INTERVIEW: Die Bildung unserer Kinder ist unser einziger Rohstoff

Das Daimler-Blog sprach mit Dr. Ilse Wehrmann, Autorin zahlreicher Fachpublikationen. Die Erzieherin, diplomierte Sozialpädagogin und promovierte Sachverständige für Frühpädagogik begleitet derzeit u. a. den Aufbau der betriebsnahen „sternchen“-Kinderkrippen der Daimler AG.

Frau Dr. Wehrmann, wie kam der Wechsel von der Kirche zur Wirtschaft zustande?

Bis April 2007 war ich Abteilungsleiterin der Bremischen Evangelischen Kirche und dort Geschäftsführerin des Landesverbandes Evangelischer Kindertageseinrichtungen.

Dr. Ilse WehrmannVon 2001 bis 2005 hatte ich auch den Vorsitz des Bundesverbandes Evangelischer Tageseinrichtungen für Kinder (BETA) in Deutschland inne. Weil bereits vor der Jahrtausendwende die Stadt Bremen aufgrund knappen Kassen massive Sparmaßnahmen im frühkindlichen Bereich eingeleitet hatte, habe ich schon damals mit Unternehmen, die in Bremen ansässig waren, Kontakt aufgenommen, um sie zu ermuntern, gemeinsam betriebsnahe Kindertagesstätten aufzubauen. Dabei führte mich mein Weg auch zum Produktionsstandort der Daimler AG in Bremen, wo ich dem dortigen Werksleiter vorschlug, in einem freistehenden Pfarrhaus eine betriebliche Krippe für Kinder von Mitarbeiterinnen der Daimler AG einzurichten.

Er teilte mir mit, dass für den Bereich Betriebskindertagesstätten das Global Diversity Office in der Stuttgarter Daimler-Zentrale zuständig ist. Bereits nach zwei Gesprächen mit Mitarbeitern dieser Abteilung fand im August 2006 ein Workshop zum Thema „Betriebsnahe Kinderkrippen“ statt. Daraufhin bat man mich, ein Krippen-Konzept für alle Produktionsstandorte in Deutschland für die Daimler AG zu entwickeln. Nach der Präsentation hat der Vorstand des Unternehmens beschlossen, dieses Konzept gemeinsam umzusetzen. Ich habe dieses Angebot gerne angenommen, weil ich dadurch Gelegenheit hatte, im frühklindlichen Bereich endlich mal wieder etwas aufzubauen, nachdem ich aufgrund von kommunalen Sparmaßnahmen in Bremen jahrelang gezwungen war, im Elementarbereich erzielte Erfolge zurückzuschrauben bzw. wieder abzubauen.

Wo haben Sie Ihre Anregungen für das Konzept bezogen?

Im Ausland, vor allem in Neuseeland, wo ich den Anstoß bekam zu promovieren. Vor einigen Jahren bin ich im Auftrag der Robert Bosch Stiftung mit zwei Professoren um die Welt gereist, um zu vergleichen, was andere Länder in der frühkindlichen Bildung anders oder besser machen. Wir waren beispielsweise in Skandinavien, Australien, China, Frankreich, England, in der Schweiz – und eben auch in Neuseeland. Damals, im Jahre 2004, habe ich auf dem Rückflug von dort beschlossen, zu untersuchen, warum sich weltweit viele Länder auf das deutsche Kindergartenwesen berufen, aber wir in Deutschland, im Erfinderland des Kindergartens, uns nicht mehr auf unsere Wurzeln besinnen und inzwischen einen enormen Reformstau in der frühkindlichen Bildung und Betreuung haben. Und so reifte mein Entschluss, zum Thema „Reformbedarf“ zu promovieren.

Die Quintessenz daraus war der „Marshallplan für die frühkindliche Bildung“?

Ja, denn wir haben in Deutschland nicht nur ein Vereinbarkeitsproblem, sondern auch ein immenses Bildungsproblem.
Deshalb wollte ich nach meiner Entscheidung, mich beruflich umzuorientieren und mich als Sachverständige für Frühpädagogik selbstständig zu machen, mit der Daimler AG ein umfassendes Krippenkonzept entwickeln, das sowohl strukturell, zum Beispiel beim Personal- und Gruppenschlüssel, als auch inhaltlich, zum Beispiel beim Bildungskonzept, internationalem Niveau entspricht. Im frühkindlichen Bereich sollte vor allem der Bildungsaspekt stärker betont werden, weil er in der Kindergarten-Alltagspraxis immer noch zu wenig berücksichtigt wird. Bei den Null- bis Dreijährigen spielt er so gut wie gar keine Rolle. Man kann auch sagen: Im Elementarbereich stehen nach wie vor Betreuung und Erziehung im Vordergrund, aber nicht die Bildung.

Was ist so wichtig im Alter von null bis drei?

Kinder lernen nie wieder so intensiv wie in diesen ersten Lebensjahren – die Hirnforschung liefert uns dafür immer wieder erstaunliche Beweise. Die Phase von der Geburt bis zum siebten Lebensjahr prägt das spätere Lernen in entscheidendem Maße. Deshalb setzen andere Länder gerade in diesem Zeitraum die am besten ausgebildeten Pädagogen ein.

Welche Länder könnten dafür als Vorbilder dienen?

Australien und Neuseeland. Dort hat man bereits Anfang der 1990er Jahre die frühkindliche Bildung dem Schulministerium unterstellt und ein gemeinsames Studium von Frühpädagogen und Schulpädagogen etabliert. Diese Länder betrachten die Zeitspanne von null bis zehn als eine Einheit, im Gegensatz zu uns, wo nach wie vor zwischen Vorschul- und Schulbereich unterschieden wird und unsere Kinder immer noch Umbrüche erleben: Wir denken in den Kategorien null bis drei, drei bis sechs und danach Schule, während in Australien und Neuseeland eine eher ganzheitliche Sichtweise vorherrscht. Diese ganzheitliche Betrachtung wollte ich auch in das Konzept für die Daimler-Kinderkrippen einfließen lassen.

Denn wir haben in Deutschland vor allem bei Kindern unter drei Jahren einen immensen Nachholbedarf. Nicht ohne Grund sollen bis 2013 rund zusätzliche 750 000 Krippenplätze eingerichtet werden. Mein Konzept setzt genau hier an: Mehr Kinderkrippen einrichten! Die Bereitschaft des Vorstands der Daimler AG, dazu einen Beitrag zu leisten, ist ein Glücksumstand …

… der Maßstäbe setzt?

Es war davon auszugehen, dass das Unternehmen mit seiner Entscheidung, bundesweit an seinen Produktionsstandorten betriebliche Kinderkrippen einzurichten, die Krippenlandschaft in Deutschland ziemlich aufmischen würde. Denn das Konzept setzt bewusst auf Qualität und weist damit ein Alleinstellungsmerkmal auf, das umso mehr zum Tragen kommt, weil diese hohen Qualitätsstandards an allen Standorten in gleich hoher Qualität umgesetzt werden sollen. Dies wird manch anderes Unternehmen zum Nachahmen bewegen.

Was zeichnet dieses Konzept aus?

Dr. Ilse WehrmannEs enthält komplexe Bildungsinhalte zu Naturwissenschaften, Technik, Musik, Kunst und Bewegung. Ein wichtiger Schwerpunkt ist auch die Zweisprachigkeit: Wir arbeiten mit Muttersprachlern nach der sogenannten Inversionsmethode. Dabei spricht eine englischsprachige Erzieherin nur ihre Muttersprache: Sie tröstet auf Englisch, sie wickelt auf Englisch, spielt und lernt auf Englisch. Sie spricht den ganzen Tag nur englisch.

Des Weiteren nehmen wir auch behinderte und von Behinderung bedrohte Kinder auf. Gerade im Zusammenspiel mit gezielter Förderung bietet die erste Lebensphase für diese Kinder sehr große Entwicklungspotenziale. Die Gebühren für die „sternchen“-Krippenlätze sind nach Einkommen gestaffelt, sodass Arbeiterkinder genauso auf wie Kinder von Führungskräften aufgenommen werden können. Ergänzend kommt die gesunde Ernährung hinzu: In allen Einrichtungen wird selbst gekocht. Um nur einige Beispiele zu nennen.

Wie finanziert sich eine „sternchen“-Kinderkrippe? Müssen sich die Einrichtungen wirtschaftlich tragen?

Wir haben eine umfassende Finanzierung, die vorsieht, dass sich die Einrichtungen komplett selbst tragen. Ein Vollzeitplatz kostet pro Monat ca. 1 500 Euro. Die Elternbeiträge schwanken je nach Einkommen und liegen im Schnitt bei 300 Euro monatlich. 500 Euro steuern in der Regel die Kommunen bei, manchmal noch 120 Euro die Länder. Den Rest – zwischen 600 und 800 Euro pro Kind und Monat – trägt der Konzern. Die Mischung von Kindern von Mitarbeitern stark unterschiedlicher Einkommenssegmenten stellt – wie mir Eltern immer wieder bestätigen – eine wichtige soziale Komponente dar, sowohl für die Kinder als auch für ihre Mütter und Väter. Denn wir beobachten, dass Eltern, die im Betrieb funktionell und sozial nicht unbedingt miteinander zu tun haben, durch die „sternchen“-Kinderkrippen zusammengeführt werden.

War die Umsetzung kompliziert?

Nein, überhaupt nicht. Ich hätte es niemals für möglich gehalten, dass ich mich nach einer so langen Zeit im öffentlichen Dienst so schnell mit der Wirtschaft identifizieren könnte. Am meisten verblüfft mich die Geschwindigkeit, mit der Entscheidungen umgesetzt werden. Hier wird tatsächlich ein „chinesisches Tempo“ vorgelegt. Schon im Oktober 2007 wurde in Untertürkheim mit Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen die erste „sternchen“-Krippe eröffnet. Im September 2008 war bereits die fünfte Krippe eingerichtet. Und so wird es weitergehen: Nächstes Jahr sind sechs Neueröffnungen und zwei Erweiterungen vorgesehen. Und im Vergleich zum ursprünglichen Konzept wird aufgrund der hohen Nachfrage die Zahl der Krippenplätze auf 569 nahezu verdoppelt.

Wie sieht die Zukunftsperspektive aus?

Weil Qualitätssicherung ein zentrales Kriterium des Krippenkonzeptes ist, werden wir im nächsten Jahr, wenn alle Einrichtungen laufen, gemeinsam mit der Freien Universität Berlin ein erstes deutsches Krippensiegel entwickeln. Die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) und der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) werden zudem für ihre Mitgliedsunternehmen ein QM-Handbuch herausgeben, das auf Grundlage des Daimler-Qualitätshandbuches für die „sternchen“-Kinderkrippen erstellt wird. Diesem soll später ein QM-Handbuch des Bundesfamilienministeriums für Deutschland folgen, das bundesweit allen Unternehmen und Institutionen als Orientierungshilfe bei der Einhaltung von Qualitätskriterien dienen soll. All dies geschieht vor dem Hintergrund, dass bei der Krippenbetreuung bisher die Quantität im Blickpunkt der Betrachtung stand, die Qualität eher eine untergeordnete Rolle spielte.

Welche Diskussionen müssen in der Öffentlichkeit noch geführt werden?

In Deutschland fand bisher keine Diskussion über privatgewerbliche Träger statt. Meines Erachtens trumpfen sie in Puncto Qualität und Qualitätskontrolle. Denn privatgewerbliche Träger sind es gewohnt, als Produzenten oder Dienstleister kundenorientiert aufzutreten. Diese bedarfsorientierte Grundhaltung haben etablierte Träger von Kindertageseinrichtungen nicht unbedingt internalisiert. Und weil sie das Erfordernis der Vereinbarkeit von Familie und Beruf oft nicht ernst genug genommen und bedarfsorientierte Angebote zur Verfügung gestellt haben, dringen verstärkt private Anbieter in den Markt. Deshalb sollten meiner Meinung nach private Träger den gleichen Anspruch auf finanzielle Unterstützung haben wie freie Träger, d. h. Kommunen sollten auch dort bezuschussen, wo Eltern sich vorzugsweise für eine betriebsnahe anstatt wie bisher für eine wohnortnahe Einrichtung entschieden haben. In diesem Zusammenhang sei angemerkt, dass in Deutschland die Entwicklung und Bildungsbiografie von Kindern in hohem Maße von der Finanzkraft der Kommune, in der sie leben, und der Einsicht ihres Bürgermeisters – letztlich also von ihrem sozialen Status – abhängt. Deshalb kann in Deutschland von Bildungsgerechtigkeit keine Rede sein. Die Daimler AG trägt mit ihrer „sternchen“-Pionierarbeit dazu bei, diesem Misstand entgegenzuwirken.

Wie bewerten Sie Ihre Entscheidung, die sie auf dem Rückflug von Neuseeland getroffen haben, im Nachhinein?

Meine Entscheidung von damals habe ich bis heute nicht bereut. Einen Tag nach meiner Rückkehr aus Neuseeland habe ich seinerzeit der Bremischen Kirche mitgeteilt, dass ich mein Beschäftigungsverhältnis beenden und einen Neuanfang machen möchte, um zusammen mit der Wirtschaft zu zeigen, wie es in Deutschland vorangehen kann. Und ich fühle mich darin bestätigt, dass unser Land diese Dynamik und Entschlossenheit, die die Daimler AG bei der Einrichtung ihrer betrieblichen Kinderkrippen gezeigt hat, dringend benötigt. Insofern wünsche ich mir, dass die „sternchen“-Kinderkrippen in Deutschland ein Zeichen setzen können, sozusagen für die S-Klasse bei der Bildung und Betreuung von Kindern unter drei Jahren.

Bietet das „sternchen“-Konzept auch einen Wettbewerbsvorteil im Kampf um die besten Arbeitskräfte?

Die meisten Unternehmen in Deutschland betrachten betriebliche Kinderkrippen mittlerweile als einen Wettbewerbsvorteil. Bislang jedoch setzt nur die Daimler AG in dieser Konsequenz und Entschlossenheit ein Krippenkonzept um. Und es zeigt sich jetzt schon, dass dieses Engagement zu einer Win-Win-Situation für das Unternehmen und die öffentliche Hand führt: Die Daimler AG profitiert von den zahlreichen Vorteilen, die betriebliche Kinderkrippen bieten, die Kommunen werden bei der Bereitstellung von qualitativ hochwertigen Krippenplätzen entlastet. Gute Qualität setzt gute Rahmenbedingungen voraus. Hier geht die Daimler AG mit gutem Beispiel voran: Ihre „sternchen“-Krippen haben jetzt schon eine Modellfunktion.


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