der Türkei in Deutschland“. Es war ein Bericht über eines unserer jährlichen Netzwerktreffen.

Welche Projekte haben Sie sich für die Zukunft vorgenommen?

Wir möchten verschiedene Arbeitsgruppen gründen, die nicht mit bereits bestehenden Angeboten im Daimler Konzern konkurrieren. Theaterworkshops und Folkloreworkshops könnten zu den ersten Arbeitsgruppen gehören.
Langfristig halten wir es zudem für wichtig, an Bewerbermessen teilzunehmen und unsere Daimler Ausbildungszentren zu besuchen. Mit der Botschaft „Ausbildung lohnt sich; für Euch und für unser Unternehmen“.
Wir wollen weiterhin die zentrale Anlaufstelle für Fragen rund um das Thema Integration und Partizipation sein. Bisher gelang es uns Maßstäbe für Diversity zu setzen. Dieser Tradition fühlen wir uns weiterhin verpflichtet. Immerhin arbeiten wir für das Unternehmen, das die Charta der Vielfalt als eines der Ersten unterzeichnet hat.


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