Vom Kofferfisch zum Mercedes-Benz bionic car

„Boah, supercooles Auto“, bekundet mein 10jähriger Sohn Philipp, als ich ihm auf einer Postkarte den bionic car von Mercedes-Benz zeige, der seit 22. Januar bis 9. März 2008 im Mercedes-Benz Museum ausgestellt ist.

Mercedes-Benz bionic car

Ob er an einem Kinderworkshop zum Thema Bionik teilnehmen will, frage ich ihn. Er hat zwar keine Ahnung, was Bionik ist, aber Mamas Museum findet er super (ich arbeite dort als Guide in der Besucherbetreuung). Als ich ihm verspreche, dass er bei spannenden Experimenten mitmachen kann, ist er gleich ganz Feuer und Flamme.

Vergangenes Wochenende haben Sigrid Belzer und Martin Zeuch von der Technischen Universität Darmstadt den Club, in dem sonst Schulklassen empfangen werden, zum Hörsaal umfunktioniert. Aber in was für einen Hörsaal: Scheinwerfer tauchen den Raum in warmes Orange, Töpfe mit Bambus sorgen für einen Hauch Exotik, fröhlich-bunte Polster laden zum gemütlichen Sitzen ein, auf Tischen aufgebaute Versuche machen neugierig auf die Welt der Bionik.

Kinderuni: Experimente

Ich bin fast ein wenig neidisch auf meinen Sohn – darauf wie lustvoll Kinder heute lernen dürfen. Konzepte wie „Einstein in der Kita“, „Mathe-Kings“ und „Kinderunis“, führen den Nachwuchs in die komplexe Wissenswelt der Erwachsenen ein, kompetent, anspruchsvoll und immer mit großem Spaß- und Erlebnisfaktor. Die 2002 an der Uni Tübingen geborene Idee der Kinderuniversität machte nach dem „Pisa-Schock“ Schule. Seither stürmen europaweit wissensdurstige Kinder zwischen 8 und 14 Jahren die Hörsäle der Universitäten. Mir ist es noch nie gelungen, Philipp bei einer dieser Vorlesungen anzumelden – umso mehr freue ich mich über das Angebot des Mercedes-Benz Museums für insgesamt 180 Kinderstudenten, das ebenfalls schnell ausgebucht war.

Die „Vorlesung“ beginnt mit der Frage, was Bionik eigentlich ist. Mit Philipp und mir haben 29 andere angehende Forscher Platz genommen. Schnell ist geklärt, dass sich das Wort aus den Begriffen Biologie und Technik zusammensetzt und dass es bei der Bionik darum geht, was Ingenieure von der Natur lernen können. Ein Gruppenspiel verdeutlicht Analogien – Philipps Karte mit einem Maulwurf passt zur Karte, die eine Baggerschaufel zeigt, die Libelle passt zum Hubschrauber, der Löwenzahnsamen zum Fallschirm usw. Das Beispiel der griechischen Sage von Ikarus führt den Kindern eindringlich vor, dass man die Natur jedoch nicht einfach nachbauen kann, ohne deren Prinzipien verstanden zu haben: Ikarus kam trotz der Warnungen seines Vaters Dädalus mit seinen Federflügeln aus Wachs der Sonne zu nahe und ertrank im ägäischen Meer.

Kinderuni: Daedalus

Die Kinderstudenten lernen den ersten Bioniker, das Universalgenie Leonardo da Vinci, kennen und finden heraus, wie sehr sie selbst im Alltag von bionischen Erkenntnissen profitieren. Seit nämlich 1951 der Klettverschluss patentiert wurde, müssen sie das Schuhebinden erst gar nicht mehr lernen. Entnervt, dass er nach Spaziergängen mit seinem Hund immer die igelartigen Früchte der Klette mühsam aus dem Fell entfernen musste, schaute sich der französische Ingenieur Georges de Mestral die Klette unter dem Mikroskop genauer an und machte aus dem Widerhaken-Prinzip ein Milliardengeschäft.

Das Spiel „Sinne einschränken“ führt in das Thema „Sinnesorgane und Sensoren“ ein. Basti meldet sich freiwillig. Er soll mit geschlossenen Augen herausfinden, in welcher der drei mit unterschiedlichen Inhalten gefüllten Dosen sich Reis befindet. Schwierig oder gar unmöglich wird es für Basti, als er dicke Ski-Handschuhe anziehen muss und ihm schließlich auch noch Kopfhörer aufgesetzt werden.

Kinderuni: ExperimentPlötzlich herrscht gespannte Aufregung im Raum. Sigrid Belzer kündigt an, sie habe noch jemanden mitgebracht. Es regt sich etwas unter ihrem Vorlesungstisch und heraus kommt – Schwanz wedelnd und bellend – Aibo, der 1999 von Sony entwickelte Fußballroboter.

Unter großem „Hallo“ finden die Kinder schnell heraus, dass Aibo mit einem Infrarotsensor im Kopf Hindernisse erkennt und ihnen ausweicht. Und das allerbeste: er läuft Levins orangefarbenem Kugelschreiber hinterher! Vom elektronischen Spielzeug zurück zur Natur als Lehrmeisterin – zu den Sensoren der Fledermaus. Mit einem weiteren Experiment erfahren die Nachwuchsforscher, wie Fledermäuse mittels Ultraschallwellen ihre Beute finden. Der Brückenschlag zur elektronischen Einparkhilfe im Auto ist schnell gemacht. In den Stoßfängern eingebaute Ultraschallsensoren lösen bei Annäherung an ein Hindernis ein akustisches Signal aus.

Sony AiboJetzt endlich hat die Stunde des Kofferfisches geschlagen – ein Film veranschaulicht die aerodynamischen Eigenschaften des kantigen, würfelförmigen Fischrumpfes und wie nach Versuchen im Windkanal die Metamorphose vom Fisch zur PKW-Karosserie des bionic car vollzogen wurde. Von der Theorie geht es gleich wieder zur Praxis. Philipp und die anderen ertasten an einem echten Knochen eines Wildschweins, auf welche Weise Ingenieure die besonderen Materialeigenschaften und Konstruktionsprinzipien von Tierskeletten auf Autokarosserien übertragen.

Kinderuni: Kofferfisch & PKW

Am Ende der spannenden 90 Minuten nehmen alle den metallic-grünen bionic car fast ein wenig ehrfürchtig in Augenschein. Boris Dontscheff, ein Mitarbeiter des Museums, erläutert nochmals die Besonderheiten und Vorzüge des aerodynamischen, geräumigen, sparsamen, sauberen und agilen Fahrzeugs. Man merkt: alle sind restlos überzeugt.

So ein Auto würden sie gerne fahren, wenn sie mal groß sind. Warum man den bionic car noch nicht kaufen kann, wundert sich Philipp. Mit Expertenausweis und einem Poster als Geschenk verabschieden Sigrid Belzer, Martin Zeuch und die Mitarbeiter des Museums die Kinder – denn an der Türe warten schon voller Ungeduld 30 neue angehende Forscher.

P.S.: Schade, dass fast nur Jungen an dem Workshop teilgenommen haben. Schließlich hat doch schon vor 120 Jahren Bertha Benz auf der legendären ersten Fernfahrt von Mannheim nach Pforzheim der Welt bewiesen, dass Frauen nicht nur Auto fahren können, sondern auch etwas von Technik verstehen!
Der originale Patentmotorwagen von 1888 ist übrigens derzeit als Leihgabe des Science Museum in London im Mercedes-Museum ausgestellt. Also nicht wie hin ins Museum und zwar mit Sohn und Tochter!


Wie bewerten Sie diesen Artikel?
5.0 / 5 (2 Bewertungen)
Bitte warten...

Tags: , ,

drucken

Wollen Sie wirklich das Internet ausdrucken?

Sparen Sie Papier und schonen Sie die Umwelt! Nutzen Sie die Funktionen zum Bookmarking oder zur E-Mail-Weiterleitung.

Ihre Daimler AG

Erst wenn Sie klicken, wird die Schaltfläche aktiv und stellt eine direkte Verbindung mit dem jeweiligen sozialen Netzwerk her. Hierdurch werden Daten an das jeweilige soziale Netzwerk übertragen. Bitte lesen Sie unsere Datenschutzhinweise.

Lesen Sie mehr über das Blog.

Letzte Kommentare

  1. „S 124“ oder eine unerwartete Reise

    Jessica Abt: Hallo Matthias, klar liest deinen Kommentar noch jemand :) Die aktuellsten Kommentare...

  2. „S 124“ oder eine unerwartete Reise

    Matthias: Ob den Kommentar noch jemand lesen wird :-) Ich kann die...

  3. Mercedes-AMG GT 4-Türer Coupé: Familien-Liebling und Rennstrecken-Biest

    Rudi: So genial das Auto sein mag, wer hat den Namen verbrochen? ...

  4. Die neue B-Klasse: Sportlich, praktisch, großzügig

    Franz-Josef: Ja, ein schönes Automobil. Mercedes hat außen an den richtigen Stellen "geschraubt"....

  5. Mercedes-AMG GT 4-Türer Coupé: Familien-Liebling und Rennstrecken-Biest

    Stein: Man muss nicht alles toll finden, was da so gebaut wird. Habe...