Über Gretchenfragen und andere Missverständnisse

„In welchem Lehrjahr sind Sie denn?“
„Im Zweiten.“
„Ach, dann sind Sie ja bald fertig!“

Nun, nicht ganz. Dieses Missverständnis begegnet mir in meinem Arbeitsalltag immer wieder, meist gepaart mit milder Verwunderung. Tatsächlich habe ich erst im August 2007 meine Ausbildung zur Industriekauffrau bei Daimler angefangen. Da das erste so genannte „Lehrjahr“ beim verkürzten Ausbildungsgang nur 6 Monate dauert, bin ich nun natürlich offiziell schon im zweiten Jahr, obwohl ich noch fast zwei ganze Jahre vor mir habe.
Alle Klarheiten beseitigt? Es wird noch besser!

Mit meinen 24 Jahren bin ich vielleicht nicht das, was man sich unter einer klassischen Auszubildenden – oder wie wir sagen: „Azubine“ vorstellt.
Oft kommt mir das zu gute, häufig erzeugt es aber genau jene milde Verwunderung, die ich von der Ausbildungsjahr-Gretchenfrage schon so gewohnt bin.

„Was haben Sie denn nach der Schule gemacht, dass Sie jetzt schon 24 sind?“

Ich habe nichts gegen diese Fragen, ganz im Gegenteil. Sie zeigen mir, dass man mich als Person, als ganzen Menschen sieht. Über ehrliches Interesse freut man sich als Azubine schließlich genauso wie jeder andere Mitarbeiter. Hauptberuflich bin ich nämlich Mensch.
Und so antworte ich meist mit einem verschwörerischen Lächeln:

„Ich habe studiert, oder zumindest damit angefangen.“

An diesem Punkt wird es besonders lustig. Die Schultern des Gegenübers straffen sich, die Augenbrauen heben sich mit ehrlichem Erstaunen.
Unglaublich! Sie hat studiert! An einer Universität!

„Oh! Und wieso jetzt nicht mehr…?“
„Japanologie.“
„Ah. …Verstehe.“

Japan-ologie – Japanische Sprache, Kultur, Geschichte und alles, was damit mehr oder weniger entfernt zusammenhängt. In der Regel ist sich mein Gegenüber sehr schnell mit mir einig, dass es ein furchtbar interessantes und anspruchsvolles Fach sein muss. Das ist es auch.
Und eine reichlich blöde Idee obendrein.
Ich bereue nicht, dieses Studium angefangen zu haben, nachdem ich während meiner Schulzeit fast sechs Jahre lang Japanisch gelernt hatte. Mit 12 oder 13 waren meine Begeisterung für japanische Jugend- und Popkultur gepaart mit einem ausgeprägten Interesse für Sprachen mehr als genug Antrieb.
Vokabeln und Schriftzeichen wurden fleißig gebüffelt, ein internationales Sprachzertifikat abgelegt und schließlich stand ich da, mit meinem Abitur und 13 Punkten in Japanisch. Hätte ich danach nicht versucht, Japanologie zu studieren, würde ich mich sicher ein Leben lang fragen, was gewesen wäre, wenn…
Jetzt weiß ich immerhin, dass meine Faszination für das exotische Land und seine Kultur nicht so stark war, wie meine Zuneigung zu der klangvollen, modularen Sprache. Keine guten Voraussetzungen für ein kulturwissenschaftliches Studium.

„Was wären Sie denn dann geworden, wenn Sie fertig studiert hätten?“
„Das fragt sich mein ehemaliger Studienjahrgang leider auch…“

So hat es mich als Mitarbeiterkind schließlich zu Daimler verschlagen und mit meiner Ausbildung bin ich bisher mehr als glücklich.
Meine Kollegen finden es super, dass ich auf Japanisch noch Pizza bestellen kann und meistens bin ich interessant genug, um nicht nur für ein unbeschriebenes, „auszubildendes“ Blatt gehalten zu werden. Ich bin durchaus ein Blatt, auf dem schon die eine oder andere Zeile geschrieben steht. Manchmal auch mit Bild.
Dasselbe gilt für meine lieben Azubi-Kollegen. Wir alle sind jung, voller Hoffnungen und Ängste für die Zukunft, haben unsere eigenen, wenn auch noch nicht so langen Geschichten, Pläne, Leidenschaften und Persönlichkeiten.
Wir sind Menschen, nicht Druckerpapier.

Und jetzt stellen Sie sich mal vor, wie meine Kollegen schauen wenn ich erwähne, dass ich Dudelsack spiele.


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